Als Anfang Dezember in Helsinki die luxemburgische Flagge ganz oben erschien, rieben sich einige Tischtennisfans verwundert die Augen. Wer ist diese Frau, die gerade für das Großherzogtum die Finlandia Open gewonnen hatte? „Es war tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, vor Freude weinen zu können“, erzählt die 28-Jährige. „Früher in Deutschland war ich immer so dicht dran, für internationale Turniere nominiert zu werden, aber es hat nie gereicht.“
Mittlerweile startet die frühere deutsche Jugend-Nationalspielerin für Luxemburg – und klettert in der Weltrangliste. Hinter Sarah De Nutte (Nummer 110), Enisa Sadikovic (355) sowie der nach einer Verletzung zurückgefallenen Ni Xia Lian (368) ist Scholz (391) im Ranking bereits ganz nah an das Spitzentrio herangerückt. „Wir sind im Frauenbereich nicht dramatisch dicht besetzt“, erklärt Heinz Thews, Sportdirektor des nationalen Verbandes FLTT. „Deshalb sind wir froh, dass Vivi bei uns ist.“
Ich wollte unbedingt ein richtiger Teil des Teams in Luxemburg werden.
Vivien Scholz
Scholz studierte Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf und zog anschließend in ihre Heimat in der Nähe von Berlin zurück. Dort trainierte sie in einer Gruppe unter der Leitung von Peter Engel. Kurze Zeit später übernahm Engel den Posten als luxemburgischer Nationaltrainer – und integrierte einige seiner alten Schützlinge in der Trainingsgruppe in der Coque. „Ich hatte das große Glück, eine dieser Spielerinnen zu sein.“
Die 28-Jährige ist bereits seit vielen Jahren Teil des Teams. Foto: Alexander Daleiden
Scholz packte ihre Sachen und fuhr nach Südwesten. „Ich war direkt hin und weg von dem modernen Sportcenter, mitsamt dem roten Boden“, erzählt sie. Nach einem Gespräch mit Engel und den FLTT-Verantwortlichen entschied sich Scholz, nach Luxemburg zu ziehen und das Training fortzusetzen. „Ich wollte unbedingt ein richtiger Teil des Teams in Luxemburg werden“, erinnert sich die Tischtennisspielerin. „In Luxemburg trainieren, mit ihnen gemeinsam Turniere bestreiten und gemeinsam lernen.“
Erlösung nach 20 Jahren
Der Verband sagte nach kurzer Bedenkzeit zu – und half ihr mit den Dokumenten und Anträgen. Doch auch Scholz blieb nicht untätig. „Ich habe versucht, mich bestmöglich zu integrieren“, erzählt sie. „Ich habe Luxemburgisch gelernt, auch etwas Französisch. Ich habe mich um eine Wohnung in der Nähe der Coque auf dem Kirchberg gekümmert und habe mein Auto nach Luxemburg umgemeldet.“
Sportdirektor Heinz Thews freut sich über die Verstärkung. Foto: Stéphane Guillaume
Für Scholz ist mit dem Verbandswechsel ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen. Denn obwohl sie im Nachbarland zeitweise zur nationalen Spitze in ihren Altersklassen gehörte, wurde sie bei den wichtigen Nominierungen häufig übergangen. „In Deutschland ist die Dichte an Spielern deutlich höher“, verrät sie. Eine schlechte Phase hat schnell Konsequenzen, wenn das nächste Talent bereits wartet.
„Hier in Luxemburg können die Spieler seit ihrer Kindheit gemeinsam trainieren. Sie bauen eine starke Bindung zueinander und zu den Coaches auf. Freundschaften werden geschlossen und alle wachsen zu einem richtigen Team zusammen“, schwärmt Scholz von ihrer neuen Heimat. Trotz der geringen Einwohnerzahl schaffe es der Verband daher immer wieder, Topspieler hervorzubringen. „Wie Sarah De Nutte oder Luka Mladenovic“, so Scholz.
Vivien Scholz will für Luxemburg alles geben. Foto: Alexander Daleiden
Im August 2020 meldete die FLTT Scholz für einen Verbandswechsel an. 2025 durfte die 28-Jährige bei offiziellen Wettkämpfen für ihr neues Land starten. Nach Turnieren in Belgien und Düsseldorf schaffte sie es in Helsinki ganz oben aufs Treppchen. „Nach über 20 Jahren Tischtennis bin ich nicht nur dabei gewesen, sondern konnte sogar ein offizielles ETTU-Turnier gewinnen“, freut sich die Rechtshänderin. Die Staatsbürgerschaft kann sie im September 2026 beantragen – nachdem sie fünf Jahre lang in Luxemburg gelebt hat. Ab dann darf Scholz auch an den Landesmeisterschaften teilnehmen.
Für ihren großen Traum muss Scholz aber noch mehr Geduld aufbringen. Denn für Welt- und Europameisterschaften oder Olympische Spiele ist sie noch lange nicht spielberechtigt. „Die Reglemente wurden zuletzt mehrfach geändert“, verrät Thews. „Weil sie beim Wechselantrag älter als 21 war, muss sie neun Jahre warten, bevor sie die Welt- oder Kontinental-Events spielen darf.“ Somit kommen sogar die Sommerspiele in Los Angeles 2028 ein Jahr zu früh.
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„Ich habe schon sehr viel erreicht und bin stolz auf mich“, erklärt Scholz zufrieden. „Ich sehe der Zukunft gelassen entgegen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht mehr alles geben werde.“ 2023 schaffte sie im Doppel die Qualifikation für die WM in Durban, war jedoch noch nicht spielberechtigt. Das will sie irgendwann nachholen. „Bei so einem großen Turnier im Teilnehmerfeld stehen zu können, wäre etwas ganz Einzigartiges“, sagt die 28-Jährige. „Und es wäre toll, eines Tages Luxemburger Meisterin zu werden.“
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