Amerikaner haben das Stoßlüften für sich neu entdeckt. Die Banalität des alltäglichen Fensteröffnens heißt jetzt „House Burping“.

Der Wecker klingelt, man schält sich aus dem Bett, geht zum Fenster und lässt erst einmal frische Luft herein. Was für viele Menschen vor allem in Österreich und auch Deutschland wohl so normal ist wie sich danach die Zähne zu putzen, ist in den USA unter dem Begriff „House Burping“ nun ein neuer Trend.

Man lässt die Wohnräume „burpen“, also rülpsen beziehungsweise aufstoßen und sogar Medien wie die „Washington Post“ sind in langen Artikeln fasziniert von der hierzulande wohl mehr als banalen Praxis. Verwundert zeigt man sich darüber, dass sogar im Winter mehrmals am Tag die Fenster geöffnet werden und teilweise sogar in Mietverträgen ein Muss zum Lüften festgehalten werden kann. Die Zeitung geht sogar so weit, von einem „Kulturschock“ zu berichten.

Auf Social Media wird die Praktik als „Mom Hack“, also Tipp von und für Mütter angepriesen, um Krankheiten entgegenzuwirken. Einige Videos werden hier Millionen Male aufgerufen. Tatsächlich hilft Lüften dabei, abgestandene Luft zu tauschen und sauerstoffreiche Luft in den Raum zu bringen. Außerdem kann die Luftfeuchtigkeit reduziert werden und Schimmel so vorgebeugt werden.

Der Grund, warum viele US-Amerikaner mit dieser Sitte nicht vertraut sind, wird in dem großflächigen Einsatz von Klimaanlagen gesehen. Wenn Klimaanlagen aber keine eingebaute Sauerstoffzufuhr haben und nur die Raumluft umwälzen und kühlen, sollte man trotzdem lüften. Das scheint bisher jedoch noch niemanden so richtig interessiert zu haben. Ein weiterer Grund kann sein, dass die Häuser in den USA anders gebaut sind und daher oft weniger dicht, weshalb sie wohl ganz von selbst „rülpsen“.

Es mutet zumal schon etwas sonderbar an, wenn US-Touristen Alltäglichkeiten des europäischen Lebens als Innovationen mit in die Heimat nehmen. Auf Social Media werden da Videos veröffentlicht, die die scheinbar „unüberbrückbaren Differenzen“ im Lebensstil deutlich machen sollen.

Eine Waschmaschine in der Küche? Nie gehört. Geschirrtücher statt Küchenpapier? Wie nachhaltig. Schuhe vor dem Betreten des Wohnraumes ausziehen? Einfach originell. Ein höhenverstellbarer Föhn im Schwimmbad? Was in Tiktok-Videos wie ein Ausflug in die Welt der Science Fiction anmutet, ist für Europäer wohl mit Kindheitserinnerungen seit mindestens den 80er-Jahren verbunden.

Aufzählungen, über „Dinge, die in Amerika einfach keinen Sinn machen“, gibt es mittlerweile zu Genüge. In der Vergangenheit wurden sie auch immer wieder zu Trends. Restessen wurde etwa als „Rat Snacking“ bekannt, Jausenplatten als „Girl Dinner“, Verdauungsspaziergänge als „Fartl Walks“. Die Namensgebung ist sehr eingängig, das muss man ihnen lassen, den Amis.

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