Nationale Trauertage sind in der Schweiz selten – und historisch gesehen eine neuere Erscheinung.

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Eine lange Reihe von dunkel gekleideten Menschen, angeführt von nationaler und internationaler Politprominenz. Jeder und jede hält in seinen Händen eine weisse Rose, um sie später in der Messehalle in Martigny an der Wand bei der improvisierten Gedenkstätte für die Opfer von Crans-Montana niederzulegen.

Vielleicht sind es diese Bilder, die uns von diesem nationalen Trauertag bleiben werden. Oder vielleicht hallen die verzweifelten Worte der jugendlichen Augenzeugin nach, die sich an der Gedenkfeier an die Jugend wandte und zu Mut in einer Zeit aufrief, die gerade für diese Generation so schwierig sei.

Wenn die ganze Schweiz trauert…

Nationale Trauertage gibt es in der Schweiz selten und jeder hat bei den Zeitgenossen seine ganz eigenen Eindrücke hinterlassen. Bei vielen unvergessen ist das Bild von 1997: Eine Halle auf dem Zürcher Flughafen, darin die zu einem Rechteck aufgereihten 36 Särge der Schweizer Opfer des Terroranschlags von Luxor in Ägypten. Oder das Blumenmeer in Zug vor dem Kantonsparlament nach dem Amoklauf, der 2001 15 Todesopfer forderte.

Die Schweizer Regierung habe eine fünftägige Staatstrauer ausgerufen, berichtete das italienische Fernsehen RAI nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Doch die Schweiz kennt keine eigentliche Staatstrauer. Der Bundesrat ordnete einzig an, die Schweizer Flaggen an den Gebäuden des Bundes auf Halbmast zu setzen. Das kann er bei Katastrophen tun. Ansonsten passiert es nur bei ganz wenigen Anlässen, etwa beim Tod eines Bundesrats oder einer Bundesrätin im Amt.

… vom General bis zur Pandemie

Von einem nationalen Trauertag wie jetzt wegen der Brandkatastrophe von Crans-Montana habe man zum ersten Mal 1960 gesprochen – beim Begräbnis von General Henri Guisan, das sagte der Historiker Sacha Zala kürzlich der westschweizer Zeitung «Le Temps». «Im Gegensatz zum zentralistischen Frankreich oder Italien gibt es in der republikanischen Schweiz nur sehr wenige Gedenkfeiern», so Zala weiter.

Vielmehr hat die Schweiz in den letzten Jahrzehnten in einer Welt, in der das öffentliche Trauern wegen der Massenmedien eine grössere Bedeutung bekommen hat, Trauerrituale und Gedenkpraktiken übernommen, die sich in anderen Staaten bewährt haben. Neben den blutigen Ereignissen von Luxor und Zug war das – in sich immer etwas unterscheidenden Formen – auch nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien 2005 mit 113 Schweizer Todesopfern und dem Swissair-Absturz im kanadischen Halifax 1998 der Fall.

Zu diesen Ritualen gehören das Läuten von Kirchenglocken, das Anhalten des öffentlichen Verkehrs in den Städten oder landesweite Trauerminuten – zuletzt 2021 für die Opfer der Corona-Pandemie, bei der sich der Gesamtbundesrat schweigend in seinem Sitzungszimmer filmen liess.

Die föderalistische Schweiz, in der Bundesbern nur regeln soll, was die unteren Staatsebenen nicht leisten können, zeigt sich also auch beim Trauern. Es ist nicht Bundesbern, das Trauern nach festen Regeln verordnet. Es trauert die Gesellschaft jedes Mal anders, aber mit wiederkehrenden Ritualen.

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