Der Tod des französischen Fotojournalisten Antonio Lallican und die schwere Verwundung seines ukrainischen Kollegen Georgiy Ivanchenko im Donbas Anfang Oktober markieren eine düstere Zäsur in der Kriegsberichterstattung: Erstmals wurde in der Ukraine ein Reporter gezielt durch eine russische FPV-Drohne getötet.
Der Vorfall steht für eine Frage, die sich dramatisch zugespitzt hat: Wie lässt sich dieser Krieg weiterhin journalistisch dokumentieren, wenn die bloße Annäherung an die Front lebensgefährlich ist? „Zum ersten Mal in der Geschichte werden billige, zugleich hochpräzise Waffen massenhaft gegen einzelne Menschen eingesetzt. Es gibt genug Drohnen, um gezielt Soldaten, Journalisten oder Zivilisten zu verfolgen“, sagt Francis Farrell, Korrespondent beim „Kyiv Independent“ und einer der profiliertesten Frontjournalisten. „Leider werden Reporter dadurch immer weiter von der Front zurückgedrängt.“
Die „Kill Zone“ wird immer größer
Die Drohnendichte hat das Gelände in eine gläserne Zone verwandelt, die weit hinter die ersten Infanterielinien reicht – die sogenannte Kill Zone. Ein Raum von zehn, zwanzig oder mehr Kilometern, in dem Sichtbarkeit tödlich wird. Die Kampfzone ist kein fixierter Ort mehr, dem man sich behutsam annähern kann.
Diese neue Realität zeigen die Dutzenden Kilometer Straßen, vor allem im Donbas, die mit Antidrohnen-Netzen überspannt sind. Als „völlig surreal“ beschreibt der „El Mundo“-Korrespondent Javier Espinosa die Szenerie. „Man fährt durch offene Landschaften, sieht Kühe und Seen – und bewegt sich doch in Tunneln.“ Alle paar Hundert Meter werde etwas repariert, das kurz zuvor getroffen wurde, jede Einheit verfüge mittlerweile über einen Soldaten mit Schrotflinte, der Drohnen abschießt. „Es ist wie in ,Mad Max‘. Man kann noch arbeiten, aber es ist extrem schwierig.“
Der französische Fotograf Antoni Lallican wurde am 3. Oktober in der Nähe des Dorfes Komyschuwacha in der Region Donezk von einer russischen Drohne getötet. Das Bild zeigt ihn an der Front im Donbas im Februar 2023.ReutersEspinosa berichtet seit 35 Jahren von Kriegen weltweit. In seinen Sicherheitstrainings predigt er eine einfache Regel: „Stellt immer eine Wand zwischen euch und die Front.“ Gemeint war der Schutz vor Geschossen, die – bislang – aus einer klaren Richtung kamen. So ließ sich das Risiko, wie er sagt, „gefühlt unter 50 Prozent“ drücken. In der Ukraine liege es heute deutlich höher. „Denn wie schützt man sich vor etwas, das von oben kommt?“
Es ist die Frage, die Kriegsreporter in der Ukraine umtreibt wie keine andere. Wenn eine Artilleriegranate pfeift, bleibt vielleicht noch Zeit für einen Sprung in Deckung. Solche Reflexe lassen sich trainieren, aber einer FPV-Drohne ist das egal. Ihr Pilot verfolgt sein Ziel individuell, mit Livebildern und Tötung per Knopfdruck, wie in einem Videospiel. Was sich früher mit Erfahrung und klaren Verhaltensregeln teilweise kontrollieren ließ, entzieht sich nun jeder Berechenbarkeit.
Orte, die als sicher galten, sind es nicht mehr
Während sich GPS-gesteuerte Drohnen elektronisch stören lassen – was auch erst einmal gelingen muss –, sind analoge Glasfaser-Drohnen immun. Sie sind per Kabel mit der Steuerung verbunden, sie haben die Bedrohung grundlegend verändert. „Es ist nicht so sehr die Front, die nähergerückt ist“, sagt Francis Farrell, „es sind die Drohnen, die weiter fliegen.“
Dadurch werden Orte im frontnahen Hinterland, die früher als „relativ sicher“ galten, zur Todeszone. So etwa die Kleinstadt Druschkiwka, in deren Nähe Lallican und Ivanchenko angegriffen wurden. Auch im Zentrum von Kramatorsk und auf den Zufahrtsstraßen rund um Slowjansk kam es zu Treffern durch FPV-Drohnen. Beide Städte galten lange als – relativ – sichere Basen für Reporter.
Weit hinter der Front und doch in der Schusslinie russischer Drohnen: Ukrainische Soldaten werden in größter Eile abgelöst.Albert LoresAm 23. Oktober wurden in Kramatorsk die ukrainischen Journalisten Olena Hubanova und Yevhen Karmazin von einer russischen Lancet-Drohne getötet. Am 27. Oktober berichtete der „Welt“-Reporter Ibrahim Naber, dass sein Team einen Lancet-Angriff in der Region Dnipro nur knapp überlebt habe. Der ukrainische Produzent Ivan Zakharenko wurde verletzt, ein Soldat kam ums Leben.
„Die Russen erkennen die blauen Pressekennzeichen“
Die Angriffe zeigen, wie rasant sich die Lage verändert. Der neue, entscheidende Faktor der Sichtbarkeit stellt alte Gewissheiten infrage, die die Arbeit von Kriegsreportern prägten. „Die Drohnen haben alles verändert“, sagt Diana Butsko vom ukrainischen Medium „Hromadske“. „Die Russen erkennen die blauen Pressekennzeichen auf Helm und Weste. Wer sie heute trägt, wird zum Ziel.“ Die 31-Jährige, eine der erfahrensten Kriegskorrespondentinnen des Landes, verzichtet inzwischen auf sichtbare Markierungen. Viele Reporter hätten das Journalistenblau gegen Schwarz, Braun oder Grau eingetauscht, um nicht zusätzlich aufzufallen. Dabei sollten die Aufschriften auf Helm und Weste Journalisten nach dem Völkerrecht schützen. Eine Kennzeichnung ist nicht verpflichtend, doch viele Redaktionen und Versicherungen bestehen darauf.
Javier Espinosa hält das für grundfalsch und rät in seinen Sicherheitstrainings ausdrücklich davon ab. „Wer als Presse markiert ist, wird getötet“, sagt er. Er ist überzeugt, dass Lallican gerade wegen seiner Kennzeichnung angegriffen wurde. Dessen überlebender Kollege Ivanchenko sprach von einem „gezielten Angriff“, die französische und ukrainische Justiz haben Verfahren wegen Kriegsverbrechen eingeleitet. „Sie trugen Kameras und deutlich sichtbare Presseaufschriften“, sagt Olga Kovalova, Direktorin der Ukrainischen Vereinigung professioneller Fotografen. „Es war unmöglich, nicht zu erkennen, dass sie zur Presse gehörten.“
Der spanische Fotojournalist Albert Lores hat im Sommer seine schwere Schutzweste gegen eine leichtere getauscht, um bei Drohnenangriffen beweglicher zu sein. Doch bei seiner letzten Frontrecherche für „Le Figaro“ im September hätte auch das kaum geholfen. Der Jeep, mit dem er einen ukrainischen Soldaten zu einer Stellung in einem Waldstück begleitete, geriet ins Visier einer russischen FPV-Drohne. Sie verfehlte das Fahrzeug nur um wenige Meter. Dabei befanden sie sich noch rund zehn Kilometer von der Nulllinie entfernt.
„Vor fünf Monaten wäre niemand so gerannt“
Als sie kurz darauf die Stellung erreichten, sprang der Fahrer blitzschnell aus dem Wagen, und die im Gebüsch wartenden Soldaten sprinteten los. „Vor fünf Monaten wäre niemand so gerannt“, sagt Lores. „Ich begann, sofort zu fotografieren. Nach wenigen Sekunden war die ganze Aktion vorbei.“ Für den Spanier hat sich das Risikogefühl im Kern dennoch nicht verändert. Der entscheidende Unterschied liege heute im Radius der Hochgefahr, der 20 bis 30 Kilometer weiter hinten beginne als früher – und in der psychologischen Wahrnehmung. Lores erinnert sich an die Worte eines Soldaten im Fronturlaub: „Heute bekomme ich keine posttraumatische Belastungsstörung mehr, wenn ich einen lauten Knall höre, sondern wenn ich den Reißverschluss meiner Jacke zuziehe.“
Charkiw, 22. Oktober: Rettungskräfte evakuieren Kinder, nachdem russische Drohnen bei einem Angriff einen städtischen Kindergarten getroffen haben. Das Bild stammt vom ukrainischen Katastrophenschutz.dpaDass selbst Drohnen- und Artillerieeinheiten weit hinter den vorderen Linien unter permanenter Angst vor dem Surren über ihnen operieren, verschärft eine Lücke in der Berichterstattung, die schon vorher klaffte: der nahezu unmögliche Zugang zu Infanteriestellungen nahe an der Nulllinie. Oder was heute noch davon übrig ist. Denn eine direkte Kontaktlinie wird immer seltener, wie dies die F.A.Z. im August mit einer Recherche vor Ort dokumentiert hat. Das Schlachtfeld verwandelt sich in eine Grauzone mit unübersichtlichen Stellungen und Erdlöchern, in denen die Soldaten oft wochenlang ausharren, weil die Drohnen sie festnageln.
„Ich kann den Kern des Krieges nicht mehr zeigen“
Diana Butsko bereitet das Sorgen. Zuletzt gelang ihr ein Zugang zur Infanterie im Jahr 2024. „Sie sind unsere Verteidiger und stehen buchstäblich zwischen uns und den Russen. Und heute kann ich diesen Kern des Krieges nicht mehr zeigen. Und dann frage ich mich: Gibt es überhaupt noch Kriegsberichterstattung, wenn ich den Krieg nicht mehr zeigen kann?“ Um den Erfahrungen der Soldaten an vorderster Front noch etwas gerecht zu werden, versucht Butsko sie in dem Moment abzufangen, in dem sie von der Front zurückkehren. „Man sieht es in ihren Gesichtern, in ihrer Müdigkeit, in ihren Stimmen. Da ist immer noch der Krieg – nur eben ein paar Kilometer entfernt.“ Doch diese Gelegenheiten ergeben sich immer seltener. Was bleibt, ist, Bildschirme und Livedrohnenbilder in den Kommandoposten zu filmen und mit den Offizieren zu sprechen. „Wir sehen das Schlachtfeld zunehmend aus der Distanz“, sagt Butsko.
Wie damit umgegangen werden könnte, zeigt der Film „2000 Meter nach Andriiwka“ des Oscarpreisträgers Mstyslav Chernov („20 Tage in Mariupol“), der beim Sundance Film Festival mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Chernov gelang während der ukrainischen Gegenoffensive im Sommer 2023 – kurz bevor die Front von den FPV-Drohnen überzogen wurde – einer der letzten unmittelbaren Zugänge zu jenem brutalen Grabenkrieg, der in der Ukraine 2022 und 2023 noch einmal aufflammte. Nur dass er diesen mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts festhielt: den Helmkameras der Soldaten, Drohnenaufnahmen und seiner eigenen Kamera. Aus diesem Material montierte er ein Kriegsdokument von nie gesehener Unmittelbarkeit. So eindringlich, dass aufwendig rekonstruierende Kriegsfilme wie Alex Garlands „Warfare“ verblassen. Auch der ukrainische Regisseur Oleh Sentsov, der fünf Jahre in russischer Haft verbrachte und zu Beginn der Vollinvasion zur Armee ging, schuf mit „Real“ (2024) ein realistisches Kriegszeugnis: einen 89-minütigen One-Shot aus den Schützengräben, gedreht mit seiner versehentlich eingeschalteten GoPro-Kamera.
Wie können oder dürfen Medien mit dieser Art der Zeugenschaft umgehen? Wenn Infanteristen und Drohnenpiloten massenhaft selbst filmen, sind die Bilder unmittelbarer als jeder journalistische Zugang und doch Teil des Krieges selbst. Wo lassen sich die Grenzen einer Kuration militärischer und dokumentarisch-journalistischer Perspektiven ziehen?
„Die Frontlinie zu meiden, ist keine Lösung“
In ukrainischen Journalistenkreisen wird darüber auch angesichts der neuen Risikolage längst diskutiert. „Die Frontlinie komplett zu meiden, ist keine Lösung. Aber diese Arbeit sollten zunehmend Presseoffiziere übernehmen“, sagt Olga Kovalova vom ukrainischen Fotografenverband. Diese verfügten über die erforderliche Ausbildung, hätten Zugang und könnten die Ereignisse „zurzeit weitaus sicherer und effektiver dokumentieren als zivile Journalisten“. Dabei müssten journalistische Souveränität, Transparenz und redaktionelle Kontrolle weiterhin oberste Priorität haben, um Propaganda zu vermeiden. Es gehe um eine „vorübergehende Anpassung an extreme Umstände“.
Auch der Fotograf Mykhaylo Palinchak, Bildredakteur beim ukrainischen Medium „Frontliner“, sieht darin einen überfälligen Wandel. „Der Krieg hat sich verändert“, sagt er. „Also muss sich auch die Bildsprache verändern.“ Auf Social Media sehe man täglich Hunderte Drohnenaufnahmen, die zeigen, wie Soldaten getötet werden. „Diese Videos prägen, wie dieser Krieg visualisiert wird.“ Die Zukunft liege darin, solche Aufnahmen redaktionell zu prüfen und zu kuratieren. Medien müssten Wege finden, zwischen der militärischen und zivilen Sicht zu vermitteln. Auch journalistisch gesteuerte Drohnen müssten eine Rolle spielen. Nur so, sagt Palinchak, könne man in einem technisierten Krieg eine unabhängige Perspektive bewahren. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Drohnenkrieg entwickelt, legt solche Ideen nahe. Vielleicht sehen wir den Krieg bald durch die Kameraaugen eines „Robot Capa“.