Wie vermutlich die meisten mitbekommen haben, kündigt sich – mal wieder – ein ungustiöser Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerseite aufgrund der sehr hohen Inflation und daraus resultierenden Gehaltsanpassungen an. Kluge Köpfe wie zB der Herr Knill haben, auch das dürfte bekannt sein, ja schon vorsorglich "Lohnzurückhaltung" gefordert.

Es gibt an sich ja mehr als genug Argumente gegen diesen Schmarrn, ich will das hier gar nicht neuerlich aufwärmen. Stattdessen möchte ich einen Aspekt hervorherben bzw diskutieren, der bei dem Thema witzigerweise immer ziemlich untergeht: Nämlich das unternehmerische Risiko.

Bekanntlich rechtfertigen die "Leistungsträger" dieses Landes ihren Reichtum, ihre großen unternehmerischen Gewinne, immer damit, dass sie ja unternehmerisches Risiko tragen. Deshalb, so das Mantra, ist es absolut gerechtfertigt, dass man selber mit dem 5-fachen heimgeht, wie der normale Angestellte. Die Geschichte zeigt auch, dass es seit Jahrzehnten keine auch nur ansatzweise faire Beteiligung der Arbeitnehmerschaft an den großen Unternehmensgewinnen gegeben hat (vgl https://wtfhappenedin1971.com/ – zwar für US, bei uns aber nicht viel anders). Eine völlig fehlende Vermögens- oder Erbschaftssteuer tut ihr übriges, um dafür zu sorgen, dass großer Reichtum auch sehr einfach erhalten, verwaltet, vermehrt werden kann.

Soweit so gut. Bzw schlecht. Wenn man nun aber den Angestellten keinerlei Beteiligung an den Gewinnen zugesteht, ist es obszön, scheinheilig, grotesk, zu verlangen, dass Angestellte in den – seltenen – Zeiten wirtschaftlicher Krisen einen "Beitrag" zu leisten hätten.

Wenn die Gewinne (de facto) ausschließlich zum Unternehmer wandern, die Verluste aber erst recht wieder die Angestellten selber schlucken sollen, wo bitte bleibt dann das viel gerühmte unternehmerische Risiko? Was konkret soll riskant daran sein, eine Tätigkeit auszuüben, wo man ausschließlich profitiert?

Tatsächlich ist es so, dass überproportional hohe Lohnerhöhungen aufgrund hoher Inflation Kernbestand des unternehmerischen Risikos sind. Ähnlich wie auch hohe Energiekosten, hohe Lieferkosten, Fremdwährungsrisiken usw. usf. Ja, wir haben bei uns eine höhere Inflation als sonstwo. Ja, die daraus resultierenden Gehaltsanpassungen belasten das Unternehmen. Als ich zuletzt ins Bundes-Verfassungsgesetz geschaut hab, gabs dort aber kein verfassungsmäßig gewährleistetes Recht auf immer gleichbleibende Unternehmergewinne. Wenn sich die Rahmenbedingungen zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 mal wieder etwas verschlechtern, muss man halt ausnahmsweise einmal einen Einschnitt bei den Gewinnen akzeptieren.

All das sollte jetzt eigentlich keine überraschend große neue Erkenntnis sein. Es ist trotzdem faszinierend, wie dieses fundamentale Faktum von Politik, Medien und insbes. auch Arbeitnehmervertretern komplett ignoriert wird. Als wäre der Erhalt der vollständigen unternehmerischen Profite die einzige Konstante, an der sich sämtliche Rahmenbedingungen zu orientieren hätten.

by Odra_dek

17 comments
  1. > Deshalb, so das Mantra, ist es absolut gerechtfertigt, dass man selber mit dem 5-fachen heimgeht, wie der normale Angestellte

    da fehlt wohl die ein oder andere null…

  2. Das unternehmerische Risiko besteht in vielen Fällen in der Möglichkeit, dass einem die Finanz draufkommt.

  3. Das hat nichts mit unternehmerischen Risiko zu tun. Die Löhne können gerne erhöht werden, dann muss ich als Unternehmer wiederum die Preise erhöhen. Bringt halt niemanden was, aber das ist nunmal der Preis der Fairness.

  4. Ich vertrete hier auch schon lange den Ansatz: Wer sich das Fachpersonal in Österreich nicht leisten kann, soll bitte gehen. Das macht Platz für neue, innovativere Player.

  5. Es ist auch ein schlechter Witz, dass wir nach wie vor von “Leistungsgesellschaft” sprechen, wenn der weitaus überwiegende Teil aller Einkünfte leistungslos, nämlich über Erbschaften, empfangen werden.

    Wenn wir da mal ordentlich ansetzen würden, könnten wir auch die Einkommenssteuer und die Lohnnebenkosten so senken, dass sich Leistung wirklich wieder lohnen würde. Und nein, es gibt Studien, die belegen, dass die Besteuerung von Unternehmensvererbungen nicht in maßgeblichem Ausmaß Arbeitsplätze gefährden würden.

    Tatsache ist aber, dass die SPÖ nicht wirklich Vermögens- und Erbschaftssteuern gefordert hat, auch wenn sie in der Regierung war.

    Allerdings scheint mir, dass zuletzt immer mehr gewichtige Stimmen aus der Wissenschaft Vermögens- und Erbschaftssteuern fordern. Ich hoffe nur, dass das nicht nur meine Filterbubble ist.

  6. Unser lieben Unternehmer hätten auch bei der letzten Inflationswelle druck auf die Regierung(ÖVP) machen können. Aber die wollten lieber Geschenke und wehe es macht es für die allgemeinheit, den Standort besser.

    Bin gerade in Spanien, wo die Inflation nie so hoch war, und es ist echt arg wie günstig hier alles ist. So wie bei uns vor paar Jahren

  7. Der Unternehmer, ist so wie jeder andere Mensch, sich selbst am nächsten. Wieso sollte er nicht alles rausholen?

    Und nein…das ist keine Verteidigung von bösen Unternehmern. Es ist einfach eine Tatsache, dass jeder von uns lieber bei anderen sparen würde als bei sich.

  8. Das größte unternehmerische Risiko für einige ist, dass sie wieder wie unsereins Hackln müssten.

  9. erkenntnis dieser Art hatte ich auch als ich nach meiner (kurzen aber tragischen) neoliberalen Phase, in der ich immer gesagt habe “ja die Manager verdienen so viel aber sie haben auch eine extreme Verantwortung!!!” Gemerkt habe, dass sie eben überhaupt keine Verantwortung haben – sie gehen einfach.

  10. Das ist einer der Zwecke von moderater Inflation: dass man sich nicht “ausruhen” kann, sondern immer wieder neu verhandeln muss um den Status quo zu halten.

    Das müssen auch die Unternehmen, die entweder Preise anheben oder effizienter werden müssen. Und das müssen auch die Arbeitnehmer. Kann man das nicht, dann geht es automatisch runter. Ich bekomme dieses Jahr wahrscheinlich auch Null. Kann mir ja einen anderen Job suchen, wenn mich jemand besser bezahlen möchte.

    Das ganze gilt natürlich nicht für die Politik, die mit der “kalten Progression” jahrelang (und auch jetzt noch teilweise) das umgekehrte Szenario gefahren ist: automatisch jährlich mehr Geld, daher konnte man sich gut “ausruhen”.

    Aber um zu deinem Text zurückzukommen: natürlich gibt es kein “verfassungsmäßig gewährleistetes Recht auf immer gleichbleibende Unternehmergewinne”. Aber wo gibt es das verfassungsmäßig gewährleistete Recht auf Inflationsabgeltung?

  11. Interessanter Beitrag, diese Sichtweise hatte ich noch gar nicht👍🏻

  12. JFC, schon wieder die linke Kommunistenbubble hier.

    Niemand muss einen Beitrag leisten, Angestellte musste noch nie Geld in ein Unternehmen nachschiessen, einen Gesellschafterkredit geben oder sonst etwas.

    Es gibt Recht auf gleichbleibende Unternehmensgewinne, genausowenig wie es Recht auf eine Inflationspassung bei den Gehältern gibt, nur so nebenbei.

    Die Formel für die Gehaltsanpassung war bisher Inflation und Produktivität, letztere ist aktuell rückläufig, dH nach bisheriger Gewohnheit *müsste* es “Inflation minus verlorener Produktivität” sein; aber das will jetzt sicherlich niemand hören. Jetzt wo es keine Produktivität mehr zu verteilen gibt, will man die Benja Formel nicht mehr haben.

    So ganz nebenbei, man kann fordern was man will; solang man nicht kapiert, dass man als Exportland in einem internationalen Wettbewerb steht, ist man nichts anderes als ein Kleinkind dass “ich will aber” schreit.

  13. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. So hat jeder was von der Wirtschaft!

  14. Ich frag mich was passiert wenn die Löhne jetzt durch die Bank de facto weniger werden würden. Irgendwie erwarte ich dann eher bailouts von irgendwelchen Firmen wie KTM die Pleite gehen als dass der Markt sich selbst reguliert und mieten / Energie / Lebensmittel etc. billiger werden. Es scheint mir mehr ein fundamentales Problem zu sein, sonst hätte man das auch schon gelöst. 

  15. Ein angestellte_r GeschäftsführerIn trägt kein unternehmerisches Risiko.

  16. Forderungen nach “Lohnzurückhaltung” und ähnliches sind reine kommunistische Planwirtschaft. Das ist verständlich, dass die Zentralplanungsbehörden von IV und WKÖ so argumentieren. Das hat aber schon in der UdSSR nicht funktioniert und sollte geflissentlich ignoriert werden.

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