
Hunderte Menschen, darunter viele Kinder, hatten 2022 im Theater von Mariupol Schutz gesucht, als russische Flieger ihre Bomben darauf warfen. Nun feiert Russland die Wiedereröffnung in der besetzten ukrainischen Stadt.
Aus Mariupol dringen nur selten Nachrichten nach außen. Aus jener Stadt, die kurz nach Beginn der russischen Invasion zu einem der zentralen Schauplätze dieses Krieges wurde – und heute weitgehend in Trümmern liegt.
Diese Woche aber tauchte Mariupol wieder in den Schlagzeilen auf, vor allem in den russischen Staatsmedien. Der Anlass: die Wiedereröffnung des Schauspielhauses von Mariupol.
Es ist genau jenes Theater, das im März 2022 zerstört wurde. Damals suchten dort Hunderte Zivilisten Schutz: Familien, ältere Menschen, Kinder. Für viele galt das Gebäude als letzter sicherer Ort.
Schwärmen vom Kronleuchter
In den zentralen russischen Nachrichten wird nun gejubelt, wie prächtig das Theater geworden sei. Geschwärmt wird vom neuen Kronleuchter, vom frischen Stuck, vom hohen Besuch. Auf den Ehrentribünen sitzen Vertreter der selbst ernannten “Donezker Volksrepublik”, daneben bekannte Schauspieler aus Russland.
Von der Bühne heißt es: “Unser Präsident Wladimir Putin hat einmal sehr richtig gesagt: Man kann Menschen töten, aber nicht die Kultur, die sie tragen. Vor allem nicht die Kultur einer ganzen Nation, vor allem nicht einer so großen wie der russischen.”
Bomben auf Kinder
In den russischen Staatsmedien wird behauptet, das Gebäude sei durch eine Explosion von innen zerstört worden. Internationale Organisationen widersprechen klar.
Amnesty International kommt in einem ausführlichen Bericht zu dem Schluss, dass russische Kampfflugzeuge zwei Bomben auf das Theater abwarfen. Zu einem Zeitpunkt, als bekannt war, dass sich dort Hunderte Zivilisten aufhielten. Vor dem Gebäude war in großen Buchstaben ein einziges Wort auf das Pflaster gemalt: “Deti” – auf Deutsch: “Kinder”.
Amnesty bezeichnet den Angriff als Kriegsverbrechen und spricht mindestens zwölf bestätigten Toten. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen. Wie viele Menschen tatsächlich ums Leben kamen, lässt sich bis heute nicht genau feststellen.
“Reine Propaganda”
Am Wiederaufbau des Theaters waren nun laut der unabhängigen Online-Zeitung Novaya Gazeta Europe mehr als 20 Firmen aus St. Petersburg beteiligt. Heute zeigt die neue Leitung rund um die Winterfeiertage populäre russische Kindermärchen.
Für den Künstler Hennadij Dybowskyj ist das kaum zu ertragen:
Das ist reine Propaganda. Ein Versuch, eine Tragödie aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Warum haben sie nicht stattdessen ein Krankenhaus so schnell aufgebaut? Oder eine Fabrik? Dieses Verbrechen wird nun für politische Zwecke benutzt.
Ein Theater im Exil
Dybowskyj ist seit 2024 der neue offizielle Leiter des Mariupol-Theaters – im Exil. Am Tag der Wiedereröffnung ist er nicht in Mariupol, sondern 1.100 Kilometer entfernt. Das Theaterensemble wurde nach Beginn des Krieges in die Westukraine evakuiert, nach Uschhorod, nahe der slowakischen Grenze.
“Vor zwei Jahren hatte ich das gesagt: Man kann die Wände zerstören, aber nicht die ukrainische Seele des Theaters”, so Dybowskyj. “Jetzt pervertiert die russische Propaganda diesen Gedanken.”
Der Neuanfang in den Karpaten bedeutet einen radikalen Kontrast zum industriellen Mariupol mit seinen Stahlwerken und dem Hafen. Heute besteht das Ensemble aus 15 festen Mitgliedern, fünf stammen noch aus der alten Besetzung in Mariupol. Die technische Ausstattung, Kulissen und Kostüme gingen vollständig verloren. “Wir haben keine feste Bühne, keine Werkstätten. Wir machen alles selbst – Bühnenbild, Aufbauten”, sagt Dybowskyj.
“Symbol für den Donbass”
Mit Neuanfängen kennt Dybowskyj sich aus. Früher arbeitete er am Nationaltheater von Donezk. Nach Beginn des Donbass-Krieges 2014 verließ er die Stadt und floh aus der selbst ernannten “Donezker Volksrepublik”, als die dort ausgerufen wurde.
“Plötzlich sagten uns bewaffnete Männer, wie wir zu leben haben. Als ich ging, kontrollierten sie meinen Ausweis als verdienter Künstler der Ukraine. Sie sagten: Den wirst du nicht mehr brauchen.” Da habe er verstanden: Ein “verdienter ukrainischer Künstler” und die “Russki Mir” – zu Deutsch “Russische Welt”, ein ideologischer Kampfbegriff des Kreml – das werde niemals zusammenpassen.
Heute bringt Dybowskyj Remarque auf die Bühne. Dazu kommen neue Stücke – zum Beispiel über die Liebe zu einem Soldaten aus dem Asow-Regiment, das Mariupol vor fast vier Jahren verteidigte. Mariupol bleibt präsent, auch fern der Stadt, auf der Bühne im Exil.
“Die Zerstörung des Theaters ist das Symbol für das Schicksal, das Mariupol erlitten hat. Für seinen Schmerz, für seine brutale Vernichtung.” Doch für Hennadij Dybowskyj ist es auch ein Symbol für den Donbass insgesamt: für jene Region, in der der Krieg begann, über die jetzt erbittert verhandelt wird – und die wahrscheinlich über das Ende des Krieges mitentscheiden wird.