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Ein Fest für Planespotter: Japanische Kampfjets landen auf Nato-Territorium; die Allianz sucht im Indopazifik ihre Rolle, und Japan sucht Beschützer.

London – „Der Einsatz wird mit ziemlicher Sicherheit eine große Zahl von Flugbegeisterten aus ganz Großbritannien zum Flugplatz Lincolnshire locken“, schreibt Kai Greet. Der Autor des Aviationist spricht von der erwarteten Stationierung japanischer Kampfjets auf britischem Boden – das als ein Aspekt der wachsenden Zusammenarbeit zwischen dem Nato-Partner und dem Reich der aufgehenden Sonne; und eine Reaktion auf den Ukraine-Krieg beziehungsweise Wladimir Putins gesteigerte Aggression gegenüber der westlichen Verteidigungsallianz beziehungsweise den Spannungen im Indopazifik. Japan rückt enger an die Nato heran. Tokio versuche zu verhindern, „dass die Ereignisse von heute in Europa zu den Ereignissen von morgen in Ostasien werden“, urteilt der britische Thinktank Royal United Services Institute (RUSI).

Nato-Allianz wächst: „Japan ist Großbritanniens engster Sicherheitspartner in Asien“

„Japan ist Großbritanniens engster Sicherheitspartner in Asien und ich weiß, dass Japan Großbritannien als seinen engsten Sicherheitspartner in Europa betrachtet“, sagte John Healey während des Pacific Future Forum am 28. August, wie die britische Regierung bekannt gibt. Der britische Verteidigungsminister sprach die Worte an Bord der HMS Prince of Wales, ein Flugzeugträger, der aktuell in der Bucht von Tokio liegt und dort an der Übung „Operation Highmast“ teilnimmt. Zum Gegenbesuch entsendet die japanische Regierung in den kommenden Wochen einige F-15-Kampfjets, die Großbritannien beherbergen wird. Im Anschluss an den Besuch in Großbritannien würden die Kampfflugzeuge voraussichtlich den Luftwaffenstützpunkt Laage in Deutschland anfliegen, vermutet Kai Greet.

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Der Aviationist-Autor geht davon aus, dass die Flugzeuge während der Stationierung starten werden von einem der beiden Typhoon-Frontstützpunkte der Royal Air Force (RAF), dem Stützpunkt Coningsby in der Grafschaft Lincolnshire. Die Kampfjets fliegen im Tross mit einigen Unterstützungsflugzeugen, beispielsweise Tanker. Die bilaterale Kooperation solle vollumfänglich ausgestaltet werden, sagte John Healey: „Von zukünftigen Kampfjets bis zu gemeinsamen Übungen, von der Marinekooperation bis zur Cyber-Resilienz“, so der britische Verteidigungsminister. Wie das UK Defence Journal berichtet, falle die Stationierung der japanischen Kampfjets deshalb zusammen mit dem Besuch einer britischen „Carrier Strike Group“ in Japan.

„Die Carrier Strike Group unterstützt Großbritannien dabei, Bündnisse zu stärken und neue Partnerschaften zu knüpfen, und sorgt so für die Sicherheit Großbritanniens im Inland und seine Stärke im Ausland.“

Das ist die laufende Indopazifik-Mission der Royal Navy, die im April begonnen hatte mit dem Auslaufen der HMS Prince of Wales und acht Monate dauern wird. Während des Hafenaufenthalts vor Tokio seien britische F-35B-Jets zum ersten Mal auf dem japanischen Hubschrauberträger JS Kaga gelandet – „ein Ereignis, das als Meilenstein für die militärische Interoperabilität zwischen Großbritannien und Japan gefeiert wird“, schreibt das UK Defence Journal. Laut dem Indo Pacific Defense Forum würden sich an der „Operation Highmast“ Schiffe und Personal aus 13 Ländern beteiligen, darunter Australien, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Malaysia, Neuseeland, Singapur, Südkorea und den USA. Fregatten und Hilfsschiffe aus Kanada, Norwegen und Spanien würden den Einsatz verstärken, so das Magazin.

Offensichtlich bekommt die Nato jetzt einen Fuß in die Tür des Indopazifik und die Japaner einen starken Verbündeten gegenüber Chinas expansiven Gelüsten: „Die Nato hat Japan als eines von neun Ländern außerhalb des euro-atlantischen Raums anerkannt – oft als ,Partner auf der ganzen Welt‘ bezeichnet –, mit denen sie Beziehungen aufbaut, und die oberste Führung der Nato hat Japan im Laufe der Jahre stets als ,natürlichen Partner‘ bezeichnet“, schreiben Wrenn Yennie Lindgren und Per Erik Solli. Für die RUSI-Autoren ist das ein Zeichen für die Besorgnis der Nato über „die Entwicklungen in Japans Nachbarschaft“, wie sie formulieren.

Ein Kampfjet als Bündnis-Verstärker gegen China? Oder nur mehr Rauch als Feuer?

Seit 2007 würden die Bande zwischen Japan und der Nato im Ganzen und zu einzelnen Partnern im Besonderen kontinuierlich fester geknüpft – damit hätten die Kontakte und gemeinsamen Vorhaben schon lange vor Russlands Invasion in der Ukraine begonnen. Ryan Ashley und Jada Fraser sehen darin Tokios Bemühen, „die Sicherheitsbeziehungen des Landes über das bilaterale Bündnis mit den USA hinaus zu diversifizieren und sich auf Nischenbereiche mit gemeinsamen Interessen zu konzentrieren, die die euro-atlantische und die indopazifische Sicherheit verknüpfen“, wie sie in War on the Rocks schreiben. Eines dieser Projekte ist vielleicht das kommende Standard-Nato-Flugzeug der nächsten, also der sechsten Kampfjet-Generation.

GCAP (Global Combat Air Program) heißt das Programm, innerhalb dessen das Vereinigte Königreich, Italien und Japan den Kampfjet „Tempest“ (zu Deutsch: Sturm) konstruieren. Geplante Indienststellung: 2035. Sie soll eine Maschine wie die F-35 weit in den Schatten stellen und mit einem hergebrachten Kampfjet vielleicht gar nicht mehr viel gemein haben, wie das Magazin Simpleflying bereits Mitte 2024 orakelt hat. „Wir arbeiten an unserem Konzept von Cockpits ohne ein einziges physisches Zifferblatt oder einen Bildschirm. Stattdessen werden die Piloten einen Augmented- und Virtual-Reality-Helm der nächsten Generation tragen, der interaktive Cockpit-Anzeigen und Bedienelemente direkt vor ihre Augen projiziert“, schreibt die Royal Air Force auf ihrer Website.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg inspiziert am 31. Januar 2023 ein F-15-Kampfflugzeug

Im Mittelpunkt des Interesses – die F-15: Ex-Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (3. v. r.) inspizierte im Januar 2023 ein F-15-Kampfflugzeug während einer Inspektion auf dem Iruma-Luftwaffenstützpunkt der japanischen Luftselbstverteidigungsstreitkräfte in Sayama. Japan und die Nato wollen enger zusammenarbeiten; demnächst kommen F-15 zu Besuch nach Großbritannien. © Kazuhiro Nogi/AFP

Abseits einer Kooperation auf technischer Ebene halten Ryan Ashley und Jada Fraser die Vorteile beider Seiten aus den gemeinsamen Kooperationen jedoch für begrenzt, wie sie in War on the Rocks schreiben. „Smoke or Substance?“ ist ihre Analyse im englischen Original überschrieben, übersetzt heißt das in etwa: Mehr Rauch als Feuer? Nicht nur, dass die Nato auch gegenüber Putin ihre Rolle sucht. Die RUSI-Autoren halten fest, dass zwar einzelne Länder wie Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande ihren Einfluss im Indopazifik suchen oder festigen; darüberhinaus „besteht kein Konsens darüber, welche Rolle die Nato im Indopazifik spielen soll“, wie sie schreiben. Insofern bliebe „ein koordiniertes militärisches Engagement der Nato, das heißt ein ,Hilfsbündnis unter Nato-Flagge‘, eine sehr entfernte Möglichkeit, so Ashley und Fraser.

F-35 Not-Einkauf bei Donald Trump? Japan sucht deshalb Anschluss an starke Partner

Japan scheint schlichtweg Angst zu haben vor den Entwicklungen in China und sucht deshalb Anschluss an starke Partner. Großbritannien könnte sich aber als vielleicht doch zu schwach erweisen, weswegen die japanische Regierung schon Fühlung mit Donald Trump aufgenommen habe, wie Reuters im Mai berichtet hatte: Der Nachrichtenagentur zufolge hege Japan wachsende Zweifel daran, dass der Tempest-Kampfjet als trilaterale Kooperation tatsächlich wie geplant 2035 abhebe. „Dies könnte Tokio dazu zwingen, Lücken in der Luftabwehr mit neuen US-Tarnkappenflugzeugen vom Typ F-35 zu schließen oder veraltete Jets aufzurüsten“, formuliert Reuters aufgrund zweier anonymer Quellen.

Allerdings gehen Ryan Ashley und Jada Fraser davon aus, dass eine verstärkte Bündelung von japanischem und Nato-Knowhow in Rüstungstechnik sowie im Operativ-Taktischen der Sicherheit und Stabilität im euro-atlantischen sowie indopazifischen Raum insgesamt zugute käme. „Daher argumentieren wir, dass es für Japan und die Nato gleichermaßen wichtig ist, genau zu artikulieren, was eine Zusammenarbeit beinhaltet und was nicht“, schreiben sie. Eine Zusammenarbeit ohne klares Ziel würde ihrer Meinung nach China in die Karten spielen und Xi Jinping eine Steilvorlage bieten, die Kooperation auf verschiedenen Ebenen als destabilisierenden Einfluss in der Region darzustellen. Und zu bekämpfen.

Im Januar 2023 hatten Großbritannien und Japan ein gemeinsames Sicherheitsabkommen unterzeichnet – daraus ging beispielsweise der Wille zum Global Combat Air Program hervor. London verspreche sich durch sein stärkeres Engagement im asiatisch-pazifischen Raum Vorteile im internationalen Handel, wie das Magazin Defense News berichtet hatte; Japan erhoffe sich durch gemeinsame Manöver Hilfe in der Verteidigung seiner Inseln. Für Großbritannien erscheint Japan als idealer Partner, um wieder als Seemacht wahrgenommen und gefürchtet zu werden, wie John Healey jetzt in Tokio nahe gelegt und über eine Regierungs-Presserklärung veröffentlicht hat: „Die Carrier Strike Group unterstützt Großbritannien dabei, Bündnisse zu stärken und neue Partnerschaften zu knüpfen, und sorgt so für die Sicherheit Großbritanniens im Inland und seine Stärke im Ausland.“