Zum 84. Jahrestag der berüchtigten „Wannsee-Konferenz“ diskutiert die Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz auf der Veranstaltung „Erinnern als Staatsräson“, welche Rolle die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen heute noch in der Bundesrepublik spielt – und wie sie die Haltung gegenüber Israel prägt. Eine komplexe Frage, wie Direktorin Deborah Hartmann, 41, erklärt.

Am Dienstag steht das deutsch-israelische Verhältnis in den zwei Gesprächsrunden im Fokus. Warum ist es an der Zeit, jetzt darüber zu reden?

Eigentlich ist es schon längst Zeit, darüber zu reden. Es ist ja immer Gegenstand vieler Auseinandersetzungen gewesen. Insofern ist es nichts Neues, wenn wir in die Geschichte zurückblicken. Spätestens seit dem 7. Oktober gibt es aber noch einmal eine verstärkte Debatte. Dabei geht es auch um die Frage nach der Erinnerungskultur, aber ohne die erinnerungskulturellen Akteure wirklich in den Blick zu nehmen, auch wenn sie von manchen adressiert werden. Wir fanden, es ist an der Zeit, diese Debatte jetzt in die Gedenkstätten hineinzutragen und sie mit den erinnerungskulturellen Akteuren zu diskutieren.

Mirna Funk

Es wird zwei Panels zu den Fragen „Erinnern als Staatsräson?“ und „Erinnern an die Schoah in Israel – nach dem 7. Oktober“ geben. Warum haben Sie den Tag so gestaltet?

Wir haben ganz bewusst gesagt, wir reden nicht nur aus der deutschen Position über Israel, sondern wollen auch mit Menschen aus Israel ins Gespräch kommen und uns mit Aspekten israelischer Erinnerungskultur, insbesondere nach dem 7. Oktober, auseinandersetzen. Wir haben uns aber auch um ein Programm bemüht, das mit den Erwartungen bricht, wie Veranstaltungen an einer Gedenkstätte abzulaufen haben.

Dafür haben Sie beispielsweise Bubales Puppentheater und mit Michel Kichka einen politischen Karikaturisten eingeladen.

Die Form des Puppentheaters, die Shlomit Tripp zeigt, und ihr Humor ermöglichen es den Menschen, einen anderen Zugang zu diesen Themen zu finden. Wir hoffen ja, dass es ein konstruktiver Austausch wird, aus dem wir alle etwas mitnehmen können. Vielleicht auch Gedanken, die wir vorher noch nicht hatten. Und Michel Kichka hat sich als Sohn zweier Holocaust-Überlebender in einer Graphic Novel mit seiner Familiengeschichte beschäftigt. Also, wie es ist, als zweite Generation im Belgien der Nachkriegszeit mit der Geschichte der Eltern leben zu müssen. Er hat sich aber auch in seiner Arbeit mit dem 7. Oktober und den traumatischen Erfahrungen auseinandergesetzt.

Margot Friedländer starb im Alter von 103 Jahren (Archivbild)

Noch mal zurück zur Eingangsfrage: Das deutsch-israelische Verhältnis nach dem 7. Oktober ist hierzulande ja durchaus in Schieflage geraten, weil in Teilen der deutschen Öffentlichkeit eine Täter-Opfer-Umkehr stattfand. Die bestialische Terrorattacke der Hamas rückte in den Hintergrund, während die Palästinenser als Opfer wahrgenommen wurden. Wie haben Sie diese Reaktionen erlebt?

Diese Empathielosigkeit ist fürchterlich. Da haben sich leider Haltungen offenbart, die man in der Form nicht für möglich gehalten hat. Das zeigt auch der Podcast, den wir Ende Februar veröffentlichen. Dafür haben wir mit vielen Menschen aus verschiedenen Räumen gesprochen, aus der Clubszene, aus der Theaterszene, aus den Bereichen Film, Schule, Universitäten. Wir haben die Betroffenen und die Perspektive der Betroffenen in den Fokus gerückt. Was alle Gespräche gemeinsam haben, ist der große Schock, nach dem 7. Oktober allein dazustehen und sich isoliert zu fühlen, weil es kaum empathische Reaktionen gegeben hat.

Haben Sie auch gegenteilige Reaktionen erfahren?

Ja. Nachbarn haben uns nach dem 7. Oktober Sonnenblumen vor die Tür gestellt. Diese kleine Geste, ein Akt der Aufmerksamkeit, hat viel bewirkt für uns als Familie. Es gibt einem eine gewisse Sicherheit, dass das, was sich im Süden Israels ereignet hat, nicht an allen Menschen vorbeigeht. Diese empathische Reaktion hatte eine immense Aussagekraft. Es ist wichtig, dass so etwas in den entscheidenden Momenten im eigenen Umfeld passiert.

Sie stellen in den Gesprächsrunden auch die Frage, ob man in Deutschland Israel kritisieren darf oder nicht. Wie sieht es damit aus?

Es geht um die Art, wie man Israel kritisiert, ob man damit antisemitische Elemente verbindet oder nicht. Das ist die Kernfrage, wenn es darum geht. Und da spielt meiner Meinung nach der Holocaust weniger eine Rolle als die Frage: Habe ich ein Verständnis von Antisemitismus oder habe ich es nicht? Wenn ich es nicht habe, geht es sehr schnell in eine falsche Richtung. Das kann unbewusst passieren, aber es passiert leider auch sehr oft bewusst.

Es wird also nicht differenziert zwischen der sogenannten Israel-Kritik und Antisemitismus.

Genau. Allein die Begrifflichkeit der „Israel-Kritik“ ist ja schon absurd. Es gibt ja auch keine dezidierte „Russland-Kritik“ oder „Iran-Kritik“. Aber es gibt diese Begrifflichkeit in Bezug auf den Staat Israel. Ich muss zugeben, ich zucke innerlich kurz zusammen, wenn Leute mir gegenüber diesen Begriff verwenden, weil ich nicht weiß, in welche Richtung wird das jetzt gehen? Ansonsten habe ich kein Problem damit, wenn sich Menschen kritisch mit Israel und Fragen des Zionismus auseinandersetzen. Aber in der Form, in der es meist passiert, muss es einfach mehr Bewusstsein geben. Da finden sich oft antisemitische Haltungen wieder. Sonst ist es eigentlich gar nicht so kompliziert. Das ist etwas, das wir am Dienstag verstehen wollen und da hoffentlich einen Erkenntnisgewinn haben. Was macht das Sprechen über Israel so kompliziert? Ist es wirklich die Schoah oder sind es vielleicht ganz andere Dinge?

Welche Farbe hat Erinnerung

Mittlerweile würde ein Teil der deutschen Öffentlichkeit das Erinnern an die Shoah gerne ad acta legen. Und zwar mit dem Argument, „weil es so lange her ist“. Wie würden Sie diesen Menschen erklären, warum das Gedenken an die Schoah nach wie vor wichtig ist?

Sie fragen eine Person, die biografisch der dritten Generation von Schoah-Nachkommen angehört, also zu den betroffenen Personen. Deshalb ist es für mich immer schwierig, das allgemein zu beantworten. Aber es gibt natürlich sehr viele Menschen, für die Erinnerung und Geschichte nicht einfach etwas Abgeschlossenes ist. Wenn wir uns die Kontinuitäten nach 1945 anschauen, ist der Antisemitismus danach nicht einfach verschwunden. Den gab und gibt es nach wie vor. Vieles, was wir heute an antisemitischen Haltungen wiederfinden, bezieht sich auf die Schoah. Das allein ist schon ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht ausreichend mit dem Holocaust beschäftigt haben. Deshalb ist die Erinnerung an den Holocaust auch 80 Jahre später kein abgeschlossener Prozess. Das ist nicht einfach ein Stück Vergangenheit, sondern etwas, das die deutsche Gesellschaft bis heute sehr stark definiert.

Lit.Cologne - Lizzie Doron

Funktioniert denn Erinnern als Staatsräson?

Nein, ich würde den Begriff der Staatsräson auch nicht verwenden. Man müsste dazu erst mal definieren, was mit Staatsräson überhaupt gemeint ist. Ich glaube, man hat Angela Merkel die Worte in den Mund gelegt. Man hätte auch einfach sagen können, Angela Merkel spricht von der besonderen Beziehung zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland nicht wegen, sondern trotz des Holocausts. Und es sind ja auch besondere Beziehungen. Die Erinnerung wurde zivilgesellschaftlich erkämpft und dann vom Staat unterstützt. Deshalb gibt es heute Gedenkstätten, die institutionelle Zuwendungen von Bund und Ländern bekommen. Ich denke, der Staat kann den erinnerungskulturellen Akteuren helfen und sollte den Gedenkstätten an einigen Punkten besser zuhören. Aber Erinnern kann nicht von oben oktroyiert werden. Das funktioniert nicht.

Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56–58, Heckeshorn, Tel. 805 00 10, 20.1., 15.30–21 Uhr, Informationen und Anmeldung: www.ghwk.de