Etwas über fünf Jahre ist es her, dass Israel und Marokko ihre Beziehungen auf Grundlage des sogenannten Abraham-Abkommens neu geregelt haben. Es sieht vor, dass beide Staaten ihre diplomatischen und ökonomischen Beziehungen normalisieren.

Damit gab Marokko die Bedingungen der 2002 von Saudi-Arabien formulierten arabischen Friedensinitiative auf. Diese hatte einen umfassenden Friedensvertrag zwischen Israel und der gesamten arabischen Welt vorgeschlagen – unter mehreren Voraussetzungen. Dazu gehörten der Rückzug Israels aus den seit dem Sechstage-Krieg besetzten Gebieten sowie die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates.

Marokko hatte sich der Initiative damals angeschlossen und ist aus ihr formell auch nie ausgetreten. Mit dem Abraham-Abkommen verabschiedete sich das Königreich jedoch faktisch von ihr. Denn das Abkommen sieht eine Normalisierung der Beziehungen vor, ohne dass die genannten Bedingungen erfüllt sind. Ähnlich wie etwa die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain unterhält Marokko damit nun seit einem halben Jahrzehnt “normale” diplomatische Beziehungen zu Israel, die noch von der ersten US-Regierung unter Donald Trump angestoßen worden waren.

In der marokkanischen Gesellschaft sei dieses neue Verhältnis trotz durchaus wahrnehmbarer Widerstände und Proteste auf vergleichsweise geringen Widerstand gestoßen, meint Steven Höfner, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Marokko. Das liege daran, dass das Land inoffiziell seit Langem intensive Beziehungen mit Israel habe. “Das geht auf den Umstand zurück, dass viele Israelis marokkanische Wurzeln haben.” Zudem habe es – im Vergleich zu anderen arabischen Staaten – in den 1950er- und 1960er-Jahren keine groß angelegte systematische massive Vertreibung von Juden aus Marokko gegeben. “So waren die Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften stets weniger belastet als anderswo in der arabischen Welt“, meint Höfner.

Marokko Rabat 2025 | Massendemonstration für Palästina gegen Normalisierung mit IsraelDemonstration in Rabat gegen Marokkos normalisierte Beziehungen mit Israel, Oktober 2025Bild: Mosa’ab Elshamy/AP Photo/picture alliance

Gleichwohl gibt es auch in Marokko immer wieder große Proteste, die sich gegen Israels Gaza-Krieg und gegen das normalisierte bilaterale Verhältnis richten – ebenso eine spürbare Solidarität mit den Palästinensern in der Bevölkerung. Das regierende Königshaus kann dies nicht völlig außer Acht lassen.

Politischer und ökonomischer Nutzen

Grundsätzlich verfolge Marokko auch in vielen außenpolitischen Fragen aber vor allem kontinuierlich das Ziel, seinen Souveränitätsanspruch auf die Westsahara durchzusetzen, sagt Simon Wolfgang Fuchs, Islamwissenschaftler an der Hebräischen Universität Jerusalem. Das Abraham-Abkommen hat hier für Rabat einen wichtigen Erfolg gebracht. “Dass neben den USA und mehreren westeuropäischen Staaten auch Israel diese Souveränität anerkannt hat, war für Marokko ein wichtiger Erfolg.”

Als das Abraham-Abkommen geschlossen wurde, bestand die Erwartung, dass auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern deutlich an Dynamik gewinnen würden. Gerade der Gaza-Krieg hat jedoch Spuren hinterlassen. An israelische Touristen seien in Rabat große Erwartungen geknüpft worden, so Fuchs. Das habe sich nicht erfüllt. Nach dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 blieben Direktflüge zwischen beiden Ländern ausgesetzt.   

Umgekehrt verfolge Israel in der Beziehung zu Marokko ebenfalls klare wirtschaftliche Interessen, so Fuchs. Das gelte etwa für den Agrarsektor. “Man denke an Bewässerungstechniken, in die israelische Firmen in Marokko investieren, oder an Verfahren, um Pflanzen auch in extrem trockenen Gebieten anzubauen. All das ist für israelische Unternehmen attraktiv”, so der Experte. Israel sei auch an den Phosphatvorkommen in Marokko interessiert – diese könnten eine wichtige Rolle in der Düngerproduktion für die israelische Landwirtschaft spielen.

Mehrere Männer feiern in einer Synagoge im jüdischen Viertel Mellah in Marrakesch das Sukkot-Fest, 2017Religiöse Feierlichkeiten von Juden aus Marokko und Israel in Marrakesch, 2017 Bild: Fadel Senna/AFP/Getty Images

Drohnen und Luftabwehrsysteme

Zunehmend gehen beide Staaten noch einen Schritt weiter: Im Rahmen des dritten Treffens ihres Gemeinsamen Militärausschusses in Tel Aviv unterzeichneten sie zu Jahresbeginn einen gemeinsamen militärischen “Arbeitsplan” für 2026.

Bereits seit Jahren zählt Marokko zu den größten Waffenimporteuren weltweit. Im globalen Ranking des international anerkannten Forschungsinstituts SIPRI für das Jahr 2024 steht das Land auf Rang 31 – wenngleich die Gesamtimporte in den vergangenen Jahren um gut ein Viertel zurückgegangen sind. Besonders bemerkenswert: Im Zeitraum von 2020 bis 2024 war Israel nach den USA und Frankreich der drittgrößte Waffenlieferant Marokkos.

SIPRI zufolge importiert Marokko vor allem gepanzerte Fahrzeuge, Raketen, Flugabwehrsysteme und Luftfahrzeuge. Während die amerikanischen und französischen Lieferungen überwiegend diese Kategorien betreffen, liefert Israel vor allem Flugabwehr- und unbemannte Systeme. Mindestens 51 Prozent der an Marokko gelieferten Abwehr-Raketen sollen aus Israel stammen. Zudem baut Marokko mit israelischer Unterstützung massiv seine Drohnen-Produktion aus. 

Mitglieder der Polisario-Front feiern 2023 im Flüchtlingslager Aousserd in Algerien die Gründung ihrer Organisation vor 50 JahrenMarokkos Gegner im Westsahara-Konflikt: Bewaffnete Mitglieder der Polisario-Front 2023 in einem Flüchtlingslager in AlgerienBild: Guidoum Fateh/AP Photo/picture alliance

Im Mittelpunkt der jüngsten Gespräche soll eine Diskussion zum Streitkräfteaufbau aus strategischer Perspektive sowie zu gemeinsamen Zielen der militärischen Zusammenarbeit gestanden haben, wie die israelische Armee im Netzwerk X mitteilte.

Bei dem Treffen sei es neben weiteren technologischen Lieferungen Israels an Marokko verstärkt um Zukunftstechnologien gegangen, sagt Experte Steven Höfner. “Anders als bei der klassischen Rüstungskooperation der vergangenen Jahre, in denen es etwa um herkömmliche Waffen wie Artilleriemunition ging, wollen beide Partner neben Drohnen sogar gemeinsam Luftabwehrsysteme entwickeln – inklusive gemeinsamer Satellitentechnologie. Das ist qualitativ ein erheblicher Schritt.”

“Militärisch deutlich überlegen”

Diese Kooperation habe auch regionale Auswirkungen, sagt Simon Wolfgang Fuchs mit Blick auf die vor allem durch den Westsahara-Konflikt befeuerten Dauer-Spannungen zwischen Marokko und Algerien. Nicht nur, dass Marokko einen politischen Erfolg verzeichnen konnte, indem neben Israel und den USA zahlreiche weitere Länder faktisch auf Rabats Position umschwenkten – zur Verärgerung Algiers. “Durch die Importe aus Israel hat Marokko auch sein Militär stark modernisiert und ist der algerischen Armee inzwischen deutlich überlegen.”