Nach Angaben aus Moskau hat Russland bei dem Angriff auf die Westukraine die gefürchtete neue Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ eingesetzt. Das teilte das russische Verteidigungsministerium mit. „Die russischen Streitkräfte haben einen massiven Schlag mit boden- und seebasierten Hochpräzisionswaffen großer Reichweite gegen kritische Objekte auf dem Gebiet der Ukraine geführt, darunter auch mit dem Mittelstreckenkomplex Oreschnik und Drohnen“, heißt es in der Mitteilung der Behörde.

Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtet von einem Angriff auf die Oblast Lwiw. Sie liegt ganz im Westen der Ukraine und grenzt an Nato- und EU-Mitglied Polen.

Die ukrainische Luftwaffe warnte vergangene Nacht vor einem Angriff mit ballistischen Raketen vom russischen Raketentestgelände Kapustin Jar aus, das als Lagerungsort der Oreschniks gilt. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einem massiven russischen Angriff. Lokale Behörden in Lwiw meldeten laut ISW Explosionen.

Ukrainischer Außenminister will UN-Meeting einberufen

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha verurteilte den Oreschnik-Angriff unter Bezugnahme auf die russischen Behauptungen scharf auf X: „Ein solcher Angriff nahe der Grenze zur EU und zur Nato stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent dar und ist eine Bewährungsprobe für die transatlantische Gemeinschaft. Wir fordern entschiedene Reaktionen auf das rücksichtslose Vorgehen Russlands.“ Sybiha kündigte unter anderem eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats an.

Selenskyj fordert „klare internationale Reaktion“

Der ukrainische Präsident hat nach neuen massiven russischen Angriffen auf sein Land eine „klare“ internationale Reaktion verlangt. Selenskyj bezog sich neben der Oreschnik-Attacke auch auf einen Luftschlag gegen Wohnhäuser in Kiew mit mindestens vier Toten. „Es bedarf einer klaren Reaktion der Weltgemeinschaft“, erklärte Selenskyj am Freitag im Onlinedienst X. Dies gelte vorrangig für eine Reaktion seitens der USA, „deren Signalen Russland wirklich Beachtung schenkt“, fügte er hinzu.

Rache für einen wahrscheinlich erlogenen Angriff

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums ist der Einsatz eine „Antwort“ auf die angebliche Attacke auf die Residenz von Kremlchef Wladimir Putin im nordrussischen Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. Der Kreml hatte damals von einem versuchten Terroranschlag gesprochen, auch US-Präsident Donald Trump hatte – von Putin per Telefon informiert – einen solchen Schlag kritisiert. Die Ukraine ihrerseits hat dementiert, dass sie überhaupt einen Angriff auf die Residenz lanciert hat. Experten bezweifeln die Glaubwürdigkeit der von Russland vorgelegten Informationen. Selbst Trump sagte später, er glaube doch nicht an einen solchen Angriff.

Moskau hat auch in der Vergangenheit stets das Recht für sich in Anspruch genommen, resonante Angriffe gegen eigene Objekte mit schweren Attacken auf die Ukraine zu beantworten.

Zweite Attacke mit Oreschnik

So ist der Oreschnik-Angriff auf die Westukraine bereits der zweite Einsatz einer Rakete dieses Typs auf die Ukraine. Der erste erfolgte im November 2024 auf die Großstadt Dnipro im Südosten des Landes. Damals begründete Putin den Einsatz als Vergeltung für die Nutzung weitreichender westlicher Raketen durch Kiew gegen Militärobjekte im russischen Hinterland.

Oreschniks können nuklear bestückt werden

Beim ersten Einsatz war die Oreschnik ohne Gefechtssprengköpfe. Die Oreschnik befand sich damals noch in der Testphase. Sie gilt als neueste russische Waffenentwicklung und kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometer pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5000 Kilometer machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent.

Russland: Drohnenproduktionen und Energieanlagen getroffen

Dieses Mal hingegen war die Rakete mit konventionellen Sprengköpfen geladen. Nach Angaben des Militärs war der Einsatz jetzt erfolgreich. Das Ziel des Schlags sei erreicht worden. „Es wurden Objekte zur Produktion von Drohnen getroffen, die bei der terroristischen Attacke (auf die Präsidentenresidenz) eingesetzt wurden, und Energieinfrastruktur, die die Arbeit des Rüstungskomplexes der Ukraine ermöglicht“, heißt es. Moskau werde auch künftig auf Terrorangriffe antworten, drohte das Militär weitere mögliche Schläge mit Oreschnik an.

Lesen Sie außerdem„Zum Wohle unseres Landes“ Trump strebt für 2027 Erhöhung der US-Militärausgaben um 50 Prozent an Ukraine-Invasion, Tag 1414 Die EU unterstützt Russlands Kriegswirtschaft weiterhin durch LNG-Kauf „Konnte nur mit Mühe wiederbelebt werden“ Wie steht es gesundheitlich um Putins Bluthund Kadyrow?

Russland beschießt dabei seit Kriegsbeginn systematisch Anlagen der Energieversorgung des Nachbarlands. Die Infrastruktur der Ukraine ist inzwischen so geschwächt, dass die Bevölkerung oft viele Stunden am Tag in Dunkelheit und Kälte ausharren muss. Die Situation wird durch den aktuellen Temperatursturz in vielen Regionen der Ukraine noch verschärft.

In den Gesprächen über einen Frieden oder Waffenstillstand in der Ukraine rückt Moskau bisher nicht von seinen Maximalforderungen ab. Die Ukraine, ihre europäischen Unterstützer sowie die USA haben sich in der Frage der Sicherheitsgarantien angenähert. Daraufhin erklärte das russische Außenministerium, ausländische Truppen in der Ukraine als legitime Ziele für das eigene Militär zu betrachten. (dpa/AFP/Tsp)