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Mehrere Staaten drohen mit Boykott von Israels Teilnahme am nächsten ESC. Der deutsche Kulturstaatsminister kritisiert dies als „Cancel Culture“.

Berlin – Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) hat die angekündigten Boykotte mehrerer Länder gegen Israel beim Eurovision Song Contest (ESC) kritisiert. Das berichten ZEIT und Tagesschau. Der ESC sei ins Leben gerufen worden, „um Länder zusammenzubringen“, erklärte Weimer. „Wer heute Israel ausschließt, stellt diesen Grundgedanken auf den Kopf und macht aus einem Fest der Verständigung ein Tribunal.“

Irland, die Niederlande, Slowenien und Spanien hatten angekündigt, dem Wettbewerb im kommenden Jahr fernzubleiben, sollte Israel nicht ausgeschlossen werden. Auch Belgien und Schweden prüfen einen entsprechenden Schritt. Hauptbegründung für die Boykottdrohungen ist das Vorgehen Israels im Gazastreifen nach dem Angriff der Terrororganisation Hamas im Oktober 2023 und dem seitdem anhaltenen Israel-Krieg.

Weimer: Eurovision Song Contest ist kein Tribunal

Weimer sagte dazu: „Cancel Culture ist keine Antwort – die Antwort sollte Vielfalt und Zusammenhalt heißen“. Die Idee des ESC sei es, Künstlerinnen und Künstler nach ihrer Kunst und nicht nach ihrer Nationalität zu bewerten. „Gerade, weil der ESC aus den Trümmern des Krieges geboren wurde, darf er nicht zu einer Bühne der Ausgrenzung verkommen“, so der Minister in der Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz.

Der ESC gilt als die größte nicht sportliche Liveveranstaltung der Welt mit jährlich mehr als 160 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Teilnehmen dürfen alle Mitgliedsstaaten der European Broadcasting Union (EBU). Im Dezember findet die Generalversammlung der EBU statt, dort soll über die Teilnahme Israels entschieden werden. „Wir verstehen die Bedenken und tiefen Überzeugungen hinsichtlich des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten“, erklärte ESC-Direktor Martin Green laut AFP. Die EBU hat einen Konsultationsprozesses zu dem Thema eingeleitet, der Ausgang ist offen.

Wolfram Weimer spricht vor Menschen beim Gedenken an den deutschen Überfall auf Polen am 1. September

Wolfram Weimer beim Gedenken an den deutschen Überfall auf Polen am 1. September © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Gerade die Drohung Spaniens könnte die EBU schwer treffen. Die spanischen Zuschauer zählen zu den leidenschaftlichsten, außerdem ist Spanien einer der größten Geldgeber des Wettbewerbs. Sollte Spanien den nächsten ESC wegen Israel und dem Krieg im Gazastreifen boykottieren, fehlen Millionen Zuschauer und sehr viel Geld.

Kritik an Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest nicht neu

Schon im Vorfeld der letzten beiden ESCs hatte es Kritik an der Teilnahme Israels gegeben. In Malmö demonstrierten 2024 viele tausend Menschen gegen Israels Teilnahme. Beim Wettbewerb im Mai in Basel fielen die Straßenproteste zwar kleiner aus, doch auch dort gab es offene Kritik an Israel und zahlreiche Solidarisierungen mit den Menschen in Gaza.

Nachdem die israelische Starterin Yuval Raphael in Basel dieses Jahr unerwartet gut abgeschnitten hat, gab es Manipulationsvorwürfe. Die in der Jurywertung lediglich auf Platz 15 platzierte Israelin gewann überraschend die Zuschauerabstimmung. Die europäische Rundfunkunion EBU fand bisher keine Hinweise auf Manipulationen. Stattdessen scheinen soziale Medien eine große Rolle gespielt haben.

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Deutsche Teilnehmer beim ESC-Vorentscheid

Fotostrecke ansehenEurovision Song Contest argumentiert mit „Neutralität“

Bisher hatte die EBU damit argumentiert, ein neutraler und unpolitischer Wettkampf zu sein. Allerdings hat es bereits in der Vergangenheit politisch motivierte Ausschlüsse gegeben: Russland darf wegen des Ukraine-Kriegs nicht mehr teilnehmen und veranstaltete stattdessen in diesem Jahr die Konkurrenzshow „Intervision“, bei der es nach eigenen Angaben „den Respekt für traditionelle Werte und unterschiedliche Kulturen“ in den Mittelpunkt stellte.

Nach dem Sieg Österreichs in diesem Jahr wird der nächste ESC 2026 in Wien stattfinden. Die Halbfinale sind für den 12. und 14. Mai angesetzt, das große Finale steigt am 16. Mai. Quelle: AFP, Zeit, Tagesschau (cdz)