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Millionen von Minen, Tausende Tote: Beide Kriegsgegner wollen ihre Böden mit Lasern gründlich säubern und gleichzeitig weiter fleißig Minen verteilen.
Moskau – „Seit Beginn der groß angelegten Invasion wurden nach Angaben des staatlichen Katastrophenschutzdienstes der Ukraine knapp 1.000 Menschen durch Minen und explosive Kampfmittelrückstände verletzt und 359 getötet, darunter mindestens 18 Kinder“, schreiben Anna Romandash und Ruchi Kumar. Die beiden Autoren des britischen Guardian beziehen sich auf die zivilen Opfer durch Minen im Ukraine-Krieg. Die Zahlen der militärischen Opfer von Wladimir Putins Angriffskrieg liegen unermesslich hoch. Jetzt wollen beide Seiten die tödlichen Fallen mittels Laser entschärfen – weil sie gleichzeitig weiter Minen legen wollen.
Minensperren im Ukraine-Krieg: „Das ist eine 20 Kilometer lange Hölle“
„Das ist eine 20 Kilometer lange Hölle“, sagte Mark Kimmitt dem Business Insider zu Beginn der Gegenoffensive im Ukraine-Krieg Mitte 2023, also Anfang des zweiten Kriegsjahres. Der ehemalige US-Brigadegeneral meinte damit die Verteidigungslinien der russischen Invasoren. Er hege keine Zweifel, dass das Überwinden der mit Minen bewehrten Verteidigungsstellungen „wahrscheinlich die härtesten Kämpfe außerhalb der Städte sind“, wie er ausführte. Gegenüber dem Guardian sagt Paul Heslop aktuell, dass laut seiner Einschätzung im Boden der umkämpften Regionen der Ukraine mehr als eine Million Minen schlummern, so der Bergbauexperte der Vereinten Nationen. Aber auch die Ukraine ist kein Unterzeichner-Staat der Ottawa-Konvention, die den Einsatz von Minen ächtet.
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Beide Seiten versuchen nun, neben klassischen Minenräumpanzern oder -Robotern beziehungsweise der Arbeit von Pionieren, den versteckten Sprengstoffen mittels gebündelter Energie Herr zu werden: durch die sichere Fernräumung von Sprengstoffen ohne Detonation, wie die Tass stolz verkündet. „Das Laser-Minenräumsystem kann mit leichten Fahrzeugen transportiert werden, und der Aufbau dauert nicht länger als zehn Minuten“, zitiert die staatliche russische Nachrichtenagentur einen Sprecher des Unternehmens LazerBuzz. Deren neuer Lichtblitz namens Posokh (Pikenstab) soll mittels der als Laser bezeichneten gebündelten Energie Sprengstoffe aus den Minenbehältern ausbrennen und somit die Entschärfung ohne Kontakt ermöglichen. Den Wirkungskreis des Geräts beziffert das Unternehmen auf 30 bis 700 Meter, so Tass.
„Die Minen werden die Russen nicht von einem Angriff abhalten. Dieser wird stattfinden, aber es ist noch eine Frage des Zeitpunkts.“
Demzufolge minimiere die Innovation die Detonationsrisiken, die mit der herkömmlichen Methode der Entschärfung einhergingen. Blindgänger, thermobarische Munition, verschiedene Arten von Landminen, Trümmer von Drohnenangriffen, so die Tass, bildeten damit keine Gefahr mehr. Wie das „Ukrainian Demining Cluster“ berichtet, arbeiteten die Verteidiger an einer Lösung, die auf der gleichen Überlegung basiert: einem Laser, der transportabel ist und quasi aus der geöffneten Heckklappe eines Fahrzeuges heraus die Minen beziehungsweise Blindgänger verdampft. Die Bilder der ukrainischen Entwicklung erinnern in der grobschlächtigen Konstruktion an einen Blitzer in einem am Straßenrand geparkten Kombi. Über seine ersten Tests hatte das Cluster Anfang Juni berichtet.
Putin und Selenskyj innovativ: 4.000 Minenräumer, doch das reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken
„Laser-Sensoren scannen reflektierte Signale eines ausgewählten Objekts und erkennen Anomalien, die typisch für explosive Kampfmittel sind“, schreiben die Entwickler aus der Ukraine. Letztendlich soll der Verdampfer auf einem Bodenroboter installiert werden und ferngesteuert den Boden porentief reinigen. Die Systeme arbeiteten mit entweder 350 Watt oder 1,5 Kilowatt und könnten mit der niedrigen Leistung bis zu 30 Meter wirken, mit der höheren Leistung bis zu einem Kilometer. Sprengsätze sollten damit in fünf bis zehn Sekunden neutralisiert sein, wie die Forscher mitteilen. Medienberichten zufolge arbeitet das russische System ähnlich; frappierend könnte sein, dass durch die Entschärfung lediglich der Sprengstoff neutralisiert und die Hülle intakt bleiben würde, wie das Magazin Newsweek den russischen staatlichen Rüstungskonzern Rostec zitiert.

Lebensgefährlicher Job: Ein Pionier der russischen Streitkräfte bereitet sich auf die Zerstörung von Minen während einer Minenräummission im Rahmen der russischen Militäroperation in der Ukraine vor. © IMAGO/Taisija Voroncova
Abgesehen von der tödlichen Mission, die Minenräumern beziehungsweise Pionieren zugedacht ist, belastet die Personalnot die Ukraine auch bei diesen Spezialisten. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen geht davon aus, dass die derzeit 4.000 in der Ukraine arbeitenden Minenräumer dem Bedarf deutlich hinterherlaufen. Der staatliche Katastrophenschutzdienst der Ukraine ist auf Kampfmittelräumungsteams angewiesen, doch in der gesamten Ukraine herrscht ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften. Derzeit gibt es im Land mindestens 4.000 Minenräumer, doch das reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken – gemeint sind vor allem zivile Minenräumer von Nichtregierungsorganisationen.
Die Gesichter der Betroffenen
Seit 2015 dokumentiert der Fotograf Giles Duley die Bodenverseuchung in der Ukraine. Duley ist ein Überlebender von Landminen und wurde 2022 der erste Global Advocate der Vereinten Nationen für Menschen mit Behinderungen in Konflikt- und Friedenskonsolidierungssituationen. Anfang 2024 fertigte er eine Fotoserie an, um Menschen, die von Landminen betroffen sind – ob als Überlebende oder als Minenräumhelfer – ein Gesicht zu geben.
Quelle: Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
„Ich glaube, selbst wenn wir alle Pioniere und ausgebildeten Minenräumer aus aller Welt zusammenbringen und in die Ukraine bringen würden, wäre das immer noch nicht genug“, zitiert die UN den stellvertretenden ukrainischen Wirtschaftsminister Ihor Bezkaravainyi. Im Oktober 2024 hat ein Wissenschaftler der University of Mississippi von einem Durchbruch in der Laser-Technologie zum Aufspüren von Minen berichtet. Daran soll Wjatscheslaw Arantschuk seit mindestens 2019 gearbeitet haben, wie die Universität schreibt. Der leitende Wissenschaftler am Nationalen Zentrum für Physikalische Akustik habe demnach einen Laservibrationssensor entwickelt und ihn Ende 2024 offiziell präsentiert: mit 30 in einer Linie angeordneten Laserstrahlen habe er vergrabene Objekte in sicherer Entfernung von einem fahrenden Fahrzeug aus finden können.
„Das Funktionsprinzip basiert auf der Interferenz von Licht“, sagte Aranchuk – also aus der Überlagerung von Wellen. „Wir senden Strahlen zum Boden, und die Interferenz des von verschiedenen Punkten auf dem Boden zurückgestreuten Lichts erzeugt Signale, deren Verarbeitung die Stärke der Vibrationen an jedem Punkt der Bodenoberfläche anzeigt.“ Ihm zufolge vibriere eine Landmine anders als der umgebende Boden und erscheine im Vibrationsbild als roter Fleck. Obwohl weder die Russen noch die Ukraine Details ihrer Entwicklungen preisgeben, mag das Prinzip das gleiche sein und nur um die Funktion zur Neutralisierung des Sprengstoffes ergänzt.
Ukraine zum Minenlegen genötigt: „Gezwungen, ein angemessenes Verteidigungsniveau sicherzustellen“
„Angesichts einer asymmetrischen Bedrohung ist die Ukraine gezwungen, ein angemessenes Verteidigungsniveau sicherzustellen“, sagt Andrii Danyk gegenüber dem Guardian. Danyk ist der Leiter des Staatlichen Dienstes der Ukraine für Notfallsituationen und somit vor allem für die Minenräumung zuständig. Russland und die Ukraine scheinen sich in der Nutzung von Minen nichts zu schenken, wie die französische Zeitung Le Monde kürzlich berichtet hat. Sowohl Antipersonen- als auch Panzerminen mit bis zu zehn Kilogramm Sprengstoff stehen hoch im Kurs. Durch die Drohnen-Technologie können sie sogar aus der Ferne platziert beziehungsweise abgeworfen werden.
„In einer Nacht können wir hundert Minen legen, wir werden das Tempo erhöhen“, sagt „Saha“, der die 32. Mechanisierte Brigade kommandiert, wie Jacques Follorou für Le Monde berichtet. Follorou zufolge wolle die Ukraine durch den Einsatz von Minen die deutliche zahlenmäßige Überlegenheit Russlands ausgleichen. 2005 hatte die Ukraine das Ottawa-Abkommen gegen den Einsatz von Antipersonenminen ratifiziert, um 2025 diesen Vertrag zu kündigen – moralische Erwägungen schienen der Selbstverteidigung gewichen zu sein Allerdings wissen vor allem die Soldaten, was ihnen Minen bringen und wie sie ihnen selbst schaden.
Jurij Gudymenko relativiert die Wirkung der Landminen im Ukraine-Krieg, wie der 37-jährige ehemalige Kommandant einer Pioniereinheit gegenüber Le Monde geäußert hat: „Die Minen werden die Russen nicht von einem Angriff abhalten. Dieser wird stattfinden, aber es ist noch eine Frage des Zeitpunkts.“