
Als einigermaßen alter Sack fällt mir mehr und mehr auf, wie ahnungslos viele Leute aller Altersklassen sind, was Grundbegriffe der politischen Bildung bzw. Staatsbürgerkunde betrifft. In jeder Hinsicht. Und zwar so sehr, dass es sie im Alltag betrifft. Beispiele, aus Reddit und diversen Foren aufgeschnappt:
* Es gibt in Österreich eine “Kirchensteuer”, und der Staat zwingt irgendwie dazu.
* Wenn die GIS mit Polizei kommt, darf sie in die Wohnung (diese Story ist wohl nicht totzukriegen) oder auch das Gegenteil “niemand darf jemals in die Wohnung”
* Es gibt einen “Mindestlohn”, für den irgendwie die Regierung zuständig ist
* Preise und Löhne werden sowieso irgendwie von “den Politikern” festgelegt
* Komplettes Unverständnis des Strafrechts (wer klagt an, was ist der Sinn von U-Haft, wie läuft so ein Prozess ganz grob ab) und die Abgrenzung vom Zivilrecht
* Regierung vs. Nationalrat vs. Verwaltungsbehörden: wer macht eigentlich was? Woher kommen Gesetze, Verordnungen oder auch Bescheide?
* Bundeskanzler wird vom Volk gewählt, oder doch nicht?
* Wie schaut das Verhältnis von EU zu Mitgliedsstaten aus? Was haben uns EU-Parlament, Kommission, Rat (welcher?) und andere Institutionen eigentlich zu sagen?
Die Folge: man tappt in einem Nebel von Ahnungslosigkeit und fühlt sich irgendwie übervorteilt, bedroht, und “die da oben” machen doch mit einem was sie wollen. Kommt man in Kontakt mit Behörden, fühlt man sich hilflos. Der österreichische Volkssport “Sudern” lebt bestens davon.
Muss das sein? Keineswegs. Schon in meinem wirklich antiken Schulbuch “Staatsbürgerkunde” waren alle der obigen Themen der damaligen Lage entsprechend gut und lebensnah beschrieben. Ich bezweifle, dass sich das inzwischen verschlechtert hat. Im Gegenteil: man kann heute nicht nur sämtliche Gesetzestexte gratis und in Sekunden selber nachlesen, es gibt mit [oesterreich.gv.at](https://oesterreich.gv.at) auch eine wirklich fantastische, lesefreundliche Übersicht über viele Rechtsbereiche. Ganz zu schweigen von [laienfreundlichen Youtube-Videos](https://www.youtube.com/watch?v=19rij9SpSac&list=PLdupJC9NCFpprCVDtOAAdLPE6JUKXuIHg). Aber man muss das Angebot halt auch aktiv wahrnehmen, statt gleich in Foren loszusudern – mündiger Bürger zu sein ist halt ein bisserl anstrengender.
30 comments
Man kann von der AHS halten, was man will aber wir haben die meisten dieser Themen damals (vor >20a) im Unterricht durchgenommen. Ob das allerdings auch bei Allen hängen geblieben ist kann ich nicht sagen.
War in einer HBLA, Matura 2004. Hatte zwar politische Bildung, aber sowas (also eigentlich die basics) waren nicht im Stoff. Wir haben echt nur Schwachsinn gemacht und sogar das war so beschissen erklärt, dass es keiner verstanden hat. Die beste Note, die der Typ vergeben hat, war ein mal ein 3er auf einen Test. Das war unser Streber, die deswegen einen Heulkrampf gekriegt hat
Wir mussten in “politischer Bildung” (das mit dem Geographie Untericht gekoppelt war) die Namen aller Minister auswendig lernen. Was wir aber nicht gelernt haben ist was die Minister eigentlich machen.
von den ganzen Punkten im post ganz zu schweigen…
Bei mir war politische Bildung = Geschichte & politische Bildung und der politische Bildung-Teil war sehr nebensächlich; wenn nicht grad eine Wahl oä stattgefunden hat, dann haben wir eig nichts tagesaktuelles besprochen.
Kann nicht sagen, wie es in der Oberstufe einer AHS ist, aber laut Freunden haben sie nicht wirklich viel drüber gelernt. Ich bin nach der 5. Klasse in eine BHS gewechselt, in der ich u.a. Wirtschaft & Recht hatte und das war mMn schon ziemlich sinnvoll.
Warum man nicht zB 1 Wochenstunde Deutsch oä für juristische Grundlagen opfern kann, verstehe ich nicht wirklich. Klar, ich studiere Jus und bin dementsprechend biased, aber Grundkenntnisse wie die im Beitrag aufgezählten oder Basics in Miet- oder Arbeitsrecht braucht eh jeder. Hauptsache ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in der 5. Klasse AHS in Bio den Lebenszyklus der Tsetsefliege gelernt habe x)
Wieviele BK (nach einer Wahl, Ned die
rücktritts gschichtln) waren nicht Spitzenkandidat der jeweiligen Partei -Liste ?
Bei uns war politische Bildung vielleicht ein Semester nebensächliches Thema und auch nur bei ner Wahl, ansonsten gab es da in der AHS nichts
Von allgemeinen Themen wie Steuerklassen ganz zu schweigen, die kamen dann zu zentralmatura und haben gleich für riesen Verwirrung geführt, weil keiner wusste wie die verwendet werden
Da fehlt heutzutage bei der AHS wirklich der allgemeinbildende Aspekt
Vor >20a hatte ich politische Bildung als unverbindliche Übung, weil es mich interessiert hat und zu Hause sowas kein Thema war. Es war wirklich gut gemacht inklusive Podiumsdiskussion mit Vertretern (keine Frau dabei…) aller Parteien am Ende des Schuljahres. Sonst gab es viele Gelegenheiten in Deutsch, Geschichte und Geografie. Die AHS heute ist definitiv ganz anders als damals. Was ich aber besonders übel finde, ist, dass vieles unter Schwarz-Blau 1 mit Ministerin Geherer eingespart wurde und es solche Angebote an den AHS heute nicht mehr gibt. Was mir auffällt ist: Es fehlt an lebenspraktischen Infos wie, Steuern, Schulden, Miete, Arbeits- und Sozialrecht. Wir haben uns das allerdings auch mti der Zeit und den Bedürfnissen aneigenen müssen, auch >20a gabs das nicht in der Schule.
War auf einer AHS in Kärnten. Matura 2005, Politische Bildung gab es genau gar nicht, erinnere mich an eine kurze Diskussion im Deutschunterricht, damals ging es um den Schüssel, das war’s.
Wenn da im Elternhaus kein Interesse bestand, war man quasi auf sich allein gestellt.
Sich das Wissen später selbst anzueignen ist mühsam, und wurde vielfach auch nicht mehr nachgeholt. Kenne genug Menschen, die bestimmte Parteien nur wählen weil es das eigene Umfeld so tut. Parteiprogramm, Werte sind da meist nicht wirklich bekannt oder egal.
Danke für den Post! Bin auf ner AHS gewesen und muss aber sagen, dass einige Themen 100% NICHT durchgemacht wurden. Von denen die du gesagt hast, folgende:
– Kirchensteuer (es wurde zwar die Geschichte der Kirchensteuer angesprochen, aber wie man Austritt oder was/wann man zahlen muss nicht. Das ich als Student freigestellt bin, hab ich erstmalig durch einen Studienkollegen erfahren)
– GIS
– Ablauf eines Strafrechtsprozesses (Wir haben zwar die Instanzen undso durchgemacht und waren dann auch bei einer Exkursion bei uns im Gericht mit dem Richter undso, aber wie das konkret Abläuft eben nicht)
Bonus:
– Arbeitnehmerveranlagung (hätt ich ZUFÄLLIG nicht meine Mama am Abend gesehen, wie die das gemacht hat und daraufhin in der Schule in BVW/BWL gefragt, hätte das die Lehrerin nichtmal angesprochen. So wars wenigstens eine 15 minütige Diskussion)
Bin exakt der Noob den du beschreibst (ohne des Verschwörer denken) aber i find des alles anfoch zu aufgeblasen und kompliziert.
Wir haben ned mal ein Achtel davon im unterricht gelernt, geschweige denn ein Schulbuch dafür gehabt.
Preise und Löhne werden vom Ständestaat, also den Kammern, festgelegt.
lernen hätten wir das in der Schule auch sollen, gelernt haben wir es für den nächsten Test und dann vergessen. Das berührt einen 12 bis 14 oder meinetwegen bis 16-jährigen doch kaum.
Noch nicht einmal durch einen Zwangsausflug ins Parlament.
Was ich darüber inzwischen weiß, ist danach im Lauf der Jahre durch die Konfrontation mit den Themen hängengeblieben.
Vielleicht hilft es, wenn jeder vor einer Wahl einen Test mit Staatsbürgerschaftfragen ablegen muss oder sonst nicht wählen darf.
Aber vermutlich würden dann die meisten einfach aufs wählen pfeifen.
wobei, wär vlt. eh besser.
Politische Bildung sollte meiner Meinung nach ein eigenes Schulfach sein. Mein Geschichtslehrer (AHS) meint er würde gerne viel mehr über Politik mit uns sprechen, muss aber eben auch Geschichte unterrichten und mit zwei Wochenstunden geht sich nicht alles aus. Interesse an Politik ist bei einigen meiner Mitschüler*innen schon vorhanden und wir diskutieren auch oft in der Schule darüber. Die holen sich ihre Infos aber hautsächlich aus dem Internet und nicht aus dem Unterricht.
Es GIBT eine Kirchensteuer und der Staat erlaubt diese…
Ob man jetzt Beitrag oder Steuer sagt ist einfach irgendwas. Nachdem man mit der Geburt Beitritt und es eine prozentuelle Abgabe ist past Steuer besser.
Ich geh auf ein gymnasium und bin 16, darf also schon wählen und ich hab in geschichte/politische bildung und gwk bei sowas immer aufgepasst und wir haben vielleicht die hälfte von den punkten kurz gestriffen, aber hauptsache ich kann primfaktorzerlegung und eine seit 2000 jahren tote sprache.
Ich hatte in den letzten zwei Schulstufen (HAK-Matura 2008) ‘politische Bildung und Recht’, wobei in der vierten HAK Staatsbürgerkunde und in der fünften HAK Straf- und Zivilrecht unterrichtet wurden. Als Lehrer wurden hauptberufliche Richter herangezogen und es gefiel mir so gut, dass ich am Schluss selbst Jus studiert habe. War wirklich top und sollte mMn an jedem Schultyp Standard sein!
Das Fach gabs bei uns in der AHS (2009-2017) gar nicht mehr. Politik war Teil von Geschichte, aber da gings halt um vergangene Politik anstatt heutige.
Praktisch alles was fürs Leben brauchst musst selber lernen, schulische “Allgemeinbildung” is in der Hinsicht ein Witz.
Ja wennst do von volkschule bis zum heer 12 jahre lang anhören musst wie da 2te WK war bleibt halt nimma viel zeit für anderes….
Selbiges bei englisch.
Wenn der Lehrer 4 jahre lang von sein lieblingsfussballverein spricht und seine kicker ne 1 gibt hat der rest nicht viel davon…
> Ganz zu schweigen von laienfreundlichen Youtube-Videos.
Vielleich kann ja Tapakapa was dazu machen.
Bei mir in der Schule war politische Bildung genau so sinnlos wie Religionsunterricht… Es wurde nix getan
Wo hätte ich da aufpassen sollen?
Finde absolute Grundlagen wie Mathematik, Deutsch und Englisch da um einiges wichtiger.
Habe einige Bekannte, die jetzt bald Matura machen und effektiv kein Englisch können und bei denen das Deutsch auf so einem niedrigen Level ist, dass sie quasi nur einfache Begriffe verwenden und alle paar Sätze einen Rechtschreibfehler einbauen.
Frage mich da schon ein bisschen, wie so jemand in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt klarkommen soll. Aber ich nehme mal an, dass nicht alle in dem Alter so drauf sind
Sowas gab‘s bei uns nicht wirklich. Hätte wohl irgendwie bei Geschichte dabei sein müssen
Kleine Anekdote: Eine Bekannte hatte an der Berufsschule „politische Bildung“ und in einer Einheit wurden mal die jeweiligen Präsidenten der einzelnen Länder abgefragt.
Es kam die Frage, von welchem Land Jacques Chirac denn der Präsident sei.
Die Klasse einigte sich nach einer Gruppendiskussion auf Irak, da sich die Namen ja reimen, das wäre immerhin ein Indiz…
Was soll man solchen Leuten an Bürgerkunde beibringen?
Ich weiß, dass die Kids dort damals erst so 16-18 Jahre alt waren, aber nicht mal auf die Reihe zu kriegen, dass Jacques ein französischer Vorname ist, ist schon irgendwie hart.
Recht & Steuern sollte Teil des Pflichtschullehrplans sein. Genauso wie heutzutage neben Lesen/Schreiben und Rechnen auch Computerkunde gelehrt werden muss. Im beruflichen Umfeld ist man ohne basic Anwenderkenntnisse von PCs mit einem Analphabeten gleichzusetzen.
Hab in 2 Jahren meine Matura und in meiner gesamten Zeit auf’m Gymnasium haben wir so zirka 2 Mal abseits von Wahlen über die Politische Struktur und wie das alles abläuft geredet
Kinder, bildet euch selber.
Schule in AT ist müll.
Politik ist halt ein schwachsinn, jeder der nicht geisteskrank werden will sollte einfach nur pumpen gehn und drauf schaun das der Körper Aesthetisch wird. Die moderne welt und ihre einzelheiten ist erstens ein fehler und zweitens komplett schizophren.
Meine Politik: Radikal Apolitisch mit Ästhetik Tendenzen.
Gehts lieber pumpen als Politik machen, hab diesen Fehler auch gemacht und jetzt nur noch Zyzz als Ziel.
Wenn du deine Seele nicht verkaufen willst machst Aktivismus und dann fickt dich der Staat und politisches gegenstück. Alles Nutten in unserer neuen Aristokratie (Medienmacher, Journos, Politiker, etc.)
TL;DR politik ist müll für den geist.
Als auch älterer Sack, in der Schule aufpassen bringt da wenig, weil bei uns war das meiste davon nie Unterrichtsgegenstand.
Wird nur erwartet, dass man’s als Erwachsener dann weiß. Woher aber … *schulterzuck*
Genau den EU-Teil gab es bei uns ins … “Volkswirschaftslehre” oder so? Kann’s sein, dass des so hieß? Lange her. Daran erinner ich mich noch zumindest.
Muss aber auch ehrlich sagen, das Fach is das erste und einzige Mal wo ich ernsthaft im Unterricht eingeschlafen bin. Trockenes Fach von trockenem (und soweit ich mich erinner unsympatischen) Vortragenden, keine gute Kombi …
Vermutlich irgendwann/irgendwo auch noch den Teil zur österreichischen Regierung, Parlament, Nationalrat etc., das ist zu offensichtlich, als dass es nie irgendwann vorgetragen worden wäre.
Aber die obersten fünf Punkte beispielsweise und ähnliche – Steuer zB – irgendwo.
Und ja, prinzipiell stimmt’s, das alles sollte in der Schule gelehrt werden. Und man muss einfach auch irgendwie das Interesse der Jugendlichen wecken, in dem Alter is man einfach oft uninteressiert, das muss berücksichtigt werden.
Kirchensteuer hab ich nicht ein mal gezahlt. Zuerst Befreiuung als Student, dann als sie das erste mal wollten, dass ich den Scheiß zahl, bin ich ausgetreten.