In ihrem weißen Gewand ist Christiane Engel ein Blickfang. Die wenigen Angehörigen, die an diesem Tag Ende Oktober auf dem alten Friedhof von Düdelingen Gräber herrichten, nehmen Notiz von der 53-Jährigen, die eine sogenannte Albe, also ein liturgisches Gewand, sowie ein liturgisches Dreieck in Lila trägt.
Jahrhundertelang waren es die Menschen in Luxemburg gewohnt, dass Priester ihre Verstorbenen unter die Erde bringen. Doch davon gibt es immer weniger, weshalb die katholische Kirche im Erzbistum Luxemburg seit Jahren neue Wege geht. 2016 begann sie, Nicht-Kleriker in die Begräbnisseelsorge einzubinden. Dies können auch Frauen sein; ein ungewöhnlicher Schritt in der männerzentrierten Glaubensgemeinschaft.
Christiane Engel war einst Religionslehrerin, doch mit der Abschaffung des konfessionellen Unterrichts wechselte sie in die pastorale Seelsorge. Foto: Anouk Antony
Christiane Engel, Mutter zweier erwachsener Kinder, war einst Religionslehrerin, doch mit der Abschaffung des konfessionellen Unterrichts wechselte sie in die pastorale Seelsorge. In der Pfarrei „Käldall Notre-Dame-des-Mineurs“ ist sie in einem Team aus 22 Mitgliedern aktiv, darunter Pfarrer, Vikare, Diakone, eine Ordensfrau, eine Sekretärin.
Zur Hälfte christliche Beerdigungen
Im Jahr 2022 erhielt sie bei einer Aussendungsfeier von Erzbischof Jean-Claude Hollerich ihr „Dienstgewand“. Seitdem leitet sie christliche Begräbnisfeiern; von den etwa 150 Beerdigungen pro Jahr in Düdelingen sind das noch immer etwa die Hälfte.
Seelsorgerin Christiane Engel spricht über die Veränderungen in der Trauerpastoral. Video: Anouk Antony
Ob sie dabei auf Skepsis trifft? „Die Reaktionen der Leute sind ganz unterschiedlich, aber die meisten nehmen das an“, sagt Engel. Sie arbeitet eng mit den anderen Mitgliedern des Pastoralteams zusammen: „Wir versuchen zuzuhören: Was brauchen die Leute? Was sind ihre Wünsche? Was sind ihre Bedürfnisse? Wenn ich heraushöre, dass die Leute sich einen Pastor wünschen, dann ist auch ein Pastor mit dabei.“
Auch neue Bräuche des Halloween-Kults wie Kürbisgesichter sind auf den Friedhöfen zu sehen. Foto: Anouk Antony
Für die Angehörigen sei vor allem wichtig, dass es einen würdevollen Abschied gibt. Der Fokus auf den Priester sei nicht mehr so stark wie früher – „Gott sei Dank“, findet Engel, denn es fehle den immer wenigeren Priestern schlicht an Zeit.
Nur ein geweihter Priester darf eine Messe zelebrieren. Die Diakone und Laien gestalten Gottesdienste ohne Wandlung. „Auf dem Friedhof gibt es keinen Unterschied. Wir haben ein Ritual: Wir segnen die Urne oder den Sarg, wir legen Boden darauf“, erklärt Engel.
Ein Lieblingslied darf abgespielt werden
Früher waren katholische Beerdigungen sehr formalisiert. Heute sei das anders; neben den klassischen Kirchenliedern sei es heute auch möglich, ein Lieblingslied der Verstorbenen abzuspielen, sagt Engel. Sie selbst sei da sehr offen; „wir versuchen, zu schauen, was der Familie gut tut. „Und wichtig ist, dass die christliche Botschaft vermittelt wird“, ergänzt sie.
Was sich sonst noch zu früheren Jahrzehnten unterscheidet? „Ich denke, dass wir uns mit der Sprache angepasst haben“, sagt Engel. Es sei wichtig, Texte zu lesen, die Trost und Hoffnung schenken und verstanden werden.
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Feuerbestattungen sind inzwischen längst auch von der katholischen Kirche akzeptiert, ihre Zahl hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Auch neue Bestattungsformen wie Waldfriedhöfe seien gar kein Problem, sagt Engel. Das anonyme Verstreuen der Asche lehnt die Kirche jedoch nach wie vor ab.
Die Frage nach dem Leben nach dem Tod
Doch woraus zieht man die Kraft, um Trauernden beizustehen? Es sei nie einfach, einen Menschen zu begraben, erklärt Engel. Besonders schwer sei das bei Kindern, jungen Menschen und persönlichen Bekannten. Nach einer solchen Beerdigung brauche sie manchmal das Gespräch mit Kollegen. Dass man den Angehörigen Trost schenken könne, gebe ihr Kraft, die Menschen auch in schwierigen Situationen aufzusuchen. „Kraft zieht man auch daraus, was man selbst erlebt hat“, sagt Engel. Ihr eigener Mann starb vor elf Jahren.
Jedes Mal, wenn sie vor einem Sarg oder einer Urne stehe, gingen ihr die Fragen nach dem Leben nach dem Tod durch den Kopf. Zweifel daran habe sie nicht, versichert Engel: „Für mich gibt es ganz sicher ein Leben nach diesem Leben, das ist mein Glaube. Aber wie dieses Leben aussieht, kann ich nicht beschreiben.“
Für mich gibt es ganz sicher ein Leben nach diesem Leben, das ist mein Glaube.
Christiane Engel
Seelsorgerin
Trotz ihres Glaubens, trotz der vielen Begegnungen mit Tod und Trauer denkt Engel, dass auch sie die Angst begleiten wird. Nicht vor dem Tod an sich, aber vor dem Sterben. „Wird mein Weg ein Leidensweg, oder werde ich friedlich einschlafen können?“, frage sie sich.
Schwierige Momente
Dass man in der Begräbnispastoral gelegentlich an seine eigenen Grenzen kommt, weiß auch Volker Beba. Der gebürtige Sauerländer aus Lüdenscheid ist seit 1999 Pfarrer der protestantischen Kirche von Luxemburg, der knapp 1.200 Menschen angehören. Es ist eine kleine Kirche, weshalb Beba für alles zuständig ist, also auch Konfirmanden, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen betreut. Etwa zehnmal im Jahr stirbt eines seiner Gemeindemitglieder.
Es gibt Momente, wo die Seelsorger an ihre Grenzen stoßen, etwa beim Tod von Kindern. Foto: Anouk Antony
„Es gibt Momente, wo es auch für mich schwer wird“, gibt Beba zu. Da war etwa das zwölfjährige Mädchen, das er beerdigen musste. „Da hat man dann schon hart zu knabbern“, gesteht der Geistliche. „Ich bin Vater von drei Kindern; wenn ich mir vorstellen würde, eins meiner Kinder stirbt da… also das…“, sagt Beba und beendet den Satz mit einem lauten Ausatmen. Gott sei Dank habe er nicht viele dieser schweren, schlimmen Fälle.
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Doch gerade in Momenten, in denen alles wegschwimme, wo der Schmerz dominiere, brauche man etwas, um sich festzuhalten. Was ihm selbst Kraft gibt, ist der Gedanke, „dass der Tod nicht das letzte Wort hat, da ist nicht alles vorüber“. Selbst, wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, bleibe die Gewissheit, dass der Verstorbene in den Erinnerungen lebendig bleibe.
Beba sagt: „So traurig das ist, wenn eine Person stirbt, der Lauf der Welt hört ja damit nicht auf. Das Leben an sich geht weiter, und auch das ist ein Stück Auferstehung.“
Die Individualisierung nimmt zu
Nach wie vor seien die christlichen Bestattungen sehr gefragt, findet auch Beba. Bei den Protestanten ist der Anteil der Urnenbestattungen ebenfalls stark gestiegen. Im letzten Vierteljahrhundert hat er beobachtet, dass die Individualisierung zugenommen habe.
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Der Ritus sei nicht starr, sondern würde ständig angepasst, erklärt Beba. Mal mit Trauerfeier in der Kirche, mal mit Andacht in der Morgue, mal mit Gang zum Grab, mal nicht. „Jedwede Kombination ist da denkbar, da sind wir sehr flexibel“, sagt der Pfarrer. Trauerfeiern seien auch sehr von den Traditionen der verschiedenen Herkunftsländer geprägt.
Manchmal muss man auch einfach mit aushalten.
Volker Beba
Pfarrer
Dass Trauerfeiern zunehmend personalisiert werden, begrüßt Beba. „Es ist nie eine Beerdigung wie die andere.“ Es sei gängig, individuelle Liederwünsche zu erfüllen. Doch manchmal gebe es grenzwertige Erfahrungen. Beba erinnert sich an eine Familie, die einen Abschied als Country-Western-Trauerfeier haben wollte.
Es bleibt ein religiöses Ereignis
Das dürfe aber nicht zum Spektakel ausarten, findet Beba. Fast sei es damals zum Eklat gekommen: „Dann musste ich denen wirklich sagen: Bitteschön, das ist jetzt hier eine religiöse Beerdigung. Entweder sie wollen einen Pfarrer oder sie wollen eine Country-Gruppe.“
Pfarrer Volker Beba ist seit 1999 in der Protestantischen Kirche von Luxemburg tätig. Foto: Michael Merten
Eine Beerdigung sei immer ein Ritual, aber auch „eine Evangeliumsverkündigung in einer besonderen Situation der Trauer. Diese christliche Botschaft, das Evangelium, das ist ja an sich etwas Positives, was Gutes, das soll eine Hilfe, eine Stärkung sein.“
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Oft denke er an die Angehörigen des zwölfjährigen Mädchens, das er beerdigte, „das geht mir heute noch nach“, so Beba. Er macht keinen Hehl daraus, dass er in diesen Momenten an seine Grenzen stößt: „Da fehlen einem dann auch selbst die Worte. Da kann ich auch nur große Fragezeichen setzen. Manchmal muss man auch einfach mit aushalten.“