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Führten mit Dr. Margarete Klein (2. von rechts) ein Interview über Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine: Die ALS-Schüler Lucas Betz, Florent Gashi, Cem Gümüs und Marie Brützel (von links). © Köhler, Julius
„Russlands Krieg gegen die Ukraine und die lange Konfrontation mit dem Westen“: Zu diesem Thema sprach Dr. Margarete Klein vor den Politikkursen der Jahrgangsstufe 13 sowie Teilen der zehnten Klassen an der Alten Landesschule in Korbach.
Dr. Klein leitet die Forschungsgruppe „Osteuropa und Eurasien“ an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Mitorganisiert wurde die Veranstaltung in der ALS von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Fritzlar.
In einem Interview, das einige Schüler zu Beginn mit der Referentin führten, berichtete Dr. Margarete Klein von ihrem frühen Interesse an Russland, beziehungsweise an der damaligen Sowjetunion und Osteuropa. Mit wachsendem Alter sei daraus eine wissenschaftliche Neugier geworden. Nach dem Zerfall der UDSSR und der Öffnung Russlands habe sie ihre Semesterferien genutzt, um mehrmals nach Russland zu reisen. „Die Dynamik dort war unglaublich. Ich habe auf dem Roten Platz in Moskau gestanden, ich habe Armut gesehen, aber auch totalen Reichtum. Das konnte man als junge Frau aus Westdeutschland gar nicht richtig verstehen.“
Bei einer Frage eines ALS-Schülers spielte die Euromaidan-Bewegung (Revolution der Würde) in der Ukraine von 2013/14 eine Rolle. Dr. Klein erklärte, dass dieses Ereignis von Russland gezielt instrumentalisiert werden würde, um sein eigenes Narrativ zu stützen. Ebenso wurde auf aktuelle Entwicklungen Bezug genommen: Russische Drohnen, die in den vergangenen Tagen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren, seien Teil einer bekannten Taktik. Russland teste immer wieder die NATO-Staaten und versuche, die Gesellschaft zu spalten und einzuschüchtern.
Deutlich wurde zudem die Einschätzung der Referentin, dass der Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 den absoluten Tiefpunkt in den deutsch-russischen Beziehungen nach dem Krieg markiere. Eine Verbesserung in absehbarer Zeit sei nicht erkennbar. Lediglich ein politischer Machtwechsel in Deutschland, etwa durch Parteien wie die AfD oder das Bündnis Sahra Wagenknecht, würde eine politische Annäherung bedeuten. Eine Annäherung des Landes und der Bevölkerung bedeute dies allerdings nicht.
Im anschließenden Vortrag stellte Dr. Margarete Klein die aktuelle Lage in der Ukraine umfassend dar. Sie erläuterte, dass die russische Seite zunehmend auf Drohnen setze. Jahr für Jahr verfüge Moskau über größere Bestände. Schätzungen zufolge, könnten bis zu 1000 Drohnen täglich eingesetzt werden. Diese Angriffe richteten sich nicht nur gegen militärische Ziele, sondern gezielt auch gegen die Zivilbevölkerung.
Ein weiterer Schwerpunkt war das von Russland propagierte Ziel der „Entnazifizierung“ der Ukraine. Dr. Klein betonte, dass diese Behauptung bewusst irreführend sei. Zwar habe es in der Vergangenheit rechtsextreme Soldaten-Verbände wie das Asow-Bataillon in der Ukraine gegeben, dieses sei jedoch inzwischen „gesäubert“. Die Einheit sei zwar stark nationalistisch, aber keinesfalls eine neonazistische Gruppe.
Darüber hinaus stellte die Referentin heraus, dass Russland genozidale Gedankengänge in Teilen des politischen Diskurses verfolge. Die Darstellung, in Kiew regiere eine illegitime Regierung, sei ebenfalls falsch. Zwar sei die Amtszeit von Präsident Wolodymyr Selenskyj offiziell abgelaufen, doch die ukrainische Verfassung sehe vor, dass während eines Krieges keine Wahlen abgehalten werden dürften.
Zudem sei die internationale Unterstützung, die Russland erhalte, von hoher Bedeutung. Insbesondere Nordkorea und der Iran lieferten Waffen und Drohnen. Zudem bemühe sich Russland verstärkt, den globalen Süden, vor allem afrikanische Staaten, auf seine Seite zu ziehen. Die Zahl russischer Verluste sei hoch: Offiziell bestätigt seien 120.000 Todesopfer, Schätzungen gingen von bis zu einer Million getöteten, verwundeten oder vermissten Soldaten aus.
Schüler stellen viele Fragen
Abschließend nutzten einige Schüler die Möglichkeit, weitere Fragen zu stellen. Ein Schüler wollte wissen, was der Krieg für die europäische Sicherheit bedeute. Dr. Klein antwortete, Europa müsse die Ukraine nicht nur punktuell unterstützen, sondern so umfassend, dass eine nachhaltige Verteidigungsfähigkeit gewährleistet sei. „Das ist eine Grundsatzfrage, ob wir Europäer selbstständig handeln wollen oder dauerhaft auf andere angewiesen bleiben wollen“, betonte sie.
Ein weiterer Schüler fragte nach dem Vorschlag des Linken-Politikers Jan van Aken, UN-Blauhelme zur Friedenssicherung einzusetzen. Die Referentin wies diese Option zurück, da Russland im UN-Sicherheitsrat ein Vetorecht habe. „Moskau kann so selbst bestimmen, welche Truppen stationiert werden“, erklärte sie.
Zum Abschluss wurde nach einer Prognose für den Ausgang des Krieges gefragt. „Russland will nichts anderes als den Sieg. Die Frage ist, wie lange die Ukraine noch überleben kann“, betonte Dr. Margarete Klein.