900.000 Euro – diese stolze Summe investierte die Gemeinde Esch/Alzette in die Renovierung von zwei alten Lokomotiven und einem Schlackenwagen. Unter den Augen neugieriger Zaungäste kehrten die stählernen Zeitzeugen aus der goldenen Industrieära am Wochenende nach Lallingen zurück. „War es den Aufwand wirklich wert?“, mögen sich manche Escher Steuerzahler fragen.

Eine knappe Million Euro – das klingt nach viel Geld. Hätte man damit nicht eine „Crèche“ oder ein Fußballfeld bauen oder ein altes öffentliches Gebäude energetisch sanieren können? Die Fragen sind berechtigt. Dennoch ist die Investition in die Renovierung des Lokomotiv-Denkmals kein verschwendetes Geld. Denn was wäre die Minette-Region, wenn sie ihr kollektives Gedächtnis einfach löschte wie überflüssige Daten auf einer Festplatte? Eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit vergisst, verliert ihre Orientierung.

Denkmalpflege allein reicht nicht

Die Stahlindustrie hat Generationen von Luxemburgern und Einwanderern geprägt. Ohne die Arbed-Werke wäre Luxemburg wohl ein armes, weniger vielschichtigeres Land geblieben. Diese Geschichte verdient es, sichtbar zu bleiben – nicht nur in Museen oder in verstaubten Schuppen, sondern im öffentlichen Raum, wo Menschen sie täglich erleben.

Doch Denkmalpflege allein reicht nicht. Die eigentliche Herausforderung: Wie hält man Erinnerung lebendig, wenn die Zeitzeugen schwinden? Wie viele Menschen engagieren sich noch in Bergwerksvereinen und „Amicales“? Die Zahlen dürften ernüchternd sein.

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In Regionen wie dem deutschen Erzgebirge wird die Bergbautradition mit Paraden und lebendigen Bräuchen hochgehalten. Die Bergmannskultur ist dort gelebte Gegenwart. In Luxemburg droht diese Tradition zu verblassen. Die Barbarafeier, das Fest der „Mineuren“, verkam in den vergangenen Jahren selbst im tiefsten Süden des Landes fast zur Randnotiz. Seit 2024 versuchen das „Centre national de la culture industrielle“ und die Escher Kulturfabrik, den „Bärbelendag“ für ein neues Publikum zu erschließen – gut so!

Dass die Escher AEG-Lok nun wieder an ihrem angestammten Platz steht, ist ein wichtiges Symbol – aber Symbole allein genügen nicht. Es braucht mehr: Schulführungen, partizipative Projekte zwischen Jung und Alt, neue touristische Konzepte. Vielleicht eine jährliche Veranstaltung, die Industriegeschichte feiert.

Die Begeisterung, mit der Anwohner und Kinder die Lok-Rückkehr verfolgten, zeigt: Das Interesse ist da. Jetzt gilt es, dieses Interesse in dauerhaftes Engagement umzumünzen. Denn Erinnerungskultur ist kein Selbstläufer. Sie muss gepflegt, belebt und weitergegeben werden – von Generation zu Generation. Nur Geld in die Restaurierung „toter“ Bauwerke und Fahrzeuge zu stecken, reicht nicht.

Kontakt: joerg.tschuertz@wort.lu