Eigentlich, sagt Valentyna Levchenko, habe sie Glück. Sie lebt in einem achtzig Jahre alten Haus in Podil am westlichen Ufer des Dnipro. In ihrem Haus ist die Gasversorgung nicht vom Strom abhängig, anders als in den neuen Wohnblocks in Kiew. Trotzdem erlebt die Musikerin diese Tage in der ukrainischen Hauptstadt als so schlimm wie noch nie zuvor im Krieg. Es ist klirrend kalt, manchmal minus 20 Grad, die Russen greifen jede Nacht an, die Stromversorgung ist kollabiert. „Das Einzige, was noch vorhersehbar ist, sind der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang. Es ist apokalyptisch.“ In der Hauptstadt leiden die Menschen in diesem Winter wie noch nie zuvor.
Russland will die Ukraine in diesem Winter mit aller Gewalt in Kälte und Dunkelheit bomben. Im letzten Quartal des vergangenen Jahres zählte die Organisation Armed Conflict Location and Event Data (ALCED) 511 Angriffe auf die Energieinfrastruktur, so viele, wie nie zuvor. In den ersten Tagen des neuen Jahres flogen die russischen Streitkräfte bereits Dutzende Angriffe.
Stromausfälle legen Kiew lahm – tausende Menschen ohne Heizung
In Städten wie Kiew, Charkiw, Dnipro, Odessa, Sumy oder Tschernihiw leben Hunderttausende ohne Strom, Gas, Wasser oder Wärme. Als am 9. Januar russische Raketen und Drohnen in der Hauptstadt einschlagen, wird es im Osten für tausende Haushalte für Tage dunkel, am Dienstag trifft es auch den Westen der Dreimillionen-Metropole. Ohne Strom funktionieren in vielen Haushalten auch die Heizungen nicht. Die Menschen sitzen in eiskalten Wohnungen. „Das ist eine humanitäre Krise, wie wir sie noch nicht hatten“, sagt Levchenko.
Schon in den vergangenen Monaten wurde in Kiew immer wieder stundenweise der Strom abgestellt. Es gab Pläne, die Bewohner wussten, wann sie abgeklemmt werden. Jetzt ist nichts mehr planbar. Die 43-Jährige berichtet am Freitag, dass sie jetzt seit drei Tagen nahezu komplett ohne Strom ist. „Gestern Nacht ging er um zwei Uhr morgens kurz an, da konnte ich meine Powerbanks aufladen und meine Waschmaschine anwerfen.“ Sie hat wenigstens Powerbanks und einen warmen Schlafsack. „Ich will mir nicht vorstellen, wie das für ältere Menschen ist. Wie sie überleben. Für sie ist das eine super-schwierige Situation.“
Russische Angriffe verschärfen Energiekrise in der Ukraine
Die Russen machen kein Hehl daraus, dass die Bombardierungen der kritischen Infrastruktur einem strategischen und zynischen Kalkül folgen. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte angesichts der Berichte über Hunderttausende Menschen, die in der Ukraine in Kälte und Dunkelheit ausharren müssen, mit Blick auf die aktuellen Friedensverhandlungen, dies habe „den Entscheidungsspielraum der Ukraine verengt“.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Bereits im ersten Kriegswinter 2022/2023 hatten die Russen mit gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur versucht, die Bevölkerung in der Ukraine zu demoralisieren. Seitdem ist das Land mit Hunderttausenden Generatoren ausgestattet worden. Aber auch die kommen an ihre Grenzen. In Podil, dem Viertel, in dem Valentyna Levchenko lebt, schließen jetzt die Supermärkte und kleineren Geschäfte. „Die haben zwar Generatoren, aber die funktionieren nicht mehr in der Kälte.“ Zum Energie-Notstand könnte ein Versorgungsnotstand kommen. Auch die kleinen Kaffeebuden, die in der Hauptstadt an jeder Ecke stehen, haben geschlossen.
Kälte und Stromausfall erschweren Alltag von Familien in Kiew

Zelte des ukrainischen Zivilschutzdienstes geben Menschen die Möglichkeit, sich nach russischen Angriffen aufzuwärmen, wenn die Heizungen ausgefallen sind.
© AP/dpa | Vladyslav Musiienko
„Dieser Winter ist exakt das Szenario, vor dem sich alle gefürchtet haben“, sagt Toby Fricker, Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef in der Ukraine. In seiner Wohnung in Kiew läuft die Heizung nur noch auf niedriger Temperatur, Kollegen von ihm haben seit Tagen kein Wasser. „Die Situation ist besonders für Familien, die in Hochhäusern leben, extrem.“ In Wohnungen in oberen Stockwerken kann ohne Strom kein Wasser gepumpt werden, die Heizungen sind aus. Kein Strom heißt auch: Kein Distanzunterricht mehr für Kinder und Jugendliche. „Sie können nicht online lernen. Wieder wird die Bildung unterbrochen.“
Die Kiewer helfen sich gegenseitig, geben sich Tipps. Flüchtlinge aus frontnahen Städten wie Kupjansk oder Lyman oder die, die wochenlang in Kellern in Mariupol ausharren mussten, kennen solche Situationen. Sie wissen: Ziegelsteine können mit Kerzen oder, falls es strömt, über brennendem Gas erhitzt werden. Sie wärmen in den kalten Nächten.
Selenskyj kritisiert Klitschkos Krisenmanagement bei Stromausfällen
Mit der russischen Eskalation der Luftangriffe nehmen in der Ukraine erneut politische Spannungen zu. Nach den massiven Strom- und Heizungsausfällen in der Hauptstadt hat Präsident Wolodymyr Selenskyj Kritik am Krisenmanagement der Stadtverwaltung geäußert – also an seinem politischen Rivalen Vitali Klitschko, dem Bürgermeister der Metropole, mit dem er seit Jahren im Dauer-Clinch liegt.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Verwaltung habe Zeit verloren, „und jetzt wird auf Regierungsebene korrigiert, was auf städtischer Ebene nicht getan wurde“, teilt Selenskyj am Donnerstag nach einer Krisen-Sitzung mit. Bei diesem Treffen wurde die Einrichtung eines bei der Regierung angesiedelten Stabes beschlossen, der sich der Energieprobleme in Kiew annehmen soll. Ein Affront.
Kiews Stromversorgung bleibt kritisch: Stadt setzt auf Notfallzentren
Klitschko räumt gegenüber unserer Redaktion am Freitag Probleme ein: „Die Situation bei der Stromversorgung, von der die Bereitstellung kommunaler Dienstleistungen abhängt, bleibt äußerst schwierig.“ Zugleich betont er aber: „Wir tun unter diesen Bedingungen alles, was wir können.“ Die kommunalen Dienste reparierten rund um die Uhr die beschädigte kritische Infrastruktur. Energietechniker seien im Dauereinsatz, Infrastrukturanlagen seien mit Hochleistungsgeneratoren und mobilen Kesselanlagen ausgestattet worden.

In Zelten können Menschen in Kiew sich aufwärmen, etwas Heißes trinken und ihre Geräte aufladen.
© AP/dpa | Danyil Bashakov
Derzeit müsste der Strom jedoch immer wieder notfallmäßig abgestellt werden. Stadtweit seien mehr als 1200 Wärmezentren in Betrieb, so der Bürgermeister. In diesen „Unbeugsamkeits-Punkten“, die es in sämtlichen Städten der Ukraine gibt, können sich Menschen bei Heizungs- und Stromausfällen aufwärmen oder ihre Telefone aufladen. Umspannwerke in einigen der großen Wohnblöcke, die nach den Luftangriffen am 9. Januar ohne Heizung und Strom seien, würden an Generatoren angeschlossen.
Kiew trotzt russischen Angriffen und feiert trotz Energie-Not
Es ist der verzweifelte Versuch, den drohenden Kollaps der Energieversorgung abzuwehren. „Angriffe auf die Energieinfrastruktur bei minus 15 Grad in einer Stadt, die auf Zentralheizung angewiesen ist, sind weltweit beispiellos“, zitiert das Portal „KyivPost“ Oleksandr Kharchenko, den Direktor des ukrainischen Energieforschungszentrums. Die Hauptstadt sei nach den Angriffen am 9. November nur knapp einem „kritischen Zusammenbruch“ entgangen.
Noch ist die Moral der Bevölkerung in der Hauptstadt aber nicht gebrochen, berichtet Musikerin Levchenko. „Einige Leute feiern vor ihren Wohnblocks gemeinsam Barbecue-Partys, um sich abzulenken. Sie essen und trinken zusammen.“ Manche ältere Menschen seien aber wütend auf die Regierung, weil sie sich im Stich gelassen fühlten. „Man muss ihnen immer wieder sagen, dass es die Russen sind, die uns das antun. Nicht unsere Regierung.“