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Pistorius drängt auf ein 24/7-Lagebild und rückt den Nationalen Sicherheitsrat in den Mittelpunkt. Union und SPD ringen um Zuständigkeiten und Tempo.
Berlin – Deutschland steht unter Druck: Sichtungen und Störungen durch Drohnen haben Sicherheitsbehörden, Politik und Industrie gleichermaßen alarmiert. Flughäfen, Energieanlagen und digitale Knotenpunkte gelten als besonders verwundbar, während die Bundesregierung an einem Gesamtansatz arbeitet. Der Anspruch ist hoch: Gefahr erkennen, bewerten und – wo nötig – abwehren, ohne sich provozieren zu lassen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius treibt die Anti-Drohnen-Strategie in Deutschland voran, um das Land vor Bedrohungen aus beispielsweise Russland unter Präsident Wladimir Putin zu schützen. © Foto links: IMAGO / STEINSIEK.CH | Foto rechts: IMAGO / ZUMA Press
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will dafür den Nationalen Sicherheitsrat zum zentralen Lagezentrum machen. „Wir brauchen ein 24/7- und 360-Grad-Lagebild über alles, was passiert“, sagte er am Montag (6. Oktober) im Podcast „Table.Today“ mit Helene Bubrowski und Michael Bröcker von Table.Briefings und ergänzte: „Das ist eine Situation, in der man den Nationalen Sicherheitsrat damit befassen kann.“
Wie Pistorius Deutschland vor Putins Drohnen sichern will
Im Sicherheitsrat solle zusammenlaufen, „was wissen die Fachleute aus den verschiedenen Ressorts und Ländern, welches Lagebild ergibt sich daraus und welche Schlüsse müssen wir daraus ziehen“, so Pistorius im Podcast weiter. Bisher habe es „bei keinem Drohnen-Vorfall eine Gefahr für die Bevölkerung“ gegeben, „es geht um Angstmache“. Nicht jede Sichtung gehe auf den Kreml und Wladimir Putin zurück, „aber jede Drohne spielt ihm in die Hände“. Nach Informationen aus Regierungskreisen soll sich das neue Gremium früh mit dem Thema befassen. Pistorius hält dabei an der Linie fest, Panik zu vermeiden und Fähigkeiten systematisch auszubauen.
Die jüngsten Ausfälle am Flughafen München verdeutlichten indes die Verwundbarkeit des Flugverkehrs. An zwei Abenden musste der Betrieb ausgesetzt werden, Tausende Passagiere waren betroffen. Wer die Drohnen steuerte, ist weiterhin ungeklärt. Die bayrische Landeshauptstadt reiht sich damit ein in eine Serie von Vorfällen in Deutschland sowie West- und Nordeuropa. Der Flughafen warnte vor Nachwirkungen, auch wenn der Betrieb wieder anlief, schreibt der Tagesspiegel.
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Fotostrecke ansehenSchutz vor Drohnen: Rechtsrahmen nachschärfen – ohne Alarmismus
Innenminister Alexander Dobrindt drängt derweil auf eine rasche Änderung des Luftsicherheitsgesetzes, um Zuständigkeiten zu klären und – in engen Lagen – härtere Eingriffe zu ermöglichen. Schon am Mittwoch soll das Kabinett beraten. Pistorius bewertet die Linie positiv: „Dagegen hat niemand was. Das Gesetz war schon bei der ‚Ampel‘ in der Vorbereitung.“
Gleichzeitig mahnte Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) gegenüber der Welt am Sonntag, Drohnenabwehr bleibe „Kernaufgabe“ der Polizei, Einsätze der Bundeswehr im Innern seien nur in sehr engen Grenzen zulässig. Der SPD-Politiker Reinhold Robbe forderte indes laut Tagesspiegel, den Rechtsrahmen angesichts hybrider Bedrohungen pragmatisch zu modernisieren.
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Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp, verlangt analog, ebenfalls im Tagesspiegel, einheitliche und gebündelte Abwehrkompetenzen, statt 17 unterschiedlicher Länderwege. Deutschland müsse „sicherheitspolitisch erwachsen werden“ – mit klaren Regeln und Zuständigkeiten.
Auch aus den Ländern kommen Signale der Besonnenheit und Entschlossenheit. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warnt gegenüber der dpa vor der intendierten Verunsicherung durch Russland, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) formuliert laut Welt den Dreiklang „entdecken, erfassen, eliminieren“ – rechtlich sauber und verhältnismäßig.
Die Praxis zeigt indes, dass nicht alle Störer fremdgesteuert sind: In Frankfurt/Main wurde ein Hobbydrohnenpilot in der Flugverbotszone gefasst, ihm droht ein fünfstelliges Bußgeld. Die Deutsche Flugsicherung registrierte bereits bis September deutlich mehr Störfälle als im gesamten Vorjahr, schreibt MDR AKTUELL. Auch in Sachsen kam es zu mehrfachen Beeinträchtigungen des Flugverkehrs. Die Sicherheitsbehörden werben daher um Aufklärung, Konsequenz – und Tempo beim Fähigkeitsaufbau.
Der Nationale Sicherheitsrat
Der Nationale Sicherheitsrat soll künftig das zentrale Koordinierungsgremium der Bundesregierung für Fragen der nationalen Sicherheit und Krisenvorsorge werden. Das Bundeskabinett beschloss am 27. August 2025 seine Einrichtung und die dazugehörige Geschäftsordnung. Er tritt die Nachfolge des bisherigen Bundessicherheitsrats an, der zum 1. Januar 2026 aufgelöst werden soll.
Den Vorsitz führt der Bundeskanzler, beteiligt sind die wichtigsten Ressorts aus Außen-, Verteidigungs-, Innen-, Wirtschafts- und Justizpolitik sowie Vertreter der Sicherheitsbehörden. Ziel ist es, Informationen aus verschiedenen Bereichen der Sicherheitsarchitektur zusammenzuführen, Risiken frühzeitig zu erkennen und ressortübergreifend zu bewerten.
Der Rat soll damit langfristig zu einem strategischen Planungs- und Beratungszentrum ausgebaut werden, das in Krisenlagen schnell und abgestimmt reagieren kann. Wie verbindlich diese Koordinierung im praktischen Betrieb ausfallen wird, ist derzeit noch offen.
Technikmix gegen Drohnen – von Störung bis Skyranger
Operativ setzt Deutschland auf ein abgestuftes System: Detektion, Störung, Abfangen und – als Ultima Ratio – kinetische Wirkung. Das DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) erprobt gemäß Tagesspiegel Störsignale, Abfangdrohnen und Eingriffe in der Luft, kleine, langsam fliegende Systeme entziehen sich klassischem Radar teils leicht. Laser wie „Iron Beam“ gelten als präzise, Raketenlösungen als aufwendig.
Bei der Flugabwehr plant die Bundeswehr bis 2028 die Einführung von 19 Skyranger-30-Systemen. Laut einiger Experten eine deutlich unterdimensionierte Anzahl an Einheiten, um die deutsche Sicherheit vollumfänglich zu gewährleisten: Es brauche eher 500 bis 600 Exemplare, analysiert das Fach-Portal Future Warfare Magazine. Die Air-Burst-Munition der Rheinmetall-Plattform schließt derweil eine Lücke, die seit der Ausmusterung des Gepard 2012 klaffte, schreibt Focus online.
Pistorius will Industrie hochfahren – Preise im Blick
Pistorius will nun Schlüsselkapazitäten absichern und schließt Staatsbeteiligungen an Rüstungsfirmen wie KNDS oder TKMS nicht aus, um Know-how und Jobs in Deutschland zu halten – und einer „Rüstungspreisinflation“ entgegenzuwirken. „Wir brauchen die Staatsbeteiligungen, davon bin ich fest überzeugt“, sagte er jüngst dem Handelsblatt.
Parallel fordert Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche, Deutschland zum führenden Standort für Entwicklung und Produktion von Drohnen zu machen. „Wer die Lufthoheit will, muss sie sich bauen“, sagte sie der dpa – nötig seien schnelle Skalierung, KI-Fortschritte und Allianzen aus Industrie, Mittelstand, Start-ups und Forschung, auch zum Schutz kritischer Infrastruktur.
Bundeswehr und Sicherheit: Personalaufbau und Mobilisierung unter Pistorius
Boris Pistorius setzt bei einem anderen Aspekt der deutschen Sicherheit, dem Wehrdienst, zunächst auf Freiwilligkeit, will aber rechtlich Vorsorge für den Verteidigungsfall treffen. „Wir haben die Zuwachszahlen. Wir werden dieses Jahr 30 Prozent mehr militärische Einstellungen als im Vorjahr haben“, erklärte er in „Table.Today“. Mitte Oktober soll das Gesetz im Bundestag beraten werden.
Zugleich bremst der Minister Erwartungen an eine flächendeckende militärische Drohnenabwehr im Inland: Polizei und Bundesbehörden müssten bis zu einer bestimmten Höhe wirksam agieren können – die Bundeswehr könne nicht überall zugleich sein.
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Klar ist: Deutschlands Anti-Drohnen-Kurs in Zeiten des Ukraine-Krieg und vermeintlich russischer Provokationen zielt auf Balance: entschlossen Fähigkeiten ausbauen, Zuständigkeiten klären, industrielle Kapazitäten sichern – und zugleich kühlen Kopf bewahren. Die Kombination aus 24/7-Lagebild, klaren Eingriffsrechten und moderner Technik soll die „Angstmache“ ins Leere laufen lassen. Gelingt der Schulterschluss von Bund, Ländern und Industrie, wächst Resilienz schneller als die Bedrohung – und genau darauf setzt die Bundesregierung von Friedrich Merz jetzt offenbar. (Quellen: Handelsblatt, MDR AKTUELL, Tagesspiegel, Focus online, Welt, Zeit, table.media/Podcast „Table.Today“, Future Warfare Magazine)