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Der Handelskompromiss zwischen EU und USA betrifft deutsche Autobauer. Experten empfehlen eine härtere Gangart – und prognostizieren Probleme.
Washington, D.C./Berlin – US-Präsident Donald Trump kann einen weiteren Erfolg im transatlantischen Handelsstreit verbuchen: Die Europäische Union (EU) will ihre Zölle auf Industriegüter aus den USA komplett abschaffen. Das geht aus einem Gesetzesvorschlag hervor, den die Europäische Kommission am Donnerstag veröffentlichte. Demnach sollen die Zölle auf sämtliche Industriegüter aus den USA auf null Prozent fallen, auch amerikanische Autos werden künftig zollfrei in die EU-Staaten verfrachtet.
Mit der Maßnahme will Brüssel erreichen, dass die Vereinigten Staaten ihre Autozölle von derzeit 27,5 Prozent auf 15 Prozent absenken – und zwar rückwirkend zum 1. August. Damit setzt die Kommission ihren Teil des Zolldeals mit den USA um und hofft, dass die US-Regierung sich nun ihrerseits an die Zusage hält, die Autozölle zu reduzieren.
Trump und die Folgen für Deutschland: Kompromiss mit Schattenseiten
Eigentlich hätte der Kompromiss zwischen der EU und den USA für Entspannung sorgen sollen. Die EU will mit der Abschaffung der Zölle auf US-Industriegüter ein Zeichen setzen und im Gegenzug niedrigere US-Zölle auf europäische Autos erreichen. Doch in der deutschen Autoindustrie ist die Stimmung angesichts der in Aussicht stehenden Regelung zwiegespalten:
Viele Unternehmen empfinden das Abkommen als einseitig, denn während die EU ihre Märkte für Waren aus den Vereinigten Staaten weit öffnet, bleibt der Zugang zum US-Markt weiterhin erschwert. Besonders die Automobilbranche sieht sich durch die neuen Zölle von 15 Prozent auf Fahrzeuge und sogar 50 Prozent auf Stahl und Aluminium unter Druck gesetzt.
Höhere Zölle in den USA: Deutsche Autobauer unter Zugzwang
Beatrix Keim, Expertin für Automobilwirtschaft, beschreibt die Lage im Gespräch mit IPPEN.MEDIA: „Deutsche Autobauer haben auf dem US-Markt rund zehn Prozent Wertanteil, spielen neben asiatischen Herstellern also eine große Rolle. Die EU hätte in den Verhandlungen weitaus mehr Stärke zeigen sollen“, lautet ihr Urteil. Dennoch sei beim Umgang mit der Trump-Administration Fingerspitzengefühl gefragt:

VW-Neuwagen warten in Emden auf den Export in die USA. Präsident Trump setzte 15 Prozent auf Autos aus der EU durch. © diebildwerft/ZUMA Press Wire; Bildmontage: IPPEN.MEDIA
Der Verlust des US-Marktes hätte für deutsche Hersteller gravierende Folgen. „Wenn der wichtige US-Markt wegfällt, gibt es große Probleme. Bislang wurden die Strafzölle absorbiert (nicht weitergegeben, Anm. d. Red.), bei VW und BMW seien das mindestens jeweils eine Milliarde.“ Keim rechnet jedoch damit, dass die höheren Zölle schon bald auf die Preise in den USA durchschlagen und damit die Verkaufszahlen der deutschen Hersteller schrumpfen.
„US-Zölle werden deutsche Automobilindustrie erheblich belasten“
Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) sieht die Entwicklung kritisch, betont jedoch die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen. VDA-Präsidentin Hildegard Müller hebt hervor: „Unsere Industrie ist mit über 2000 Standorten in den USA eng verwoben. Deutsche Hersteller gehören zu den größten Exporteuren in den USA und umgekehrt lieferten deutsche Standorte im letzten Jahr rund 450.000 Fahrzeuge in die USA.“
Die Verbandschefin sieht die Vereinbarung der EU grundsätzlich als „positiven Impuls für die wichtigen transatlantischen Beziehungen“. Allerdings warnt Müller auch: „Die nun vereinbarten US-Zölle werden die deutsche Automobilindustrie erheblich belasten. Planungs- und Rechtssicherheit sind für unsere Unternehmen jetzt entscheidend.“
Dudenhöffer erwartet „große Produktionsverlagerung in die USA“
Einen spannenden Aspekt bringt auch der renommierte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hervor. Der „Autopapst“ bewertet das Ungleichgewicht bei den Zöllen hinsichtlich des Industriestandorts heikel: „Für die deutsche Autoindustrie wäre es eine Strafe, wenn die Fahrzeuge, die in den USA gebaut werden, nochmal auf dem Weg in die EU verzollt werden.“ Hintergrund: Hersteller wie BMW produzieren in den Staaten SUV-Modelle, die auch in die EU verschifft werden.
Daher sieht er für die hiesigen Autobauer „eine Erleichterung“. Die langfristigen Folgen laut Dudenhöffer: „Was wir sehen werden, ist eine große Produktionsverlagerung in Richtung USA.“ Denn die Zölle, so seine Einschätzung, werden auch künftig bestehen bleiben und deutsche Hersteller dazu bewegen, verstärkt in den Vereinigten Staaten zu produzieren, um die Handelsbarrieren zu umgehen.
Betroffen sein könnte zum Beispiel der Porsche Macan, der aktuell in Leipzig vom Band rollt.
Deutschland, Europa und die USA: Forderungen nach härterer Linie
Viele Betriebe in Deutschland und Europa empfinden die Maßnahmen derweil als Belastung und wünschen sich mehr Durchsetzungskraft von der EU-Kommission. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) befürworten viele Unternehmen eine härtere Gangart gegenüber der US-Regierung. Sie fürchten, dass der Kompromiss langfristig zu einem Wettbewerbsnachteil für europäische Firmen wird.
Auch der VDA fordert, dass Berlin und Brüssel die eigenen Hausaufgaben machen: „Der Zollstreit mit den USA hat nochmals eindrücklich verdeutlicht: Die EU muss zu neuer wirtschaftlicher Stärke finden und dazu die Rahmenbedingungen in Europa für Unternehmen wie auch Investoren international wettbewerbsfähig ausgestalten. Nur so wird die EU als Investitionsstandort wieder interessanter und relevanter werden“, so Müller. Sie betont außerdem die Notwendigkeit, dass die EU entschlossen Freihandelsabkommen und Rohstoffpartnerschaften mit möglichst vielen Regionen der Welt abschließt. „Hier ist die EU auf einem guten Weg, es sind nun mehr Tempo, mehr Entschlossenheit und mehr Pragmatismus als in der Vergangenheit gefragt.“
Volkswirtschaften im Duell: „America First“ und europäische Antworten
US-Präsident Donald Trump bleibt derweil seiner „America First“-Linie treu: Er will die amerikanische Industrie zu alter Stärke führen und setzt auf hohe Zölle, um Produktion und Jobs ins eigene Land zu holen – besonders bei Stahl, Aluminium und Autos. „Trump ist einfach neidisch auf die schönen Autos, die wir haben“, erklärt Beatrix Keim.

Wirtschaftsexpertin Beatrix Keim ordnet die Handelspolitik der USA unter Donald Trump ein – und findet, Trump ist „neidisch auf unsere schönen Autos“. © Sven Simon/FKN/Imago; Montage: IPPEN.MEDIA
Die Direktorin des Duisburger CAR-Institut ist der Meinung, dass Trump „die volkswirtschaftliche Auswirkung seiner Handelspolitik“ nicht erfasst“ und dem 79-Jährigen „die europäische Sicherheit völlig egal“ sei. Die EU steht nun vor der Herausforderung, einerseits ihre Interessen zu wahren und andererseits den Dialog mit den USA nicht abreißen zu lassen.
Kritik aus dem Europaparlament: „Nicht auch noch zollfrei in die EU“
Auch aus dem Europaparlament kommen kritische Stimmen zur Zollsenkung für US-Waren. Der Vorsitzende des Handelsausschusses, Bernd Lange (SPD), kündigte bereits an, dass es im Gesetzgebungsverfahren noch Änderungen geben werde. „Für mich steht außer Frage, dass diejenigen Industriegüter, die die USA nun mit Zusatzzöllen von bis zu 50 Prozent belegen, nicht auch noch zollfrei in die EU importiert werden dürfen“, sagte Lange dem Handelsblatt.
Damit macht der Sozialdemokrat deutlich, dass das Parlament Nachbesserungen verlangt und nicht alle US-Produkte von den Zollerleichterungen profitieren sollen.
Deutschland und die US-Handelspolitik: Mehr Unabhängigkeit wagen
Viele Experten sind sich einig: Die EU darf sich nicht länger allein auf die USA verlassen. Es braucht mehr Unabhängigkeit und Entschlossenheit, um den eigenen Wirtschaftsstandort zu stärken – und damit auch den deutschen Standort. Hildegard Müller fordert, dass Berlin und Brüssel die Rahmenbedingungen für Unternehmen und Investoren verbessern und neue Freihandelsabkommen abschließen.
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Keim rät: „Für die EU ist es nun am besten, ruhig zu bleiben und zu schauen: Was sind unsere Möglichkeiten, um der aktuellen Lage zu begegnen?“ Die Debatte um die richtige Strategie im transatlantischen Handel könnte die Gemüter nicht nur der hiesigen Wirtschaft noch lange beschäftigen. (PF)