Nach Schneefällen über die Festtage hat im Flachland wieder vermehrt Hochnebel und nassgraues Wetter Einzug gehalten. Jetzt steht wettertechnisch ein Schlüsselmoment bevor. Seinen Ursprung nimmt er über dem Nordpol, die Auswirkungen dürften aber weit nach Europa spürbar sein.
Das ist der Polarwirbel
Im Normalfall hält der Polarwirbel die kalte Luft wie ein Deckel über dem Nordpol, wie Meteorologe Peter Wick gegenüber 20 Minuten schreibt. Wenn dieser aber gestört wird, zerfällt der Starkwindgürtel in mehrere Zentren und kann die Luft nicht mehr gleich zuverlässig einschliessen. Die laut Wick «ziemlich massive Störung» könnte schlimmstenfalls auch drastische Folgen für die Schweiz haben.
Darum kommt es jetzt zum Kipppunkt
Zur Störung kommt es derzeit, weil sich die Luft in der Stratosphäre über der Arktis innert kurzer Zeit deutlich erwärmt hat: In 20 bis 50 Kilometern Höhe heizte sich die Luft innerhalb weniger Tage um mehrere Dutzend Grad auf. Die dadurch gestörten oder gar umgedrehten Westwinde schwächen ihrerseits den Polarwirbel oder zerreissen diesen sogar.
Die Modelle des amerikanischen Wetterinstituts GFS zeigen den Split deutlich.GFS
«Diese Spaltung ist also eine tiefgreifende Umwälzung in der oberen Atmosphäre, die sich mit etwas Verzögerung auch am Boden bemerkbar machen kann.» Während das Szenario in der Fachwelt als «Sudden Stratospheric Warming» bekannt ist, kann es laut dem Meteorologen durchaus ein Schlüsselmoment für das Wetter bezeichnet werden: «Eine vergleichsweise kleine Veränderung in grosser Höhe kann grosse Auswirkungen auf unser Wetter in Mitteleuropa haben.»
Szenario 1: Gewellter Jetstream bringt Eis und Schnee
Derzeit rechnet Wick mit zwei möglichen Szenarien: Wenn die Störung auch die unteren Luftschichten erreicht, könnte ein welligerer Jetstream Kaltluftschübe und damit auch Frost und Schnee nach Mitteleuropa bringen.
Szenario 2: Nebelsuppe mit wenig Niederschlägen
Falls die Umwälzung der Luftströmungen versandet, bevor sie die unteren Luftschichten erreicht, würde ein anderer Effekt eintreten: «Bleibt die Wirkung schwächer oder blockiert sich die Zirkulation eher in Hochdrucklagen, erleben wir oft ruhiges, mildes oder nebliges Wetter ohne grössere Niederschläge», so Peter Wick.
Was wäre dir lieber: Ein Winter mit viel Schnee oder ein milder Winter?
«Erhöhtes Risiko» für Kältewellen
Stand jetzt lässt sich laut dem Meteorologen noch keine seriöse Prognose machen, welches Szenario tatsächlich eintreten wird: «Die Modelle zeigen noch grosse Unterschiede, und gerade bei solchen Stratosphärenprozessen ist die Atmosphäre sehr komplex. Nicht jede Erwärmung oben wirkt automatisch bis nach unten durch. Kurzfristig deutet vieles auf eher ruhiges und mildes Hochdruckwetter in Mitteleuropa hin», so seine Einschätzung. Welche Wetterlage in den nächsten zwei bis sechs Wochen vorherrschen wird, sei noch unklar – er spricht deshalb von «erhöhten Wetterrisiken», etwa für Kältewellen, aber noch nicht von sicheren Prognosen.
So könnte die Schweiz getroffen werden
Angesichts der Unklarheit, welches Szenario tatsächlich auftreten wird, wagt Wick noch keine Prognosen für die Wetterlage in der Schweiz in den kommenden Wochen. «Historisch zeigen solche Ereignisse, dass nicht jede Region gleich betroffen ist. Manchmal bleibt es bei uns mild, während Deutschland oder Osteuropa deutlich kälter werden – oder umgekehrt.» Während die erwärmte Luft in der Stratosphäre also der Startschuss für kälteres Wetter sein könne, bedeute sie noch lange nicht zwingend einen Dauerwinter.
