Wolodymyr Selenskyj und seine europäischen Verbündeten blieben auch diesmal ihrer neuen Kommunikationsstrategie treu. Man habe nun bereits 90 Prozent eines Friedensplans finalisiert, sagte der ukrainische Präsident nach den hochrangigen Verhandlungen in Paris, an denen auch der US-Sondergesandte Steven Witkoff und Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner teilnahmen.

Fortschritte bei den Ukraine-Gesprächen zu signalisieren, erscheint den Europäern derzeit als das beste Rezept, um den US-Präsidenten bei Laune und im Boot zu halten. Die am Dienstag nach außen getragene Zuversicht konnte allerdings kaum darüber hinwegtäuschen, dass bei den Verhandlungen in der französischen Hauptstadt auch ein gewaltiger Elefant mit im Raum saß. Nach dem erfolgreichen US-Einsatz in Caracas, bei dem der venezolanische Machthaber Nicolás Maduro von einem Spezialkommando gefasst und in die USA gebracht wurde, spielt der sichtlich ermutigte US-Präsident nun wieder offensiv mit der Idee einer Aneignung Grönlands durch die Vereinigten Staaten. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt schloss am Dienstagabend auch eine militärische Intervention zur Umsetzung dieses Plans nicht aus.

Wie weit Trump, der sein Interesse an Grönland mit der nationalen Sicherheit der USA begründet, tatsächlich gehen wird, ist ungewiss. Laut der „New York Times“ hat Außenminister Marco Rubio in einer vertraulichen Sitzung mit US-Abgeordneten dargelegt, dass das primäre Ziel keine Invasion, sondern ein Kauf der zu Dänemark gehörenden Insel ist. Die aggressive US-Rhetorik der vergangenen Tage könnte also nur ein Mittel sein, um die Regierung in Kopenhagen so weit unter Druck zu setzen, dass sie schließlich klein beigibt.

(FILES) French President Emmanuel Macron (L) talks with Denmark's Prime Minister Mette Frederiksen aboard the Danish frigate F363 Niels Juel in Nuuk, Greenland, on June 15, 2025. Greenland




Frankreichs Präsident Macron besuchte im Sommer gemeinsam mit der dänischen Premierministerin Frederiksen Grönland


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Nach der US-Machtdemonstration in Venezuela will allerdings kaum jemand in Europa darauf vertrauen, dass es im Fall von Grönland lediglich beim Säbelrasseln aus dem Weißen Haus bleibt. „Man muss Trump sehr ernst nehmen, wenn er sagt, dass er Grönland haben will“, sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, der bei den Pariser Ukraine-Gesprächen mehrere Staats- und Regierungschefs zur Seite gesprungen waren. In einer gemeinsamen Erklärung hatten Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien die USA vor einer Annexion der rohstoffreichen Arktisinsel gewarnt.

USA hätte keine Schwierigkeiten bei Einnahme

Dass die Vereinigten Staaten wenig Schwierigkeiten hätten, sich Grönland anzueignen, gilt unter Militärexperten als unbestritten. „Trump könnte einfach Truppen schicken und sagen, das ist ab jetzt Amerika“, erklärt Thomas Crosbie, Professor an der Königlichen Dänischen Verteidigungsakademie, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Politico“. Dass die Dänen oder sogar andere europäische Staaten dann ebenfalls Soldaten entsenden, ist wenig wahrscheinlich und dürfte dementsprechend auch Teil des strategischen Kalküls der USA sein. „Niemand wird gegen die USA um die Zukunft Grönlands kämpfen“, sagt Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller.

Eine militärische Intervention der USA hätte aber nicht nur massive Konsequenzen für Grönland selbst. Denn mit Dänemark und den Vereinigten Staaten stehen sich auch zwei Nato-Staaten gegenüber, die zu den ältesten Mitgliedern der Verteidigungsallianz gehören. Das Bündnis, das 1949 gegründet wurde, um sich gemeinsam gegen einen äußeren Feind zu verteidigen, würde sich damit selbst bekriegen.

Überstehen würde die Nato das nach Einschätzung der meisten Experten nicht. „Mit jeder Bemerkung zu Grönland gefährdet der Präsident dieser Allianz“, sagte Trumps ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater John Bolton gegenüber CNN. „Aber wenn die USA militärisch gegen Grönland vorgehen, wäre das das Ende der Nato.“