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Erst umworben, jetzt überflüssig? IT und KV verzeichnen starken Stellenrückgang

Eine Callcenter-Agentin mit Headset sitzt vor mehreren Computerbildschirmen. Sie trägt einen grauen Pullover.

Das KV gehört zu den beliebtesten Ausbildungsberufen in der Schweiz. Doch die Stellenausschreibungen gehen zurück.

Foto: Simon Glauser (20 Minuten)

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In Kürze:Die Erwerbslosenquote in der Schweiz stieg im zweiten Quartal auf 4,6 Prozent.Die IT-Branche verzeichnet 31 Prozent weniger offene Stellen als im Vorjahr.Klassische Büroberufe erleben einen Rückgang von 24 Prozent bei den Stellenangeboten.Kantone im Norden und im Osten spüren die Arbeitsmarktveränderungen besonders stark.

Unmittelbar nach der Coronapandemie waren die Klagen über den Fachkräftemangel allgegenwärtig. Unternehmen beschwerten sich, dass sie nicht genug Bewerber fänden und dass insbesondere Junge sich zu viel herausnähmen. Die Arbeitnehmenden sahen ihre Zeit gekommen, forderten mehr Homeoffice, Workation und die 4-Tage-Woche.

Doch nun, drei Jahre später, sind diese Zeiten vielerorts wieder vorbei. Im zweiten Quartal dieses Jahres stieg die Erwerbslosenquote in der Schweiz um 0,6 Prozentpunkte auf 4,6 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik diese Woche mitteilte. Dieser Wert liegt höher als die Arbeitslosenquote, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) kommuniziert und die derzeit 2,7 Prozent beträgt. Das liegt daran, dass das Seco nur Personen erfasst, die bei den RAV als arbeitslos gemeldet sind.

Dass die Situation am Arbeitsmarkt angespannter ist, zeigt auch ein Blick auf die offenen Stellen. Berufe, die einst als sichere Bank galten, haben hier derzeit mehr Schwierigkeiten.

Wie aus dem Swiss Job Market Index des Personaldienstleisters Adecco und der Universität Zürich (UZH) hervorgeht, gab es im ersten Halbjahr im Vergleich zur Vorjahresperiode 31 Prozent weniger offene Stellen für Hochschulberufe im Bereich Informatik. Dazu zählen etwa Softwareentwickler, IT-Architektinnen und Datenanalysten. Seit Mitte 2022 habe sich die Zahl der offenen Stellen in diesem Bereich mehr als halbiert und liege inzwischen sogar unter dem Niveau von 2014/2015, so die Auswertung.

Künstliche Intelligenz senkt die Nachfrage

Laut den Autoren hat das verschiedene Ursachen: Zum einen habe es in der Branche ein Nachfragehoch in den Pandemiejahren 2020 bis 2022 gegeben, angestossen durch einen Digitalisierungsschub bei den Unternehmen. Diese Nachfrage scheint nun weitgehend gedeckt.

Zum anderen hätten sich auch die Anforderungen an die Branche verändert – vor allem durch Automatisierung und künstliche Intelligenz. Technologischer Fortschritt ermögliche es, viele Programmier- und Analyseaufgaben effizienter zu erledigen. Cloudlösungen und IT-Outsourcing reduzierten die Nachfrage weiter, so Adecco und die UZH.

Das spiegelt sich auch in der Arbeitslosenstatistik wider: Die Zahl der registrierten Arbeitslosen in der IT-Branche war im Juli 19 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Die Arbeitslosigkeit lag mit 3,9 Prozent über dem Durchschnitt im Gesamtmarkt.

Bei den klassischen Büroberufen sieht es nicht besser aus. Im ersten Halbjahr 2025 wurden 24 Prozent weniger Sachbearbeiterinnen, Verwaltungsangestellte oder Vertriebsmitarbeiter gesucht als noch im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang in diesem Bereich besteht seit Mitte 2023.

Wie auch in der IT machen die Autoren des Swiss Job Market Index vor allem Digitalisierung und Automatisierung für den Rückgang der Stellenausschreibungen verantwortlich. Da viele Tätigkeiten in dieser Berufsgruppe zu einem beträchtlichen Teil aus standardisierten, repetitiven oder routinierten Aufgaben bestünden, liessen sie sich mithilfe von Software und KI besser automatisieren. Gleichzeitig würden strategisch-analytische Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen.

Industrie und Handel haben grössere Schwierigkeiten

Insgesamt dürfte die Arbeitslosigkeit in der Schweiz weiter ansteigen, sagt Michael Siegenthaler, Forschungsleiter Arbeitsmarkt bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, kurz KOF. Dies zeigt sich am KOF-Beschäftigungsindikator, der in diesem Monat weiter an Wert verloren hat. Mit ihm messen die Forscher, wie es um die Beschäftigungsaussichten der Schweizer Unternehmen steht. Die Antwort: nicht so gut.

So gab es im Juli gleich viele Firmen, die mit einem Stellenaufbau rechnen, wie solche, die von einem Abbau ausgehen. So schlecht waren die Erwartungen der Unternehmen zuletzt Anfang 2021. «Die Zeit nach Covid war speziell», sagt Siegenthaler. «Der Aufschwung hat alle Branchen und Länder gleichzeitig erfasst. Alle haben neue Stellen geschaffen, deswegen war auch der Fachkräftemangel so gross.» Es sei klar gewesen, dass das nicht ewig würde halten können.

Während es bei den Tätigkeiten vor allem Boomberufe trifft, haben sich die Sorgenkinder bei den Branchen laut Siegenthaler nicht geändert. Betroffen sind vor allem Wirtschaftszweige, die schon länger unter Druck stehen: das verarbeitende Gewerbe, also die Industrie, sowie der Gross- und Detailhandel. «Die weltwirtschaftliche Lage hat sich abgekühlt, was die Schweiz als Exportnation und diese Branchen besonders trifft», erklärt der Arbeitsforscher. Vor allem die wirtschaftliche Schwäche des Nachbarn Deutschland mache sich bemerkbar. «Die neuen US-Zölle erschweren die Lage für die betroffenen Firmen zusätzlich.»

Mehr Arbeitslose in Zürich und Zug

Da vor allem Industriejobs bedroht sind, sind die Kantone unterschiedlich stark von der Entwicklung betroffen. «Zwar ist die Arbeitslosigkeit in der Westschweiz schon seit langem strukturell höher», sagt Siegenthaler. «Aber die momentane Verschlechterung trifft eher Kantone im Norden und im Osten der Schweiz – etwa Zürich, Basel, Schaffhausen oder St. Gallen.»

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit auch in den klassischen Boomregionen gestiegen. Der Kanton Zürich hatte im Juli 2025 24 Prozent mehr Arbeitslose als im Vorjahresmonat, in Zug betrug der Anstieg 29,5 Prozent. In Basel-Stadt lag die Zahl der ausgeschriebenen Stellen vergangene Woche nur noch 12 Prozent über dem Wert von Januar 2020, während es in der gesamten Schweiz 28 Prozent waren.

Doch Siegenthaler malt nicht schwarz. «Bis Anfang nächsten Jahres dürfte die Arbeitslosigkeit nochmals steigen, im Winter gibt es vor allem in der Baubranche einen saisonalen Anstieg. Danach erwarten wir wieder eine leichte Verbesserung», so der Konjunkturforscher. Er geht davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt wieder dem Niveau von vor der Pandemie annähert, mit einer tieferen Arbeitslosenquote als derzeit – vorausgesetzt, es gibt keine grösseren Verwerfungen wegen der US-Zölle.

«Da nicht klar ist, wie lange die Zölle bleiben, haben wir noch keine Langfristeffekte in unsere Prognosen einbezogen», erklärt Siegenthaler. «Stand jetzt dürften die betroffenen Firmen aber vor allem auf Kurzarbeit statt auf Entlassungen setzen.»

Der Arbeitsmarkt im Wandel

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