Mit seiner Erscheinung, seiner Stimme, seinem Appetit auf das Schauspiel und auch mit seinen legendären Festessen nach den Premieren bleibt er uns in Erinnerung. All die, die mit Marc Olinger gearbeitet haben, erinnern sich an einen Mann mit strengen Ansprüchen, aber auch mit tiefem Teamgeist. Er war einer, der die Luxemburger Theaterszene forderte und damit auch förderte.

An diesem Dienstag wäre der Theater- und Filmschauspieler, Regisseur und Theaterdirektor 80 Jahre alt geworden. Mittlerweile erinnert eine Passage mitten in der Stadt an ihn. Der Innenhof des Kapuzinertheaters, das Olinger 25 Jahre lang geleitet hat, trägt seit Herbst seinen Namen.

Bereits als junger Mann zog es Olinger unwiderruflich auf die Bühne. Am Konservatorium begegnete er Eugène Heinen, einer der Schlüsselfiguren des Nachkriegstheaters in Luxemburg. Heinen führte die „Compagnons de la Scène“, eine der Gruppen, die das Fundament für das professionelle Schauspiel im Land legten. Olinger trat später selbst dort ein, er war dort sein Schüler, wollte jedoch sehr bald seine eigenen Wege gehen.

Pariser Jahre

In Paris, wo Olinger Philosophie und Literaturwissenschaft studierte, sog er die Kunstwelt auf wie ein Schwamm: Sorbonne, Cours Simon, Schauspielrollen, Regieassistenzen und unzählige Aufführungen. Und er lernte dort auch Claudine Pelletier kennen, die junge Schauspielerin, die ihm nach Luxemburg folgte und zur wichtigsten Partnerin seines Lebens und seiner Arbeit wurde. Bei seiner Rückkehr nach Luxemburg unterrichtete Olinger zunächst 15 Jahre lang Französisch, seine eigentliche Heimat aber blieb die Bühne. Er schrieb zudem Theaterkritiken für das „Luxemburger Wort“.

Marc Olinger und Claudine Pelletier in „La Crique“ von Guy Foissy im Jahr 1982. Foto: TOL

In den 1970er Jahren stellten junge Schauspieler und Schauspielerinnen die alten Strukturen infrage, unter ihnen auch Marc Olinger. Er und viele andere waren unzufrieden mit der autoritären Leitung am „Lëtzebuerger Theater“, und so löste er sich von seinem übermächtigen Mentor Heinen, so wie es bereits zuvor Tun Deutsch getan hatte, und später auch Philippe Noesen. Gemeinsam mit seiner Frau Claudine Pelletier gründete Olinger 1973 das Théâtre Ouvert Luxembourg (TOL).

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Diese Bühne wurde schnell zu einem Labor für künstlerische Freiheit. Olinger brachte zeitgenössische Autoren nach Luxemburg, bevor dies selbstverständlich war: Beckett, Ionesco, Genet, Arrabal, aber auch luxemburgische Stimmen wie Pol Greisch, Norbert Weber oder Ed Maroldt. Unter seiner Führung wurde das Theater politischer, moderner und sprachlich raffinierter. Der Blick öffnete sich damit nach Frankreich, nach Deutschland, nach England, vor allem aber auch nach innen, auf die eigene Gesellschaft.

Direktor des Kapuzinertheaters

Als 1985 nach jahrelanger Renovierung das neue Théâtre des Capucins eröffnet wurde, übernahm Olinger die Direktion. Für ihn war es die Erfüllung einer langen gemeinsamen Vision vieler freier Theatergruppen. Er machte daraus ein Zentrum des künstlerischen Schaffens in Luxemburg-Stadt. 25 Jahre lang prägte er dieses Haus bis zu seiner Pensionierung 2010.

Marc Olinger entwickelte das Kapuzinertheater zu einem Zentrum des künstlerischen Schaffens in Luxemburg-Stadt. Archiv-Aufnahme aus dem Jahr 2005.  Foto: Marc Wilwert

Als Schauspieler glänzte Olinger besonders in den großen klassischen Rollen: als Sganarelle in Molières „Dom Juan“, als Argan im „Le Malade Imaginaire“. Auch im Film hinterließ er Spuren, etwa in Men Bodsons „Déi zwee vum Bierg“ (1985) und „De falschen Hond“ (1989) oder in Andy Bauschs „Club des Chômeurs“ (2002) und „Deepfrozen“ (2006).

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Die letzten Rollen, der letzte Vorhang

2014 stand Olinger in Jemp Schusters Stück „Ofgeschminkt“, das eigens für ihn geschrieben wurde, nochmals auf der Bühne: Ein alternder Schauspieler, der auf sein Leben zurückblickte. Ein Stoff, dem Olinger sehr nahe war, aber, wie er in einem Interview betonte, kein Selbstporträt sein sollte. Seine allerletzte Rolle spielte er derweil in „De Rousegaart“ von Jean-Paul Maes.

Marc Olinger beim Abschminken. Porträt des Schauspielers für das für ihn geschriebene Stück „Ofgeschminkt“ von Jemp Schuster aus dem Jahr 2014. Es war die zweitletzte Rolle vor seinem Tod. Foto: Christophe Olinger

Am 8. Januar 2015, nur zwei Tage nach seinem Geburtstag, starb Marc Olinger in Lyon. Sein Herz, das so viele Jahre im Rhythmus der Bühne geschlagen hatte, wollte einfach nicht mehr. Der Theatermann wurde nur 69 Jahre alt.

Da nun eine Passage am Théâtre des Capucins seinen Namen trägt, könnte man sagen: Marc Olinger ist wieder zurück im Herzen der Stadt. Tatsächlich aber war er nie fort. Seine Ideen, seine Risikobereitschaft, sein Geschmack für Sprache und Charaktere, all das lebt auf den Bühnen Luxemburgs weiter. Und vielleicht ist das die größte Rolle, die ein Schauspieler und Theaterdirektor spielen kann: nicht diejenige auf der Bühne, sondern diejenige, die bleibt, wenn der Vorhang längst gefallen ist.