Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte am Montag von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Residenz Putins berichtet. Er sprach von 91 ukrainischen Drohnen mit größerer Reichweite, die Russlands Flugabwehr am Sonntag und Montag abgeschossen habe. Über Verletzte und Schäden sei nichts bekannt.
Laut russischen Medien handelt es sich um Putins Waldai-Residenz, die im Gebiet Nowgorod zwischen Moskau und St. Petersburg liegt. Dort soll Putin oft seine Wochenenden mit der Familie verbringen. Ob Putin am Sonntag und Montag Zeit in dem Anwesen verbrachte, ist unbekannt. Das russische Verteidigungsministerium teilte später mit, dass die Drohnen über den Gebieten Brjansk, Smolensk und Nowgorod „neutralisiert“ worden seien.
Ukraine weist Vorwürfe zurück
Die Vorwürfe aus Moskau hatten für erheblichen Wirbel gesorgt. US-Präsident Donald Trump, der am Montag in Florida Gespräche mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj geführt hatte, zeigte sich verärgert. Man werde herausfinden, ob es Beweise für die Attacke gebe, sagte der US-Präsident.

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Russlands Präsident Putin
Selenskyj bestritt den Angriff. Er warf Russland eine „weitere Lüge“ vor. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha forderte andere Länder am Dienstag auf, den russischen Angaben keinen Glauben zu schenken. Russland habe bisher keine Beweise für den Angriff vorgelegt und könne das auch nicht tun, denn es gebe keine. „Ein solcher Angriff hat nicht stattgefunden“, so Sybiha.
ISW: Keine Spur von Angriffen
Die Umstände des angeblichen Angriffs entsprechen laut der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) jedenfalls nicht dem Muster, das sonst bei ukrainischen Angriffen im russischen Hinterland zu beobachten sei. „Bestätigte ukrainische Angriffe in Russland hinterlassen in der Regel Spuren, die in öffentlich zugänglichen Quellen nachweisbar sind“, schrieb das ISW.
Nach dem Treffen von US-Präsident Donald Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Florida bleiben zentrale Fragen auf dem Weg zu einem möglichen Frieden offen. Im Interview sprachen USA-Experte Reinhard Heinisch und Russland-Experte Gerhard Mangott darüber, welche Ziele Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin verfolgen.
Zu besagten Spuren gehören etwa Aufnahmen von Luftabwehrmaßnahmen, Explosionen, Bränden und Rauchsäulen, die aus der Nähe der Zielorte stammen und sich geolokalisieren lassen. Hinzu kommen laut ISW Aussagen von regionalen Behörden, die den Erfolg von Angriffen in der Regel herunterspielten, sowie Berichte lokaler Medien. „Das ISW hat weder solche Aufnahmen noch lokale oder regionale Berichte über ukrainische Angriffe in der Nähe von Putins Residenz gefunden, die Lawrows Behauptung bestätigen würden“, so die Denkfabrik in einem Lagebericht.
Auch der „Spiegel“ (Onlineausgabe) schrieb am Dienstag von „Ungereimtheiten“. Das Magazin verwies darauf, dass die zentralen Informationsquellen für Drohnenangriffe auf russische Regionen die Telegram-Kanäle der zuständigen Gouverneure und das russische Verteidigungsministerium seien. Der Gouverneur der Region Nowgorod, Alexander Dronow, habe am 28. und 29. Dezember über insgesamt 41 abgeschossene Drohnen informiert. Einen Angriff auf Putins Residenz habe er nicht erwähnt.
Luftabwehrsystem schützt Residenz
Putins Residenz ist gut geschützt. Mindestens 19 Flugabwehrsysteme sind rund um das Anwesen positioniert, schrieb der Journalist Mark Krutov auf der Plattform X. Krutov arbeitet für den US-finanzierten russischen Sender Radio Swoboda. In Waldai sei am 29. Dezember keine Aktivität der Luftabwehr zu hören gewesen, berichtete das russische Oppositionsmedium Sota unter Berufung auf Stadtbewohner.
Debatte
Ukraine: Welche Sicherheitsgarantien braucht es?
Die Ukraine greift regelmäßig Ziele im russischen Hinterland an. Erst vor zwei Tagen meldeten die Streitkräfte einen Raketenangriff auf die Ölraffinerie Novoschachtinsk in der russischen Region Rostow. Einen Angriff auf einen Sitz des russischen Präsidenten gab es während Russlands Angriffskriegs bisher nur einmal. Am 3. Mai 2023 wurden nahe dem Kreml zwei Drohnen abgeschossen. Die Ukraine bestritt damals, mit dem Vorfall etwas zu tun zu haben.
Kreml: Steigen nicht aus Gesprächen aus
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Dienstag auf die Frage nach physischen Beweisen für den Angriff, die Luftabwehr habe die Drohnen abgeschossen. Die Frage nach den Wrackteilen sei jedoch eine für das Verteidigungsministerium.
Die „terroristische Aktion“ habe darauf abgezielt, „den Verhandlungsprozess zum Scheitern zu bringen“, sagte Peskow. Die diplomatische Konsequenz werde eine Verschärfung der Verhandlungsposition Russlands sein. Das russische Militär wisse zudem, wie und wann es zu reagieren habe. Es sei aber nicht zielführend, Details dazu zu nennen. Moskau werde nicht aus den Gesprächen aussteigen. „Russland wird natürlich den Gesprächsprozess fortsetzen und den Dialog, vor allem mit den Amerikanern“, sagte er.
Außenminister Lawrow hatte bereits am Montag erklärt, Russland habe Ziele in der Ukraine für „Vergeltungsangriffe“ ausgewählt und werde seine Position in den Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges „überarbeiten“.
Friedensgespräche ohne greifbares Ergebnis
Der Angriffsvorwurf überschattet die aktuellen Friedensgespräche. Selenskyj und Trump hatten einander am Sonntag in Florida getroffen. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz nach dem Gespräch war die Stimmung gut, greifbare Ergebnisse wurden allerdings nicht verkündet.

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Selenskyj und Trump bei ihrem Treffen in Florida
Auf die Frage, wann ein Abkommen zur Beendigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine möglich sei, sagte Trump bei der gemeinsamen Pressekonferenz: „Wenn es wirklich gut läuft, vielleicht in ein paar Wochen. Und wenn es schlechter läuft, länger. Und wenn es wirklich schlecht läuft, dann wird es nicht passieren.“ Selenskyj sagte in Florida, der Plan zur Beendigung des Krieges sei zu „90 Prozent“ beschlossen.