Der geopolitische Kurs des US-Präsidenten, insbesondere seine Übernahme-Pläne für Grönland gegen den Willen der Europäer und zuletzt die Kritik Donald Trumps am Beitrag der Verbündeten in Afghanistan: Nicht wenige zweifeln daran, dass die nordatlantische Militärallianz unerschütterlich ist, die Rede ist bisweilen gar vom Ende des Bündnisses.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat jetzt gefordert, mit der Debatte über einen möglichen Zerfall der Nato aufzuhören. Die Europäer sollten „nicht Diskussionen über ein Ende dieses Bündnisses beginnen, die in Washington überhaupt nicht geführt werden“, sagte der Außenminister der „Welt am Sonntag“.
Seit dem Zweiten Weltkrieg stünden die USA an der Seite Deutschlands und die Bundesrepublik habe den USA sehr viel zu verdanken. „Unser Band ist felsenfest“, betonte Wadephul. „Und die fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Deutschland und die anderen Europäer in der Nato zugesagt haben, verstärken dieses Band noch.“ Die Alliierten sollten sich nun wieder auf die Verteidigungsfähigkeit gegenüber Russland konzentrieren, sagte Wadephul der „Welt am Sonntag“.
Wadephul äußert sich zu Trumps Afghanistan-Aussagen
Nach wiederholten Drohungen, Grönland einzunehmen, hatte Trump am Mittwoch eine vorläufige Einigung mit der Nato über die Arktis bekannt gegeben und erklärt, auf die angekündigten Strafzölle gegen Deutschland und sieben weitere europäische Länder zu verzichten. Die Kehrtwende hatte in Europa für Aufatmen gesorgt.
Trumps Afghanistan-Äußerungen kritisierte der Außenminister nicht direkt, verwies aber auf die Opfer, welche die Bundeswehr und andere Alliierte am Hindukusch gebracht hätten. 59 deutsche Soldaten seien in Afghanistan in Ausübung der deutschen Beistandspflicht gestorben, sagte Wadephul. „Sie sind Helden, genau wie die amerikanischen, britischen, dänischen, kanadischen, französischen oder Soldaten aus weiteren Ländern, die ihr Leben dafür gegeben haben, unser Bündnis zu verteidigen.“
Als die USA nach dem 11. September 2001 zum einzigen Mal in der Geschichte den Bündnisfall der Nato ausgelöst hatten, habe Deutschland den US-Alliierten selbstverständlich beigestanden, erklärte Wadephul. Deutschland habe der Nato sehr viel zu verdanken. „Gleichzeitig sollten wir auch nicht kleinreden, was wir geleistet haben“, fügte er hinzu.
Trump hatte am Freitag die Bedeutung der Truppen aus Nato-Partnerstaaten für den Afghanistan-Einsatz zu schmälern versucht. „Sie werden sagen, dass sie einige Truppen nach Afghanistan geschickt haben“, sagte er über andere Nato-Mitglieder im Sender Fox News. „Und das haben sie auch, aber sie blieben etwas zurück, etwas abseits der Front.“ Die Äußerung stieß in Europa auf Empörung.
Mehr zu Donald Trump bei T+Trump beklagt sich über die Nato So abhängig ist das Bündnis von den USA Ist Macron Trumps europäischer Gegenspieler? „Die Schlagabtausche muten bizarr an“ Leserbrief über USA und Nato Wir sollten Trump an die Berliner Freiheitsglocke erinnern
Das Eingreifen der Nato in Afghanistan markiert das erste und einzige Mal, dass die Nato den Bündnisfall gemäß Artikel 5 ausgerufen hatte. Der Einsatz, an dem sich auch die Bundeswehr beteiligt hatte, endete 2021 mit einem chaotischen Abzug nach dem Vorrücken der radikalislamischen Taliban, die seitdem am Hindukusch wieder an der Macht sind.