Die ersten Vorboten sind bereits sichtbar: In ein paar Wochen beginnt der Frühling und damit steigt auch wieder die Gefahr für neugeborene Wildtiere. Denn die Geburtszeit in Wald und Flur fällt mit dem meteorologisch günstigsten Zeitraum der Heumahd zusammen. Anfang Mai erreicht der Babyboom seinen Höhepunkt – und damit auch die Gefahr für den Nachwuchs.
Damit Jungtiere nicht in die Messer des Mähdreschers geraten, ist gezieltes Handeln erforderlich. Betroffen sind nicht nur Kitze und ausgewachsene Rehe, sondern auch Feldhasen, Wildkatzen und Füchse. Aus Feldern, die nahe an Siedlungen liegen, wird auch so manches Haustier geborgen. In Luxemburg sorgt die Vereinigung „Sauvons Bambi“ für die Rettungen im Lenz.
Die Eltern verstecken ihren Nachwuchs im hohen Gras, während sie auf die Jagd nach Futter gehen. Zudem legen am Boden nistende Vögel ihre Nester direkt im Feld an. Die Jungvögel – sofern bereits geschlüpft – können der Dreschmaschine nicht entkommen. Dieses Schicksal teilen ihre vierbeinigen Altersgenossen. Diese Tierarten verharren instinktiv regungslos, bis die Gefahr vorüber oder gebannt ist. Genau dieses Verhalten aber wird ihnen oft zum Verhängnis.
Qualvolles Sterben
Jedes Jahr fallen während der Heuernte zahlreiche Tierbabys landwirtschaftlichen Fahrzeugen zum Opfer. Für Landwirte ist es nahezu unmöglich, die gut getarnten, kleinen Tiere im hohen Gras rechtzeitig aufzuspüren.
Abhilfe schaffen hier moderne Geräte wie Drohnen. Die Multikopter werden am frühen Morgen, noch vor Beginn der Mahd, eingesetzt. Sie sind mit Wärmebildkameras ausgestattet und machen Lebewesen dank ihrer Körperwärme sichtbar. Gemeinsam mit dem Landwirt und abhängig von der Feldgröße und der Geschwindigkeit der Maschine wird der beste Modus operandi ermittelt.
Mit Drohnen und Wärmekameras wird in den Feldern nach den Tieren gesucht. Foto: Claudine Bosseler/SIP
Seit 2025 arbeitet die Vereinigung mit dem Ministerium für Landwirtschaft sowie verschiedenen Gemeinden im Großherzogtum zusammen. Das Ziel ist klar: Wildtiere retten. Doch nicht nur verletzte Tiere sind betroffen – auch Muttertiere leiden, wenn sie ihr Junges nicht wieder- oder tot auffinden und vergeblich zu beleben versuchen. Zudem schützt die Rettung von Wildtieren auch Nutztiere vor dem Tod.
„Täter“ ist die Nahrungskette
Wird ein Tier unbemerkt vom Mähdrescher erfasst und der Kadaver nicht entfernt, steigt das Risiko einer Kontamination durch das Bakterium Clostridium botulinum, das Botulismus auslöst. Gelangt verseuchtes Futter in die Ernährung von Nutztieren, können sie an einer Vergiftung mit dem hochwirksamen Botulinumtoxin sterben. Die Tierleiche wird so zum Ausgangspunkt einer gefährlichen Kettenreaktion.
„Sauvons Bambi Luxembourg“ wurde 2021 nach belgischem Vorbild gegründet. Seither arbeitet die Vereinigung mit freiwilligen Helfern und Drohnenpiloten zusammen, die bereit sind, mehrere Tage im Jahr im Morgengrauen aufzustehen, Wind und Wetter zu trotzen und Wiesen und Felder systematisch abzusuchen, um Tierleben zu retten.
Wird ein Tier entdeckt, erfolgt die Rettung von Hand. Dabei wird darauf geachtet, die Tiere nicht mit bloßen Händen anzufassen, da die Muttertiere die Kleinen zu verstoßen drohen. Die Jungtiere werden vorübergehend in Kisten gesichert. Sie dürfen aber nicht zu lange in diesen bleiben, sonst laufen sie Gefahr, zu verdursten. Nach dem Mähen werden sie in der Nähe, doch nicht exakt am Fundort, wieder ausgesetzt, da Greifvögel und Füchse gezielt auf frische Beute lauern.
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„Sauvons Bambi“ bildet künftige Tierretter und Drohnenpiloten kostenlos aus. Das nötige Material wird unter anderem von den teilnehmenden Gemeinden zur Verfügung gestellt. Die Schulung ist verpflichtend und umfasst ein theoretisches und ein praktisches Modul. Im Jahr 2022 waren nur zwei Piloten im Einsatz und retteten 156 Rehkitze. 2023 stieg die Zahl auf 428 Kitze, gerettet von fünf Piloten. Im darauffolgenden Jahr waren es „nur“ 224 Kitze – eine Folge der durch die Blauzungenkrankheit dezimierten Rehpopulation.
Wer „Sauvons Bambi“ unterstützen und Bambis retten möchte, kann sich unter contact@sauvonsbambi.lu melden. Die nächste und für Kandidaten obligatorische Informationsversammlung findet am 7. Februar statt.