Wir haben uns beim jährlichen Salon du Cercle Artistique Luxembourg (CAL) für sechs Kunstschaffende und ihre Werke entschieden. Zwischen Malerei, Gravur und Fotografie entfaltet sich darin ein Panorama künstlerischer Handschriften, von stiller Meditation bis zum farbigen Ausbruch.

1. Leen van Bogaert fragt: „Why Books?“

Drei Ölgemälde, ein wiederkehrendes Motiv: die Bibliothek als Ort des Wissens und des Verschwindens. In ihrer Serie „Why Books?“ verwandelt die belgische Malerin Leen van Bogaert, geboren 1959 in Gent, den scheinbar nüchternen Raum der Bücherregale in eine poetische Reflexion über Erinnerung und Erkenntnis.

Im ersten Bild öffnet sich ein leerer Gang, von fahlem Licht durchzogen, und die Bücher erscheinen wie schemenhafte Erinnerungen. Es ist ein rhythmischer, fast hypnotischer Raum zwischen Ordnung und Auflösung, Bücher werden zu Farbfeldern, das Regal zu einer still vibrierenden Komposition aus Pastelltönen.

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So wird die Bibliothek bei van Bogaert zum Spiegel des Denkens selbst – ein Ort, an dem Wissen im Schwebezustand zwischen Klarheit und Traum verharrt. „Why Books?“, fragt sie leise, aber eindringlich. Woran halten wir fest, wenn alles, was wir wissen, zu verblassen beginnt?

2. Chikako Kato und die Zeit zwischen den Punkten

Auf den ersten Blick wirken Chikako Katos Bilder wie ruhige Farbfelder – tiefes Blau, erdiges Rot, undurchdringliches Schwarz. Erst aus der Nähe entfalten sie Bewegung: Winzige, farbige Punkte, in geduldiger Präzision gesetzt, formieren sich zu Bögen, Bahnen und Trichtern. Das erscheint minimalistisch, vibriert aber auch, so als atme das Papier selbst.

Die in Trier lebende Japanerin, geboren 1951, arbeitet mit der Disziplin einer Meditation. Jeder Punkt ist eine bewusste Geste, jede Wiederholung ein Moment konzentrierter Zeit. Ihre Kunst verweigert Geschwindigkeit. Sie entsteht aus Wiederholung, Stille und aus einer fast spirituellen Hingabe.

Katos Minimalismus ist kein Kalkül, sondern eine Haltung. In einer Welt, die Bilder im Sekundentakt verbraucht, laden ihre Arbeiten dazu ein, innezuhalten. Jedes Blatt wird zum Erfahrungsraum von Zeit, jeder Punkt zum Zeichen des Daseins.

3. Diana Engelmann: „In the Unfolding of Faces“

Die ungarische Künstlerin Diana Engelmann, geboren 1989 in Split, arbeitet mit einer ebenso seltenen wie eindringlichen Technik: Thermogravur mit schwarzer Tinte. Ihre Serie „In the Unfolding of Faces“ ist eine visuelle Meditation über das Fragmentarische, das Verborgene, das sich langsam Entfaltende. Es sind keine Porträts im klassischen Sinn, sondern Spuren von Gesichtern, die sich aus der Tiefe des Materials herausarbeiten.

Die Gravuren wirken wie archäologische Fundstücke der Psyche. Die schwarze Tinte ist nicht aufgetragen, sondern eingebrannt. Dieser Prozess vereint Hitze, Druck und Zeit und es entstehen Bilder, die zwischen Figur und Abstraktion schweben. Die Gesichter sind nicht dargestellt, sondern im Begriff, sich zu zeigen oder zu verschwinden. Sie erzählen nicht von Menschen, sondern von dem, was von ihnen bleibt: ein Abdruck, ein Echo, ein Flüstern.

4. Jean-Claude Salvi: Auf der Lauer nach dem Unsichtbaren

Die Städte heißen Dieppe, Fiuminata und Paris. Fotograf Jean-Claude Salvi, geboren 1967 in Differdingen, sucht dort aber nicht das Postkartenhafte. Seine Serie „À l’affût“ ist eine stille Jagd nach dem Zwischenmoment, nach dem Augenblick, in dem sich das Alltägliche in Bedeutung verwandelt. Der Titel – französisch für „auf der Lauer“ – ist Programm: Salvi lauert nicht auf das Spektakuläre, sondern auf das Unscheinbare, das sich plötzlich offenbart.

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Auf einem nächtlichen Parkplatz steht ein weißes Zelt, zwei Menschen sitzen darin, umgeben von Leere. Die Szene wirkt wie ein Theaterstück ohne Publikum. Dieppe, die Hafenstadt, erscheint nicht als Ort des Transits, sondern als Bühne für ein Gespräch, das sich dem Außen entzieht.

In der italienischen Kleinstadt Fiuminata dreht sich ein Kettenkarussell in der Dunkelheit. Salvi zeigt es nicht als Fest, sondern als Orbit des Alleinseins. Es ist ein poetischer Kontrapunkt zur kindlichen Freude. In Paris schließlich begegnet uns ein Raum, der sich selbst verdoppelt: Menschen bewegen sich auf spiegelndem Boden, ihre Körper werden vervielfacht, ihre Präsenz fragmentiert.

5. Marc Bertemes‘ Farbrausch und Selbstbefragung

Inmitten der Ausstellung leuchtet ein Werk wie ein eruptiver Kontrapunkt: „Friecez“, das farbintensive Gemälde des luxemburgischen Künstlers Marc Bertemes, geboren 1977 in Esch/Alzette, ist ein Ausbruch, ein Bild, das sich nicht erklären lässt, sondern erfahren werden will.

Marc Bertemes‘ Acryl-Malereien sind keine Bilder, die man betrachtet, sondern welche, die einen betrachten.  Foto: Anouk Antony

Die Komposition besteht aus dynamischen, gestischen Pinselstrichen in Blau, Gelb, Rot, Weiß, Grün und Schwarz. Die Farben sind nicht dekorativ, sondern dialogisch. Sie sprechen miteinander, überlagern sich, widersprechen sich, und es entsteht eine emotionale Topografie, ein inneres Gelände, das sich dem Betrachter nicht sofort erschließt. Was dieses Werk besonders macht, ist die Spannung zwischen Kontrolle und Freiheit.

6. Manette Fusenig: Vögel auf dem Pflaster von Paris

Die Pariser Straßen sind voller Geschichte, doch selten werden diese so zart und zugleich eindringlich sichtbar wie in den Arbeiten der 76-jährigen Manette Fusenig. Ihre Serie von Radierungen mit Kohle auf altem Kartenpapier, direkt auf dem Kopfsteinpflaster von Paris entstanden, ist eine stille Hommage an die Stadt, ihre Bewohner und ihre gefiederten Gäste.

Die dargestellten Vögel – Spatzen, Amseln, vielleicht auch seltenere Arten – sind nicht nur Motive, sondern Metaphern. Sie stehen für Bewegung, für Beobachtung, für das Flüchtige. Fusenig zeichnet sie nicht als zoologische Studien, sondern als Stadtbewohner, als stille Zeugen des urbanen Lebens. Ihre Positionen auf den Pflastersteinen wirken zufällig und sind doch komponiert. Es ist ein Spiel zwischen Natur und Struktur, zwischen Zufall und Absicht.

Dass die Werke direkt auf dem Pflaster entstehen, ist mehr als ein gestalterischer Kniff. Es ist eine Verkörperung des Ortes. Die Unebenheiten des Bodens, die Textur der Steine, die Spuren der Zeit – all das fließt in die Zeichnung ein. Paris selbst wird zur Druckplatte, zur Bühne, zum Mitspieler. Die Kunst entsteht nicht im Atelier, sondern im Gehen, im Beobachten, im Verweilen.

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Der Salon des Cercle Artistique Luxembourg findet noch bis zum 16. November statt. Im Tramsschapp, 49, rue Ermesinde, Luxemburg. Geöffnet wochentags von 14 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 19 Uhr, der letzte Sonntag lediglich bis 17 Uhr.