
Dass die Heute keine Qualitätszeitung ist, ist keine Neuigkeit. Hier stehen reißerische Headlines, emotionsgelade Artikel und Sensationsgeilheit im Vordergrund – aber wie genau wird hier vorgegangen? Anhand eines aktuellen Artikels möchte ich aufzeigen, wie die "Heute" Fakten aus dem Kontext reißt und durch das Erwecken negativer Emotionen Menschen dazu verführt, auf Artikel zu klicken, die Studien nicht wahrheitsgetreu wiedergeben.
Dieser Artikel wurde am 16.08.2025 auf der Website heute.at veröffentlicht: https://www.heute.at/s/supermarkt-job-zu-minder-syrer-sabotieren-deutschkurs-120125049
Der Titel des Artikels lautet: Brisanter Bericht enthüllt: Supermarktjob zu minder – Syrer sabotieren Deutschkurse
Beim Durchlesen der Schlagzeile kann man bereits Vermutungen anstellen, worum des in dem Artikel geht. Die Integration von Migranten in Österreich ist mittlerweile seit mehreren Jahrzehnten ein emotional diskutiertes Thema. Das Erlangen von Sprachkenntnissen wird hier als eine grundsätzliche Voraussetzung gesehen; so ist die Teilnahme am Arbeitsmarkt ohne entsprechende Deutschkenntnisse fast nicht möglich. Anzudeuten, dass syrische Staatsangehörige absichtlich die (teuren) Sprachkurse sabotieren, lässt einen natürlich aufhorchen. Aber worum geht genau?
Der Artikel fasst eine vor kurzem veröffentliche Studie des AMS zusammen, die öffentlich zugänglich ist: https://forschungsnetzwerk.ams.at/dam/jcr:9845e25b-6a6a-4d26-a7d3-99e832a597f0/AMS_2025_Recent%20Arrivals_syrische%20Fluechtlinge_Arbeitsmarkt.pdf
Diese qualitative Studie besteht aus Interviews mit 53 syrischen Staatsangehörigen, die größtenteils seit 2020 in Österreich leben, ergänzt wird sie quantitativen Daten des AMS. Es wird kein Autor in dem "Heute"-Artikel angegeben. Der Verfasser beschreibt, dass Syrer "absichtlich" Deutschkurse nicht bestehen, um nicht an "niederere Jobs", wie als Verkäufer in Supermärkten vermittelt zu werden.
Tatsächlich steht auf S. 122 des Berichts, das eine Interviewte angab, dass ihr folgendes bekannt ist: Das AMS gibt, ohne sich die individuelle Situation der Person anzusehen, Jobangebote aus, die weder den Qualifikationen der Personen entsprechen, oder überhaupt im selben Wohnort der Person sind. Daher werden die Kurse absichtlich nicht positiv abgeschlossen, damit sie für solche Jobs nicht berücksichtigt werden.
So werden regelmäßig Jobangebote in anderen Bundesländern vorgeschlagen, die die Personen aufgrund von Betreuungspflichten oder fehlendem Führerschein nicht wahrnehmen kann. Nostrifizierungsprozesse (also die Anerkennung ausländischer Abschlüsse) ist langwierig – wenn der Abschluss überhaupt anerkannt wird (s. 125).
Wieso ist einem Syrer etwas zuzumuten, was wir "autochonen" Österreicher auch nicht machen würden? Wer würde einen Job in Graz annehmen, wenn er in Wien wohnt und die Kinder dort zur Schule gehen? Muss man dankbar dafür sein, überhaupt in Österreich zu leben und hat gefälligst anzunehmen, was einem angeboten wird? Auch Menschen, die in Österreich geboren werden, sollten nach dieser Logik "dankbar sein", dass sie in Österreich leben, oder?
Auch wird bemängelt, das Syrer anscheinend oft gleich zu einem Job vermittelt werden, ohne einen Ausbildungsplatz anzubieten. Schnell werden sie in Niedriglohnjobs in der Industrie- oder Dienstleistungssektor vermittelt, was oft zu verminderten Karrierechancen führt.
So wird übrigens auch in der Studie beschrieben, dass die Qualität von den Deutschkursen oft mangelhaft ist; so muss man lange auf einen Sprachkurs warten; die Lehrkräfte wechseln oft; die Sprachvermittlung erfolgt auf niedrigem Niveau (was nicht nur von den SchülerInnen so angegeben wird, sondern auch von den Arbeitgebern so rückgemeldet wurde)
Die Wirkung dieses Artikels ist in der Kommentarleiste gut zu sehen:
Ein Kommentar schrieb bespielsweise:
grantler68 | vor 2 Stunden
Mich würde wirklich ernsthaft interessieren, warum eine syrische Ärztin, die in der Türkei schon sicher war in Österreich Asyl bekommt?
minna | vor 1 Stunde
DAS ist eine sehr gute Frage!
Was die Kommentatoren allerdings nicht bedenken: in den sogenannten Transitländern, in denen hier lebenden Syrer zuvor gelebt haben, ist der Lebensstandard für Flüchtlinge teilweise lebensgefährlich:
"Einige Befragte berichteten von Entführungen mit Lösegeldforderung, Inhaftierungen ohne Anzeigen, (…) verbale und körperliche Attacken, willkürliche Abschiebungen (…) ( Kohlenberger et al, s. 9). Des Weiteren entwickeln viele Personen durch den dauerhaften (emotionalen Stress) zT Posttraumatische Belastungsstörungen. Es mag leicht sein, hinter seinem Computer Menschen zu verurteilen, die ein besseres Leben haben zu wollen; Empathie und Mitgefühl sind wohl zu anstrengend für "grantler68" und "minna".
Ich werfe der Heute nun dezidiert folgendes vor: Sie nehmen sich die Teile der Studie raus, die am kontroversesten klingen und blenden alle anderen Teile einfach aus. Dann gießen sie das in einen clickbait – Artikel und veröffentlichen ihn mit Verweisen auf eine wissenschaftlichen Studie eines anerkannten Instituts (AMS), ohne auch nur zu versuchen, sich der Komplexität des Themas anzunehmen.
"Nanonaned" werden jetzt viele denken; mit diesem Beitrag wollte ich ich aber ein wenig tiefer in die Materie gehen und genau aufzeigen, wo die Heute Fakten aus dem Kontext reißt.
Integration, Spracherwerb, Kultureller Austausch, das Leben mit Ausländern; alles wichtige Themen, wo man sich auch gerne streiten darf und Kritik äußern soll. Aber nicht mit verdrehten Fakten und clickbait- Artikeln, die nur mehr Klicks für heute.at generieren sollen.
P.S. was ich in der Studie interessant fand; anscheinend gibt es in der syrischen Community einen Split: so gibt eine Interviewte an, dass sich länger hier aufhältige Syrer (zB seit 2015) sich weniger mit den "neu Zugereisten" abgeben weil sie sich "in einer höheren Klasse sehen" (s.80) Kann jemand dazu seine Erfahrungen teilen?
by NeighborhoodSilly475
4 comments
Die Heute hat auch damals geschrieben, dass der Wiener Hauptbahnhof nicht an die U-Bahn angeschlossen sein wird…
FPÖ Blattl halt.
Sehr interessant danke für die Aufklärung !
Wundert mich nicht. Kein großes Geheimnis, dass man weniger weiß als vorher, nachdem man solche Blätter (auch Krone, Österreich,…) gelesen hat.
Trotzdem super, dass du das hier so konkret für alle aufarbeitest und zur Schau stellst!
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