Respektvoll hält er Abstand, als er offiziell die Partitur als Erinnerung übergibt. Das großherzogliche Paar ist am Samstag des Thronwechsel-Wochenendes am Ende der Roten Brücke kurz vor dem Grand Théâtre angekommen. Und im Fernsehbild ist Francesco Tristano die Erleichterung anzusehen.

Er hatte einen Tag voller Bangen hinter sich. Da waren die Vorbereitungen so detailliert – und dann droht der Regen, alles platzen zu lassen. „Wir hatten das Klavier und die Anlagen mit zig Lagen an Abdeckungen verpackt. Aber zum Glück hat dann, für die Zeit der Aufführung der Regen aufgehört“, hebt er hervor.

Das Stück für den Abend hat der Komponist aus einer schon erprobten Arbeit erweitert. „OPA!“ heißt das ursprüngliche Werk und ist eigentlich der dritte Part aus Tristanos Improvisationskonzert „Island Nation“ für Klavier und Orchester.

Francesco Tristano übergibt die Partitur des Stücks dem großherzoglichen Paar als Erinnerung.  Foto: SIP

Für den Thronwechsel hat er es eigens umarrangiert, mit dem Luxembourg Philharmonic neu eingespielt und mit Live-Improvisationen punktgenau auf die Ereignisse auf der Brücke eingepasst. Als Klangwolke waberten die Klangteile über die Begegnungen mit den tausenden Menschen.

Stimmt es, dass er sogar über der Roten Brücke hätte schweben sollen? „Ganz am Anfang hatten wir über eine Art Kapsel an einem Kran nachgedacht“, gibt er aus den ersten Planungen preis. Aber das sei letztlich verworfen worden. Und trotz der Regenstunden zuvor hätten die Technik und das Klavier alles gut überstanden. Doch er hat die Zähne zusammengebissen: „Mir war noch nie so kalt in meinem Konzertleben.“

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Großes Spektakel „made in Luxembourg“

Auch wenn er noch Wochen danach mit Hustenattacken zu kämpfen hat, ist er dankbar, bei dem Thronwechsel dabei gewesen zu sein. „Das war ja wirklich ein Ereignis, das grob gerechnet nur einmal in einem Vierteljahrhundert stattfindet. Ich war auf jeden Fall froh, so etwas als Kreativer erleben zu können“, sagt er.

Die Kosten erscheinen ihm im Vergleich zum möglichen Effekt von „Made in Luxembourg“ und der Beteiligung so vieler Luxemburger Kulturschaffenden als gutes Investment. „Ich kann da aus meiner Sicht sagen: Rein von der Produktion her – die Technik und das künstlerische Arrangement des Spektakels –, das war etwas, was es in Luxemburg noch nicht in dieser Form gab. Das war hochprofessionell produziert und ich habe über die Monate der Vorbereitung bis zur Aufführung sehr viel gelernt“, betont er im Rückblick.

Klangmarke eines Thronwechsels

Und nicht nur wegen des prominenten Anlasses könnte es zu einer dauerhaften Klangmarke werden. Denn das Thema ist einfach eingängig – letztlich wurde das gesamte Sounddesign der Landestour mit den Motiven ausgestattet. Das galt auch für die um die Tour produzierten Kurzfilme „Direktioun Trounwiessel“ von Max Jacoby mit dem Schauspieler Jules Werner als Protagonisten – oder auch die Werbung in der Tram.

Hier ein Ausschnitt aus „OPA!“ – hier in der Fassung mit den Akademie-Teilnehmern des Luxembourg Philharmonic

So eine wiedererkennbare Klangmarke ist ihm schon einmal gelungen, die er immer wieder neu präsentiert hat: „The Melody“ zählt für das „Billboard Magazine“ offiziell zu den „100 Best Dance Songs of All Time“. 2008 war das Stück auf seinem Solodebüt „Not for piano“ erschienen und später zusammen mit dem an den musikalischen Grenzbrüchen arbeitenden DJ Carl Craig live noch weiter nach vorne gebracht worden.

„OPA!“ oder genauer „ώπα!“ – der Titel stammt aus dem Griechischen – ist ein Ausdruck von Freude und Begeisterung. Der Kern ist eigentlich ganz klein – nur vier Takte, und dann treibt der Beat das Werk zwischen Electro- und Orchestersound voran. Stück für Stück fließt der musikalische Verlauf vom Klavier zu den Streichern und endet im großen Finale mit Blechbläsern. 2017 spielte er das Werk unter anderem mit dem Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks. Schon da sorgte es live für Begeisterung.

Hier das Video dazu (Start des Stücks ist ca. 1 Std und 33 Min.)

Der Vorteil: Es lässt sich quasi als Gebrauchsanweisung verstehen, die sich in unterschiedlichen Variationen und Möglichkeiten immer live neu ausrichten lässt. Die Thronwechsel-Fassung mit dem Luxembourg Philharmonic könnte dann auch schon bald als Aufnahme verfügbar sein. „Es wäre schön, wenn wir es offiziell rausbringen könnten. Aber da muss noch drüber verhandelt werden.“

Wer „OPA!“ live erleben will, hat ebenso die Gelegenheit dazu: Beim Eröffnungskonzert der Petinger Musikschule am 26. Februar 2026 will Francesco Tristano das Werk zusammen mit dem Orchestre de Chambre du Luxembourg aufführen.

Doch erst einmal geht ein anderes Album vor. Und das ist ein Langzeitprojekt rund um den musikalischen Kopf, der ihn seit seiner Kindheit immer wieder begleitet und begeistert: Johann Sebastian Bach. „Ich spiele mein ganzes Leben Bach. Bach war und ist immer mein Inselkomponist, mein Lieblingskomponist“, betont er.

Ein wilder Bach, der noch experimentiert

Francesco Tristano zählt zu den internationalen Gesichtern der Luxemburger Musikszene. Foto: Ryuya Amao

Am 31. Oktober erscheint nun beim Label Naïve seine Aufnahme von Bachs Toccaten. Es ist ein Baustein mehr, seinen großen Traum zu verwirklichen: Bachs Tasteninstrumentwerk komplett aufzunehmen. „Es gibt keine Integral-Aufnahmen wie zum Beispiel die Mozart-Sonaten oder das Klavier-Gesamtwerk von Chopin, Ravel oder Mendelssohn. Und das habe ich mir als spannendes Ziel gesetzt.“ Vieles davon werde selbst live so gut wie nie aufgeführt und gehöre nicht zum Standardrepertoire der Pianistenszene. Aus seiner Sicht zu Unrecht.

Gerade diese Aufnahme habe einen Bach zu bieten, der überrascht. „Hier spürt man den jungen, experimentierfreudigen Bach, der noch nicht ganz so klar weiß, in welche Richtung er gehen möchte. Mehr italienisch virtuos? Oder mehr kontrapunktisch, norddeutsch wie Bachs Vorbild Dieterich Buxtehude? In diesen Toccaten spürt man wirklich diese beiden Welten.“

Spielerische Leichtigkeit, ja sogar etwas Wildes sei darin, noch nicht diese klar abgegrenzten Strukturen und Bezüge unter den Werk-Teilen. „Ich habe das als Motivation genommen, um etwas Frische, etwas Spontaneität in dieser verrückten jungen Bachmusik für heute hörbar zu machen.“

Darin spiegelt sich auch das Selbstbewusstsein. Er hat sich das Label bewusst gewählt – und das lässt ihm bis zur Gestaltung freie Hand und er kann mit dem Team arbeiten, mit dem er sich wohlfühlt. „Naïve steht voll hinter mir und weiß auch mit dem Projekt umzugehen.“ Er muss nicht als Cover-Boy herhalten; andere nutzen eher das Image des Interpreten.

„bach the 7 toccatas“ erscheint am 31. Oktober.  Foto: Naïve Records

Er will das Projekt voranstellen. Und das zahlt sich aus. Millionen Abrufe verzeichnet er auf den Musik-Streamingplattformen. Dort wird ab Freitag, dem 31. Oktober, auch das neue Album abrufbar sein.