US-Innenminister Doug Burgum widersprach am Dienstag der Darstellung von Experten, dass ein Hochfahren der venezolanischen Ölförderung Jahre benötigen ⁠dürfte. „Einige Maßnahmen könnten sehr schnell umgesetzt werden“, sagt Burgum dem Sender Fox. „Die geschäftlichen Möglichkeiten hier sind wirklich enorm.“

Dagegen sagte Daan Struyven, Koleiter der globalen Rohstoffanalyse bei Goldman Sachs, es sei kaum vorstellbar, die Förderung im nächsten Jahr um mehr als 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag zu steigern. Grund sei der marode Zustand der Infrastruktur. Es werde bis zum Ende des Jahrzehnts dauern, bis Venezuela eine Fördermenge von 1,5 Millionen bis zwei Millionen Barrel pro Tag erreiche.

17 Prozent globaler Reserven in Venezuela

303 Milliarden Barrel – ein Barrel entspricht 159 Litern – schlummern laut der US-Energiebehörde (EIA) in der Erde des südamerikanischen Landes. Das sind 17 Prozent der globalen Reserven. Zum Vergleich: Die Ölreserven Saudi-Arabiens werden auf 266 Mrd. Barrel geschätzt.

Die geförderte Ölmenge ist in Venezuela in den vergangenen Jahrzehnten allerdings deutlich gesunken. In den 1970ern betrug sie noch etwa 3,5 Mio. Barrel pro Tag. Im November 2025 waren es knapp 0,9 Mio. Barrel. Saudi-Arabien förderte im selben Monat pro Tag 9,93 Mio. Barrel.

Sanktionen und „fehlendes Know-how“

Verantwortlich für den Rückgang der Produktion sind Sanktionen und Blockaden. In Trumps erster Amtszeit verhängte die US-Regierung Sanktionen gegen den staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA. Davor waren die USA der weltweit größte Abnehmer von venezolanischem Rohöl. Diese Rolle hat nun China übernommen. Wenige Tage vor dem US-Angriff in Caracas kündigten die USA eine Totalblockade über die Erdölausfuhren Venezuelas an. Die Sanktionen sollen laut Trump auch nach Maduros Gefangennahme weiter in Kraft bleiben.

Raffinerie El Palito in Puerto Cabello

AP/Matias Delacroix

Raffinerie El Palito in Puerto Cabello, wo der größte Hafen an der Nordküste Venezuelas liegt

Zudem haben viele ausländische Energiekonzerne das Land nach zwei Wellen der Verstaatlichung verlassen. Bereits in den 1970er Jahren wurde die Industrie nationalisiert und die PDVSA gegründet. Maduros Amtsvorgänger Hugo Chavez (1999–2013) schrieb den ausländischen Ölkonzernen eine Mehrheitsbeteiligung der PDVSA an sämtlichen Projekten vor.

Die staatliche Ölgesellschaft gründete in der Folge Joint Ventures etwa mit dem US-Konzern Chevron, der italienischen Eni, Russlands Staatsunternehmen Rosneft und der China National Petroleum Corporation. Venezuelas staatlichen Akteuren hätten zum Teil „das Know-how und der technologische Anschluss gefehlt“, die Arbeit der ausländischen Firmen wirklich fortzuführen, sagte Wolfgang Nachtmann, Lektor an der Montanuniversität in Leoben, am Montag im Ö1-Mittagsjournal.

Zehn Mrd. Dollar pro Jahr nötig

Für den von Trump verkündeten Wiederaufbau der venezolanischen Ölindustrie seien in den nächsten zehn Jahren mindestens zehn Mrd. Dollar (8,5 Mrd. Euro) jährlich nötig, schätzte der Energiepolitikexperte Francisco J. Monaldi vom Baker Institute der Rice University in Houston gegenüber Bloomberg.

USA wollen Venezuelas Öl

Lange Zeit waren die USA der Hauptabnehmer von Öl aus Venezuela. Nach der Verstaatlichung der Ölindustrie mussten internationale Firmen das Land verlassen, und die Förderquoten brachen mangels Know-how ein. Das meiste Öl aus Venezuela geht derzeit nach China und Indien.

Wolle man die Ölproduktion wieder auf die Werte der 1970er steigern, wären laut der Analysefirma Rystad Energy 16 Jahre Arbeit und mehr als 185 Mrd. Dollar (156 Mrd. Euro) frisches Geld notwendig. „Eine rasche Erholung der venezolanischen Ölproduktion ist kurzfristig höchst unwahrscheinlich“, so Rystad-Analyst Jorge Leon. Zudem stünden die globalen Rohstoffhändler keineswegs „in den Startlöchern“, sagte der Analyst Jean-Francois Lambert dem „Economist“. Noch größer sei die Zurückhaltung bei Banken und Versicherungen, deren Hilfe bei der Finanzierung und Absicherung gebraucht wird.

Auch Infrastruktur sanierungsbedürftig

Im Orinoko-Becken, wo große Teile der Ölreserven liegen, liegen laut Bloomberg Bohrplattformen brach. Rohöl versickere aus Lecks in den Boden. Nicht nur die Förderanlagen, auch die gesamte Ölinfrastruktur müsste saniert werden. In den Häfen dauere das Befüllen eines Supertankers wegen der maroden Anlagen aktuell bis zu fünf Tage, so Bloomberg. Vor sieben Jahren sei die Arbeit noch in einem Tag erledigt gewesen.

US-Außenminister Marco Rubio zeigte sich überzeugt, dass das Interesse der US-Ölindustrie an Investitionen in Venezuela groß ist. Dafür brauche es freilich politische Stabilität im Land, sagte der ins Ausland geflohene, ehemalige PDVSA-Manager Lino Carrillo gegenüber Bloomberg. Die USA setzen beim Übergang offenbar auf die Maduro-Vertraute Delcy Rodriguez.

Chevron noch in Venezuela tätig

Venezuelas Ölreserven bestehen hauptsächlich aus schwefelhaltigem Rohöl, dessen Förderung und Verarbeitung aufwendig ist. Der „Economist“ wies zudem daraufhin, dass es Venezuela an Naphta, einem bestimmten Erdöldestillat, fehle, mit dem das dicke Rohöl verdünnt und transportfähig gemacht wird.

Das schwefelhaltige Rohöl wäre für US-Firmen durchaus interessant. Im US-Bundesstaat Texas befinden sich sechs der weltweit größten Raffinerien, die auf die Verarbeitung dieses Rohöls spezialisiert sind.

Debatte

Welche Folgen hat der US-Angriff in Venezuela?

Die höchste Expertise bei der Förderung von Öl in Venezuela hätten laut Bloomberg die Unternehmen Exxon und ConocoPhillips. Beide hatten sich in den 2000er Jahren aus dem Land zurückgezogen. Exxon hat grundsätzlich Interesse an einer Rückkehr bekundet. Im Land tätig ist der US-Konzern Chevron, der dank einer Ausnahmegenehmigung venezolanisches Öl in die USA ausführen darf.

Kritik von Umweltschutzorganisationen

Die kurzfristigen Auswirkungen auf den Ölpreis dürften sich unterdessen laut Analysten in Grenzen halten. Schon jetzt gibt es einen Überschuss an Rohöl auf dem Weltmarkt. Langfristig könnte eine höhere Ölproduktion in Venezuela die Preise allerdings sehr wohl etwas dämpfen, sagte Frederik Fischer, Rohfstoffexperte beim Beratungsunternehmen Allianz Global Investors, gegenüber Ö1.

Kritik an Trumps Ankündigungen kam von Umweltschutzorganisationen. „In einer Zeit, in der sich der Klimawandel immer schneller vollzieht, ist es sowohl leichtsinnig als auch gefährlich, Venezuelas riesige Ölreserven auf diese Weise zu betrachten“, so Mads Christensen, Direktor von Greenpeace International.

Geostrategische Fragen

Die Kontrolle über die Ölreserven ist nach Ansicht der Schweizer Ökonomin Cornelia Meyer nicht der einzige Grund für den US-Militäreinsatz in Venezuela. Es gehe vielmehr auch um geostrategische Fragen, sagte sie dem Schweizer Rundfunk (SRF).

Meyer hob unter anderem das starke Engagement Chinas hervor, das Minen in Venezuela betreibe und Seltenerdmetalle nach China verschiffe. Der Iran wiederum produziere Langstreckendrohnen im Land. Und auch Russland spielt eine Rolle: Nach wie vor befinden sich laut Meyer 120 russische Sicherheitsberater in Venezuela.