Luxemburger WM-Medaillen sind und bleiben eine Seltenheit. Wenn dann doch einmal ein Sportler oder eine Sportlerin aus dem Großherzogtum auf der großen Bühne Edelmetall gewinnt, ist das ein Moment von sporthistorischer Bedeutung. Auch nach 20 Jahren als Sportjournalist sorgen solche Augenblicke für ein Gefühlschaos: es wird mitgefiebert, gestaunt, analysiert, gerechnet – und am Ende auch gejubelt und gefeiert, wenn die Arbeit getan ist.
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Marie Schreiber sorgte zu Jahresbeginn für Begeisterung. Bei den Weltmeisterschaften im Cyclocross holte sie in der U23-Kategorie endlich ihre Medaille. In den beiden Jahren zuvor war sie an den hohen Erwartungen gescheitert und jeweils Fünfte geworden. Dass sie mehr kann, zeigte sie nun eindrucksvoll im Norden Frankreichs. Die Silbermedaille war die verdiente Belohnung.
Lautstarke Luxemburger Fangemeinde
Das Großherzogtum hatte 40 Jahre auf eine Nachfolgerin von Claude Michely gewartet. Der zu früh verstorbene Ex-Profi hatte 1985 in München bei der Männer-Elite Bronze gewonnen. Nun also Schreiber.
Besonders war auch die Kulisse: Rund 300 Luxemburger Fans waren bei perfektem Cyclocross-Wetter nach Liévin gepilgert. Unter den insgesamt 50.000 Zuschauern stachen sie heraus – mit rot-weiß-blauen Bommelmützen und lautstarken Schreiber-Sprechchören. Es war die perfekte Bühne für einen Galaauftritt ihrer Favoritin.
Glücklich fährt Marie Schreiber in Liévin als Zweite ins Ziel. Foto: Serge Waldbillig
Persönlich war Liévin ebenfalls ein besonderer Schauplatz. Denn dort endete ein Kapitel: eine bereichernde, fast 20-jährige Zusammenarbeit mit meinem Fotografenkollegen Serge. Er ist schon länger im Ruhestand, ließ sich aber glücklicherweise dennoch immer wieder zu Abstechern zu Radrennen überreden. Nun ist endgültig Schluss. Mit 68 muss man nicht mehr in unbequemen Betten schlafen, stundenlang im Auto sitzen, bei Wind und Wetter lange auf Radsportler warten und zu unmöglichen Zeiten essen. Er hat sich Ruhe, Reisen und Zeit mit der Familie verdient.
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Die gemeinsamen Jahre waren auf ihre eigene Art wunderbar: 300 Übernachtungen in manchmal schäbigen Hotels, 100.000 Kilometer über französische Autobahnen und Landstraßen, hunderte gemeinsame Essen und tausende Lacher. Langweilig war es nie. Auch nicht in Liévin – nur die Verletzung bei einem Sturz auf dem unwegsamen Cyclocross-Gelände hätte nicht sein müssen. Der Gedanke an Schreibers Medaille und die gemeinsamen Abenteuer lindert den Schmerz hoffentlich ein wenig.
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