Oberpallen liegt an der Westgrenze des Landes und damit nur einen Steinwurf von der belgischen Provinz Luxemburg entfernt. Auf dem Papier oder der Tastatur aber ist der Ort deutlich näher am estnischen Põltsamaa. Das hat nämlich auch einen deutschen Namen, und der lautet: Oberpahlen. Kann das ein Zufall sein?
Oberpallen auf der Ferraris-Karte von 1778. Von Süden aus fließt der nahe entspringende Fluss Pall durch den Ort, dem er seinen Namen verleiht. Foto: Geoportail/Screenshot
Zumindest geografisch lautet die Antwort nein. Denn Oberpallens Name leitet sich von der Lage am obersten Teil der Pall nahe der Quelle ab. Ganz parallel dazu liegt das estnische Oberpahlen an der Pahle, deren estnischer Name übrigens ebenfalls Põltsamaa lautet. Um zu verstehen, warum in Estland und überhaupt in weiten Teilen des Baltikums viele Orte auch deutsche Namen tragen, ist eine gut 800 Jahre weite Zeitreise notwendig, in deren Verlauf auch ein berühmter Luxemburger eine Rolle spielt.
Kreuzzüge im Baltikum
Zunächst ist die dortige Region aus deutscher Sicht ein Transitland für den Handel, wie der promovierte Historiker Juhan Kreem erklärt. Dann beginnt die Christianisierung aus dem Westen. „Die Kreuzzüge begannen hier ab dem Anfang des 13. Jahrhunderts, wo sie von Riga aus starteten“, so der estnische Forscher. Lange Zeit ist der Deutsche Orden in der Region dominant und baut sogar einen eigenen Ordensstaat auf.
Juhan Kreem ist promovierter Historiker und beschäftigt sich eingehend mit der Geschichte des Deutschen Ordens in Livland, im heutigen Baltikum. Foto: Privat
Anfänglich kann der Orden seine Ausbreitung als Heilige Kriege gegen die „Heiden“ und mit der Bekehrung der Bevölkerung legitimieren und erhält materielle Unterstützung und Kriegsfreiwillige aus dem Heiligen Römischen Reich und weiteren christlichen Ländern Europas. Deren religiös motivierter Kriegseinsatz in Osteuropa wird wegen der dort ansässigen Stämme der Litauer und Prußen oft „Litauerreise“ oder „Preußenfahrt“ genannt. Einmal eine solche Fahrt angetreten zu haben, „gehört damals zum Image eines Ritters“, bringt Kreem das zeitgenössische Selbstbild auf den Punkt.
Ab dem ausgehenden 14. Jahrhundert führen mehrere Zäsuren zum Untergang des Ordens, der allerdings noch bis über das Mittelalter hinaus präsent bleiben wird. In Oberpahlen zeugt noch heute eine Ordensburg aus dem 13. Jahrhundert von der einstigen Macht.
Die Marienburg des Deutschen Ordens in der polnischen Stadt Malbork bei Danzig war lange Zeit Sitz der Hochmeister des Ordensstaats. Foto: Shutterstock
War einst ein Oberpallener in Oberpahlen?
Bleibt die reichlich spekulative Frage, ob möglicherweise einst ein Oberpallener während einer „Preußenfahrt“ oder als Ordensmitglied in der Burg Oberpahlen einkehrte. Darauf angesprochen, muss Kreem lachen – die Antwort lautet höchstwahrscheinlich nein. Allerdings gibt es unter den „Preußenfahrern“ des 14. Jahrhunderts auch Namen, die in Luxemburg bis heute bekannt sind.
Deutscher Orden und „Preußenfahrer“ rekrutierten sich nämlich innerhalb des Heiligen Römischen Reiches sowohl aus den deutschsprachigen Gebieten als auch aus romanisch geprägten Reichsteilen. So war das damalige Herzogtum Luxemburg „deutschsprachig im Gebiet des heutigen Großherzogtums und wallonisch in der heutigen belgischen Provinz um Arlon“, wie Werner Paravicini in „Die Preußenreisen des europäischen Adels“ schreibt.
Eine Abbildung Johanns von Böhmen in einer Pergamentmalerei in der Wiener Bibliothek nach zerstörten Fresken im Schloss Karlstein bei Prag. Foto: LW-Archiv
Johann und das „château de la haute Pologne“
Einer derjenigen, die gen Osten aufbrechen, ist niemand Geringeres als Johann von Böhmen, Graf von Luxemburg sowie König von Böhmen und Titularkönig von Polen. Der schließt sich insgesamt dreimal einem Litauerkreuzzug des Deutschen Ordens an, wie sowohl bei Paravicini als auch in der Deutschen Bibliothek zu lesen ist.
Das erste Mal macht sich Johann, in Luxemburg als Jang de Blannen bekannt, im Winter 1328 auf den Weg in das damals als Preußen bezeichnete Gebiet. Paravicini gibt jedoch zu bedenken: „Mit der Grafschaft Luxemburg und ihrem Adel haben diese Reisen indes wenig zu tun, mehr schon mit König Johanns Ansprüchen auf die polnische und die deutsche Krone.“ Daher ist laut dem Autor vielmehr „Heinrich II. Graf von Vianden 1330 der erste luxemburgische Preußenfahrer (…), der sich nachweisen läßt.“
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Zum Abschluss der Zeitreise lohnt sich ein erneuter Blick auf den Namen von Oberpahlen. Der laute nämlich, wie Paul Johansen 1930 in „Über die deutschen Ortsnamen Estlands“ aufgrund geografischer Gegebenheiten argumentiert, richtigerweise eigentlich Überpahlen – und wäre damit klanglich noch ein wenig näher am luxemburgischen Uewerpallen. „Die Deutung des Namens durch ein französisches geografisches Lexikon als ‚le château de la haute Pologne‘, will ich hier mit Stillschweigen übergehen“, merkt er noch schelmisch an. Eine solche Missdeutung ist dem luxemburgischen Oberpallen glücklicherweise erspart geblieben.