Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht Sharon Adler, Journalistin und Gründerin des Online-Magazins für Frauen AVIVA-Berlin, über die Berichterstattung zur Attacke auf Jüdinnen und Juden am Bondi Beach, über Israel und kritisiert die Vergabe des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises an die ARD-Nahostkorrespondentin Sophie von der Tann.

Elisa Mercier (EM): Wie schätzen Sie die Berichterstattung der Medien über die antisemitische Attacke auf die Chanukka-Feier am australischen Bondi Beach ein?

Sharon Adler (SA): Mich überrascht diese Berichterstattung nicht. Wie gewohnt zeigt sie wenig Mitgefühl und eine Kälte, wie wir sie seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend erleben. Besonders auffällig an den Berichten über den Anschlag am Bondi Beach waren auch der Mangel an Kenntnissen und die Kontextualisierung. Oft war lediglich von einem »jüdischen Fest« die Rede, beinahe so, als handle es sich um eine private Feier ohne gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Kontext. Es fehlte an grundlegenden Informationen: Was ist Chanukka? Welche Bedeutung hat dieses Fest für Jüdinnen und Juden? Wer kam dort zusammen? Der Bezug zur jüdischen Community vor Ort blieb weitgehend unsichtbar. Diese Leerstelle ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines medialen Musters, das wir seit Jahren beobachten.

EM: Sie meinen aus der Berichterstattung über Israel und den Gaza-Krieg?

SA: Ja. Auch in der Berichterstattung über Israel fehlen Empathie und Einordnung. Journalistinnen und Journalisten haben die Pflicht zur neutralen Berichterstattung, aber der Sprachgebrauch in Bezug auf Israel ist auffällig unausgewogen. Wenn über israelische Opfer berichtet wird wie die des Massakers auf dem Nova-Musikfestival, über Vergewaltigungen israelischer Frauen oder über die ermordeten Kinder in den Kibbuzim, fehlen oft eine klare Sprache und eine eindeutige Benennung. Man thematisiert die »Kinder in Gaza«, aber die israelischen Kinder werden ausgeblendet. Ich wünsche mir hier einen viel bewussteren Sprachgebrauch.

Es wurde in der Berichterstattung über den 7. Oktober 2023 auch kaum thematisiert, wer ermordet wurde. Die Bewohner der Kibbuzim waren friedensbewegte Menschen, die sich aktiv für eine Verständigung mit den Bewohnern des Gazastreifens eingesetzt haben. Sie haben diese beschäftigt, wurden von ihnen aber ausgespäht und sicherheitsrelevante Informationen an die Hamas verraten. Dass es in Israel eine große Friedensbewegung gibt, passt nicht in das Bild des Aggressors, das medial von Israel gezeichnet wird. Man liest daher auch wenig darüber, dass Israelis seit Jahren unter Raketenbeschuss leben und permanent bedroht sind, auch hier in Europa.

Unkritische Berichterstattung

EM: Sie arbeiten seit vielen Jahren als Journalistin. Wie sehen Sie die Entwicklung der Berichterstattung über Israel im Laufe der Zeit?

SA: In den vergangenen Monaten wurde besonders deutlich, wie bereitwillig öffentlich-rechtliche Medien und große Nachrichtenagenturen Informationen und Bildmaterial von sogenannten, der Terrororganisation Hamas nahestehenden Journalisten aus Gaza übernommen haben – häufig ungefiltert, ungeprüft und zur Primetime in deutsche Haushalte gesendet.

Diese Informationen entsprechen häufig nicht der Realität und deshalb hätte ich mir gewünscht, dass es nach dem Bekanntwerden von Fake-Aufnahmen Stellungnahmen zu dieser Art der Berichterstattung gibt sowie eine breite öffentliche Debatte über Fragen wie: Warum gab es keine Transparenz darüber, wie Bilder von den Massakern und Verschleppungen in Israel und aus Gaza so schnell verfügbar sein konnten? Warum wurden bestimmte Inhalte so unkritisch von den öffentlich-rechtlichen Medien übernommen, ohne sie und die Quellen zu prüfen?

Nichtjüdische Deutsche hätten sich fragen müssen, welche Narrative sie durch diese Berichte übernommen und wie sie diese weiterverbreitet haben – in sozialen Medien, in Kommentaren, im Alltag. Dass Selbstkritik ausblieb und eine Debatte kaum geführt wurde, halte ich für fast gravierender als die ursprünglichen Fehler selbst. Ich sehe aber nicht, dass Interesse daran besteht, an dieser Situation etwas zu verändern.

EM: Was sind die Gründe für diese Berichterstattung? Liegen sie am hektischen Redaktionsalltag, in dem Fehler passieren, oder sind die Probleme größer?

SA: Ich sehe tiefergehende Probleme. Sie reichen von Kontinuitäten in der Berichterstattung über Israel, einem ausgeprägten »Copy-and-Paste«-Prinzip, bei dem Journalistinnen und Journalisten Informationen ungeprüft übernehmen, bis hin zu strukturellen Problemen. In der journalistischen Ausbildung gibt es erhebliche Defizite. Viele junge Journalistinnen und Journalisten kennen keine Jüdinnen und Juden, sie waren noch nie in Israel und haben kaum fundierte Kenntnisse über die Geschichte des Landes, seine Gründung oder den Nahostkonflikt.

Austauschprogramme, wie sie in den 1970er-Jahren etwa von der Aktion Sühnezeichen organisiert wurden, ermöglichten zahlreiche Begegnungen mit den Menschen in den Kibbuzim in Israel und auch mit Shoah-Überlebenden. Zwar existieren heutzutage Austauschprogramme wie Schulpartnerschaften und Stipendienprogramme, doch die sind nicht institutionell verankert und werden nur punktuell umgesetzt.

Umso mehr bin ich darauf gespannt, ob die geplante Erweiterung des Programms Deutsch-Israelischer Freiwilligendienst (DIFD) in Deutschland flächendeckend angenommen und umgesetzt wird. Eine entsprechende gemeinsame Erklärung dazu haben die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien und der israelische Außenminister Gideon Sa’ar im Oktober 2025 in Jerusalem unterzeichnet.

Gleichzeitig bleibt die deutsche Geschichte in beiden deutschen Staaten nach 1945 bis heute unzureichend reflektiert. In Ostdeutschland etwa wirken die israelfeindlichen Prägungen der DDR und ihre staatlichen Verbindungen zur PLO teils nach, in Westdeutschland wird die RAF in gewissen Kreisen bis heute gefeiert. Eine ernsthafte Aufarbeitung steht bis heute aus, ebenso wie allgemein die Aufarbeitung der Verantwortung der eigenen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus und welche familiären Prägungen sich bis heute durchziehen.

Irritierende Kälte

EM: Die ARD-Nahostkorrespondentin Sophie von der Tann ist kürzlich mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt worden, trotz Kritik im Vorfeld. Wie beurteilen Sie diese Auszeichnung?

SA: Ich halte diese Auszeichnung für ein ausgesprochen problematisches Signal. Sie ehrt eine Berichterstattung, die Israel konsequent negativ darstellt, während die Hamas häufig eher neutral dargestellt wird. Sophie von der Tann ist eine professionell wirkende Journalistin, doch ihre Berichte über Israel spiegeln klar ihre persönliche Haltung wider. Besonders irritierend war, dass die Kritik von Jüdinnen und Juden und aus Israel an der Preisvergabe in der Öffentlichkeit massiv kritisiert wurde. Diese Form des Wegwischens von Kritik ist selbst Teil einer bekannten deutschen Kontinuität. Hier zeigt sich eine Kälte, die in keiner Weise hinterfragt, ob an dieser Kritik etwas dran sein könnte.

Die Preisvergabe an Sophie von der Tann verstärkt antiisraelische Narrative und signalisiert, dass diese Perspektive gewünscht oder zumindest akzeptiert ist. Viele Menschen haben gegen die Auszeichnung an Sophie von der Tann protestiert, Programmbeschwerden formuliert und Petitionen unterschrieben, auch ich, aber das hatte keine Wirkung. Eine ernsthafte Auseinandersetzung blieb aus. Man muss sich das vorstellen: Sophie von der Tann arbeitet unbehelligt vor Ort in Israel, genießt alle Freiheiten des Landes, verdient vermutlich gut, verschließt aber die Augen davor, dass viele Israelis Angehörige verloren haben, ihre Wohnungen und Existenzen.

EM: Welche Maßnahmen könnten zu einer neutraleren Medienberichterstattung über Israel führen? Wären etwa Sitze in Rundfunkräten sinnvoll?

SA: Das ist eine gute Frage. Zunächst müssten jüdische und israelische Stimmen deutlich häufiger und vielfältiger präsent sein – nicht immer dieselben, sondern unterschiedliche Generationen und Erfahrungen. In den großen Redaktionen arbeiten zwar auch Jüdinnen und Juden oder Israelis, aber diese Stimmen sind wenige und sie haben es nicht immer leicht.

Ethikräte in Medienhäusern können sinnvoll sein, sofern sie plural besetzt sind und nicht ausschließlich israelkritische Perspektiven abbilden. Auch proisraelische Positionen und Stimmen, welche die Ursachen zum Beispiel des Gaza-Kriegs benennen, müssten vertreten sein. Der neu gegründete Verband jüdischer Journalistinnen und Journalisten ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit, der jüdischen Stimmen und Identitäten hoffentlich mehr Reichweite gibt. Entscheidend bleibt jedoch die Ausbildung des nichtjüdischen journalistischen Nachwuchses: mehr Begegnungen, mehr sprachliche Sensibilität, mehr Wissen sind nötig. Derzeit fehlt es an intellektueller Tiefe zugunsten von Vereinfachung und Unkenntnis.