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Die israelische Flagge. © JACK GUEZ
Israel wird zum Ausdruck aller Krisen gemacht – das ist falsch und ungerecht. Die Kolumne von Anetta Kahane
Als mir wieder einmal die ganze Düsternis der Welt auf dem Kopf zu sitzen schien, erinnerte mich mein kluger Neffe Leon Kahane daran, dass diese Welt gar nicht anders kann, als dialektisch zu sein. Dieser Gedanke löste meine Verzweiflung nicht auf, doch zumindest rettete er für einen Augenblick meinen angeborenen Optimismus. Die Welt ist in einem gefährlichen Zustand. Sie verändert sich rasant. Krisen und Kriege rücken näher. Bei all dem Durcheinander und der Gleichzeitigkeit so vieler Prozesse und den entsprechenden Theorien darüber, wundert es mich nicht, dass sich Hasswellen auftürmen.
Dass diese aber fast ausschließlich über Israel zusammenbrechen, ist kein gutes Zeichen. Israel wird zum Ausdruck aller Krisen gemacht, zur Projektionswand von Illusionen und bösem Neid, eine der Todsünden, die schon immer der Treibstoff des Antisemitismus war. Doch ist dies nicht nur falsch und ungerecht. Es ist eine Sackgasse. Denn sie führt weg von den Problemen der Wirklichkeit und hin zu einer kollektiven hysterischen Blindheit, die kein einziges Problem wirklich zu lösen in der Lage sein wird.
Ich kann nicht begreifen, dass so viele Menschen tatsächlich glauben, was die Hamas und andere todesbesessene radikale islamistische Terroristen da als Narrativ geschaffen haben. Es fällt mir schwer, das zu sagen, wo sich doch alle einig darüber zu sein scheinen, wie böse Israel ist und alle Juden, die sich gegen diesen irren Hass wehren. Links oder rechts oder geradeaus – in jedem politischen Spektrum findet sich dieser Wahnsinn, für den es kein Halten zu geben scheint. Er spiegelt nicht die bittere Wirklichkeit des Krieges, er illustriert nicht die tiefe Krise innerhalb Israels, er verliert kein Wort darüber, weshalb bisher jede Friedensbemühung Israels gescheitert ist. Er erfasst nicht die weltweite Gefahr durch islamistischen Terror. Schon gar nicht, wenn es um den Globalen Süden geht, der doch so vielen besonders am Herzen liegen soll.
Der Wahnsinn beißt sich allein an dem winzigen Land fest, obwohl doch die Umbrüche unserer Zeit weit darüber hinaus gehen. Der Wahnsinn schreit auch diejenigen nieder, die in ihren Ländern endlich frei sein wollen von islamistischer Unterdrückung, und er zeigt durch Boykotte, Canceling und Demos der israelischen Opposition den Stinkefinger. Schlimmer noch: auch der palästinensischen in Gaza.
Ich wundere mich über doppelte Standards in Deutschland, wenn es um Israel geht. Daten, Fakten, Hintergründe – wo bleiben sie? Stattdessen machen erst mal Falschmeldungen und Fakes durch die Hamas die Runde. Die Kritik an Israel ist so einseitig, wie das Leben und die Welt niemals sein könnten. Das ändert nichts daran, dass es viel zu kritisieren gibt. Doch wird aus Einseitigkeit plus Fake keine Wahrheit.
Warum also das alles? Wo doch unvergleichlich schlimmere Kriege im Globalen Süden geschehen? Aber Israel soll der Paria für alles bleiben? Wenn gesagt wird, man kritisiere doch nur einen Freund, bedeutet das: gnädigerweise sehen wir euch noch als Teil der zivilisierten Welt. Aber wir hauen besonders drauf, weil ihr ja das Kainsmal der Auserwähltheit tragt. Dafür gibt’s was extra! Nämlich Forderungen wie an sonst niemanden. Mein kluger Neffe meint, das erste ist rassistisch und das zweite antisemitisch. Recht hat er. Ich bin gespannt, was die Dialektik als Nächstes in petto hat.