Rund 22 Monate nach Beginn des Kriegs mit der Terrororganisation Hamas hat sich Israels Führung für eine weitere Verschärfung der Kämpfe im palästinensischen Gazastreifen entschieden. Das israelische Sicherheitskabinett stimmte einem Plan von Regierungschef Benjamin Netanjahu zur militärischen Einnahme der Stadt Gaza zu. Wie Netanjahus Büro am Freitagmorgen mitteilte, wurde der Beschluss nach stundenlangen Beratungen gefasst.

Zusätzlich verabschiedete das Sicherheitskabinett fünf Leitprinzipien zur Beendigung des Kriegs. Dazu zählen die dauerhafte militärische Kontrolle des Gazastreifens durch Israel, die vollständige Entwaffnung der islamistischen Hamas sowie die Entmilitarisierung des gesamten Küstengebiets. Perspektivisch soll eine alternative Zivilverwaltung etabliert werden.

Netanjahu: Keine dauerhafte Besatzung

Die neue Militäroperation soll sich laut dem israelischen Fernsehsender “N12” vorerst auf Gaza-Stadt im Norden konzentrieren. Ziel sei die Evakuierung der dortigen Bevölkerung in zentrale Flüchtlingslager – ein Prozess, der bis Anfang Oktober abgeschlossen sein solle. Offizielle Bestätigungen dazu lagen zunächst nicht vor.

Benjamin Netanjahu bei einer Pressekonferenz zum NahostkonfliktIsraels Premierminister Benjamin NetanjahuBild: Ronen Zvulun/Pool Reuters/dpa/picture alliance

In einem Interview des US-Senders “Fox News” betonte Netanjahu, Israel wolle den Gazastreifen nicht dauerhaft besetzen, aber militärisch kontrollieren. Nach der Zerschlagung der Hamas solle das Gebiet an “arabische Kräfte” übergeben werden, die Israels Existenzrecht anerkennen. “Wir wollen ihn nicht behalten. Wir wollen ihn nicht regieren”, erklärte Netanjahu.

Hamas warnt vor Konsequenzen

Die Hamas drohte derweil mit Konsequenzen für den Fall einer weiteren Eskalation. Die israelische Armee werde dafür einen “hohen Preis” zahlen, hieß es in einer Stellungnahme der Islamischen. Details wurden nicht genannt. Die Hamas wird von zahlreichen Staaten weltweit als Terrororganisation eingestuft.

Derzeit kontrolliert Israel laut Medienberichten rund drei Viertel des zerstörten Gazastreifens, in dem etwa zwei Millionen Menschen leben. Spekulationen über eine vollständige Besetzung kursierten bereits seit Anfang der Woche. Die nun verkündeten Maßnahmen gehen offiziellen Angaben zufolge jedoch nicht so weit.

Festgefahrene Verhandlungen mit der Hamas

Die Entscheidung des Sicherheitskabinetts erfolgt vor dem Hintergrund festgefahrener Verhandlungen mit der Hamas über eine Waffenruhe und die Freilassung der verbliebenen Geiseln. “Ich verstehe genau, was die Hamas will. Sie will keinen Deal”, sagte Netanjahu kürzlich in einer Videobotschaft. Er sei entschlossener denn je, die Geiseln zu befreien und die Hamas zu vernichten.

Gleichzeitig vermuten Beobachter, die Ankündigung einer Offensive könne Teil einer Verhandlungstaktik sein, um die Hamas unter Druck zu setzen. Medienberichten zufolge versuchen Vermittlerstaaten wie Katar und Ägypten, die Gespräche wieder in Gang zu bringen.

Lapid: “Eine Katastrophe”

Scharfe Kritik kommt von Israels Oppositionsführer Jair Lapid. Auf der Plattform X nannte er die geplante Einnahme Gaza-Stadts eine “Katastrophe”, die viele weitere nach sich ziehen werde. Die Offensive gefährde das Leben der Geiseln ebenso wie das der israelischen Soldaten. Lapid warf Netanjahu vor, sich von seinen rechtsextremen Koalitionspartnern Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich treiben zu lassen. Beide gelten als Befürworter einer vollständigen Besetzung des Gazastreifens und der Vertreibung seiner Bewohner.

Israels Oppositionsführer Jair Lapid am RednerpultOppositionsführer Jair Lapid (Archivbild)Bild: Kobi Gideon/GPO/picture alliance/dpa

Auch innerhalb der Armee soll es Vorbehalte gegen eine Komplett-Offensive geben. Die Militärführung äußerte laut Medienberichten bereits zuvor Bedenken – insbesondere wegen der Geiseln. Nach israelischer Einschätzung befinden sich aktuell noch rund 50 Menschen in der Gewalt der Hamas, etwa 20 von ihnen sollen noch am Leben sein.

Landesweite Demonstrationen für Geiseldeal

In mehreren israelischen Städten protestierten am Donnerstagabend Tausende Menschen gegen die Ausweitung der Kämpfe. In Jerusalem versammelten sich Demonstranten vor dem Amtssitz Netanjahus. Viele Angehörige der Geiseln forderten ein umfassendes Abkommen zur Freilassung der Entführten.

“Die Regierung muss ein Abkommen auf den Tisch legen, das alle 50 Geiseln nach Hause bringt, um den Krieg im Austausch für die letzte Geisel zu beenden”, zitierte das Nachrichtenportal “ynet” die Mutter eines Entführten. Eine andere Demonstrantin sagte in Richtung der Regierung: “Eine Ausweitung der Kämpfe ist eine tödliche Gefahr – schaut uns in die Augen, wenn ihr die Geiseln opfert.”

Fackelprotest vor Netanjahus Büro für GeiselfreilassungFackelprotest vor Netanjahus Büro in Jerusalem (07.08.2025)Bild: Ronen Zvulun/REUTERS

Mehrere Angehörige ketteten sich vor Netanjahus Amtssitz aneinander, wie auf Videoaufnehmen zu sehen war. Andere Demonstranten versammelten sich um eine große, entfaltete israelische Flagge, auf der Bilder der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln aufgedruckt waren. Die Polizei versuchte in einigen Fällen, die Proteste mit Wasserwerfern aufzulösen. Medien berichten von mindestens fünf Festnahmen.

Kritik aus Großbritannien

Großbritanniens Premierminister Keir Starmer kritisierte den Plan Israels als “falsch”. “Diese Maßnahme wird weder zur Beendigung des Konflikts noch zur Freilassung der Geiseln beitragen”, sagte er. Starmer warnte, das Vorhaben Israels werde “nur zu weiterem Blutvergießen” führen.

Der Krieg im Gazastreifen war durch den Terrorangriff der Hamas und verbündeter militanter Gruppen am 7. Oktober 2023 ausgelöst worden. Damals töteten die Angreifer rund 1200 Menschen in Israel und verschleppten mehr als 250 in den Gazastreifen. Die israelische Armee tötete in ihrem anschließenden Militäreinsatz nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 61.000 Menschen in dem Küstengebiet. Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen, gelten aber als glaubwürdig.

pgr/se/wa (dpa, afp, kna, rtr)