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Vom Pannen-Puma zur Primaballerina? Die Bundeswehr bekommt neue Schützenpanzer; Deutschland übernimmt mehr Verantwortung für die Bündnisverteidigung.
Berlin – „Deutschland beabsichtigt, die Bundeswehr zur ,stärksten konventionellen Armee Europas‘ auszubauen“, zitiert Politico Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) – zusammen mit seinem Versprechen, ihr „alle notwendigen finanziellen Mittel“ zur Verfügung zu stellen, so das Magazin zu dessen Aussage aus dem Mai. Der Ukraine-Krieg und vor allem Wladimir Putins Bedrohung der freien westlichen Welt nötigen die Bundesregierung dazu, die Armee so auszustatten, dass sie die Bezeichnung „Streitkräfte“ wieder verdient. Was sie jetzt offenbar getan hat. Auf Deutschland rollt ein großes Rudel Pumas zu, nachdem bereits 50 Stück bestellt sind.

Der Beginn einer Erfolgsgeschichte im Jahr 2015: Die Vorstellung des ersten Schützenpanzers Puma auf dem Erprobungsgelände des Unternehmens Rheinmetall in Unterlüß in der Lüneburger Heide (Niedersachsen). Der Waffe wird eine große Verantwortung für die Landes- und Bündnisverteidigung angetragen. Jetzt ordert die Bundeswehr in großem Stil nach. © Holger Hollemann/dpa
200 dieser modernen Schützenpanzer hat die Bundesregierung nachgeordert. Wie Rheinmetall mitteilt, habe das Unternehmen zusammen mit einem Joint Venture mit KNDS Deutschland einen Vertrag mit dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) unterschrieben. Start ist Januar 2026, das Volumen umfasst 4,2 Milliarden Euro brutto; die ersten Fahrzeuge dieser Tranche sollen 2028 ausgeliefert werden. Vor etwas mehr als zehn Jahren hatte der Puma als „,Mutterschiff‘ der Panzergrenadiere“, wie die Bundeswehr schreibt, seinen Vorgänger Marder abgelöst. Der war bis dahin mehr als 50 Jahre das Arbeitspferd der motorisierten Schützen gewesen und trotz all seiner Stärken von der technischen Entwicklung überholt worden.
Der Puma essenziell an NATO-Ostflanke: Gebaut, um „eine substanzielle Einsatzreserve zu gewährleisten“
Schützenpanzer sind in erster Linie für den sicheren Transport von Soldaten und nicht als Kampfpanzer gedacht. Jedoch werden diese auch an der Front verwendet. Schützenpanzer befördern also Soldaten unbeschadet direkt mitten in das Kriegsgeschehen und unterstützen die Infanterie dann im Einsatz. Die Kanone des Schützenpanzers ist kleiner als die des Kampfpanzers; allein deshalb ist ein Schützenpanzer einem feindlichen Kampfpanzer an Feuerkraft, Panzerung und Reichweite unterlegen und im Prinzip leichter zu zerstören; oder wie das Magazin Forbes über das US-Pendant zum Marder beziehungsweise Puma schreibt: „Das in den USA hergestellte Infanterie-Kampffahrzeug M-2 Bradley ist kein Panzer. Es ist ein Kampftaxi für die Infanterie.“
„Das dynamische und intensive Kriegsumfeld erfordert ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Größe und Raffinesse – eine Beschaffungsstrategie, die man als ,präzise Masse‘ bezeichnen könnte. Teure, hochtechnologische ,Boutique‘- und ,exquisite‘ Waffensysteme, die sich nur schwer in großer Stückzahl einsetzen lassen, dürften einer Kriegsmaschinerie, die auf Größe setzt, kaum erfolgreich entgegentreten können.“
Auch der Puma wird auf einem Gefechtsfeld eine stärkere Rolle spielen. Laut Politico sieht das Planungspapier der Bundesregierung die Aufstockung der Schützenpanzer-Flotte bis 2035 auf 1087 Kampffahrzeuge vor. Demnach sollen bis dahin 662 neue Kampffahrzeuge sowie 25 Varianten für die Fahrerausbildung folgen. Aufgrund von alten Kalkulationen würde das Investitionsvolumen 14 Milliarden Euro betragen, so Politico. Das Parlament soll aber noch seine Zustimmung geben müssen. Wie Army Recognition berichtet, soll von der vergrößerten Flotte vor allem die permanente 45. Panzerbrigade in Litauen profitieren –deren volle Einsatzfähigkeit sei für 2027 vorgesehen. Die Gesamtzahl der Puma-Panzer diene dem Ziel, „mechanisierte Infanteriebataillone in mehreren schweren Brigaden zu standardisieren und eine substanzielle Einsatzreserve zu gewährleisten“, schreibt das Magazin.
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr

Die Bundeswehr-Doktrin beispielsweise spricht vom Gefecht der verbundenen Waffen, also dem koordinierten Miteinander von schweren Panzern, Schützenpanzern mitsamt Grenadieren und weitreichender Artillerie. Der Puma gilt als der weltweit am weitesten entwickelte Schützenpanzer – und hat sich doch als Hoffnungsträger mit Macken gezeigt. Noch 2024 hatte die Aufrüstung bestehender Fahrzeuge Schwierigkeiten bereitet – entweder versagte die Software, oder die verbaute Sicherheitstechnik richtete sich gegen Fahrzeug und Besatzung: Die Bild monierte beispielsweise die Ausstattung der Pumas mit letzten Endes gefährlichen Feuerlöschern – Ende 2022 soll ein Pulver-Feuerlöscher einen Kabelbrand zwar gelöscht, aber auch gleich die gesamte Technik lahmgelegt haben.
Was Putin mit dem Puma erwartet: Oft hochkomplexe Lösungen am Rand des technisch Machbaren
Die Herstellerfirma des Feuerlöschers hatte einen ursächlichen Zusammenhang zurückgewiesen und klargestellt, dass die Technik-Panne ein ganz normaler Kollateralschaden gewesen sei. Nichtsdestotrotz begleiten das Fahrzeug seit Anbeginn an heftige Geburtswehen. Der Puma sollte ein Alleskönner sein. Doch die militärischen Vorgaben auf der einen und die Gewichtsbegrenzung auf der anderen Seite machten das nahezu unmöglich. Das Konsortium aus Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall wollte ihn trotzdem bauen und die ersten Puma innerhalb von sechs Jahren ausliefern; ein hehrer Anspruch, wie die Neue Zürcher Zeitung fand: „Das widersprach sämtlichen Erfahrungen im Panzerbau, die Entwicklung des ,Marder‘ zum Beispiel hatte elf Jahre gedauert.“ Schon bald zeigte sich, dass die Versprechungen tatsächlich zu vollmundig gewesen waren.
Der Puma erforderte zahlreiche neue und oft hochkomplexe Lösungen am Rand des technisch Machbaren – was sich rächen und Deutschland innerhalb der NATO in Misskredit bringen sollte, wie die Tagesschau Anfang 2023 berichtete. 18 der 40 auf einen höheren technischen Standard hochgerüsteten und für den Abmarsch zur VJTF (Very High Readiness Joint Task-Force, sehr schnelle Eingreiftruppe der NATO) vorgesehenen Pumas fielen während einer Übung aus: „Schon im Jahr 2018 war bei der Bundeswehr ein Panzer-Problem offenbar geworden: Damals gab es Berichte, dass viel zu wenig Kampf- und Schützenpanzer für die NATO-Truppe einsatzbereit seien. Dass aus Deutschland nun erneut Negativ-Schlagzeilen aufgrund von mangelhaftem Material kommen, dürfte bei so manchem Bündnispartner Stirnrunzeln auslösen“, so die Tagesschau.
Pistorius‘ Erfolg: Die Bundeswehr rasselt auch mit diesem Schützenpanzer „zurück auf Los“
Möglicherweise hat sich das inzwischen entspannt. Die Kräfte an der Nordostflanke des Verteidigungsbündnisses nehmen Gestalt an, wie die NATO im Mai publiziert hatte. „Deutschland hat mit der Stationierung der 45. Panzerbrigade – der sogenannten ‚Brigade Litauen‘ – in Litauen einen Meilenstein für die NATO-Abschreckung im Baltikum gesetzt.“ Dieser Großverband besteht aus rund 4800 Soldaten und etwa 200 zivilen Mitarbeitern. „Mit Einheiten wie dem 122. Panzergrenadierbataillon und dem 203. Panzerbataillon – ausgerüstet mit modernen Schützenpanzern vom Typ Puma beziehungsweise Kampfpanzern vom Typ Leopard 2A7 – verkörpert die Brigade die Weiterentwicklung der NATO hin zu höherer Einsatzbereitschaft, Mobilität und Kampfkraft.“
Auch Sönke Neitzel hat von der Bundeswehr im Bündnis immer mehr verlangt als das, was sie häufig geleistet hat. Was sich spätestens mit dem Ukraine-Krieg verändert habe, wie der deutsche Militärhistoriker in seinem Buch „Die Bundeswehr“ schreibt: „Es reichte der Bundesregierung aus, dass sie alle vier Jahre die Führung der neuen, eine Brigade starken schnellen Eingreiftruppe der NATO (VJTF) übernahm. Dass dies nur möglich war, indem der Verband sich Material und Ausrüstung aus der ganzen Bundeswehr zusammenklaubte, brachte in Berlin niemanden wirklich aus der Ruhe“, schreibt er. Der Puma kehrt diesen Prozess nun um.
Die Bundeswehr rasselt auch mit diesem Schützenpanzer „zurück auf Los“, wie Neitzel formuliert und entdecke die Landes- und Bündnisverteidigung neu. Laut Army Recognition könne sich der Puma auch Drohnen stellen: Der Puma soll auf einer aktuellen Verteidigungsmesse gezeigt worden sein mit einem DedroneSensor RF-300 – ein Drohnenabwehrsystem „zur passiven Erkennung, Klassifizierung und Ortung unbemannter Luftfahrzeuge (UAVs) und ihrer Fernsteuerungssignale“, so das Magazin. Allerdings steht der Puma auch immer noch für den Hang zur „Goldrandlösung“, die Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den deutschen Militärs allerdings austreiben wollte. Und was auch dringend geboten scheint, wie der Ukraine-Krieg zeigt – worauf die Analysten von GlobalData in einem Kommentar für das Magazin Army Technology hinweisen:
„Das dynamische und intensive Kriegsumfeld erfordert ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Größe und Raffinesse – eine Beschaffungsstrategie, die man als ,präzise Masse‘ bezeichnen könnte. Teure, hochtechnologische ,Boutique‘- und ,exquisite‘ Waffensysteme, die sich nur schwer in großer Stückzahl einsetzen lassen, dürften einer Kriegsmaschinerie, die auf Größe setzt, kaum erfolgreich entgegentreten können.“ (Quellen: NATO, Politico, Forbes, Army Recognition, Bild, Neue Zürcher Zeitung, Tagesschau, Sönke Neitzel „Die Bundeswehr“, Army Technology) (hz)