Knapp einen Monat nach der tödlichen Tragödie in Crans-Montana kommen neue Erkenntnisse dazu ans Licht, wie der Brand in der Bar Le Constellation so verheerend sein konnte. 40 Leute starben, Dutzende weitere werden noch immer mit schweren Brandverletzungen in Spitälern behandelt. Bar-Betreiber Jacques Moretti ist nach Bezahlung der umstrittenen Kaution wieder auf freiem Fuss.
Derweil zeigen Recherchen von SRF, wieso in der Nacht auf den 1. Januar so viele Menschen starben: So war in jener Nacht ein Notausgang im Untergeschoss, wo die Deckenplatten aus Schaumstoff durch Sprühkerzen in Brand gerieten, verstellt.
Verhängnisvoller Barhocker
Auf Basis von Bauplänen, Fotos und Videos hat der Sender einen zusätzlichen Notausgang im Untergeschoss bestätigen können – dahinter befindet sich eine Treppe, über die die Gäste in jener Nacht theoretisch hätten flüchten können. Auf Fotos aus den Ermittlungsakten ist ein Barhocker zu sehen, der in der Brandnacht vor der Notausgangtür steht. Wer ihn dort platziert hat, ist laut SRF unklar – nicht aber, dass der scheinbar blockierte Ausgang in der tragischen Nacht wohl verheerende Folgen hatte.
Denn durch den fehlenden Notausgang im Untergeschoss mussten alle Personen über eine enge Treppe flüchten, die dabei zum Nadelöhr wurde. Im Erdgeschoss gab es weitere solche Engpässe: Unmittelbar rechts vom Ende der Treppe gibt es eigentlich eine Seitentür, die von Jacques Moretti als Servicetür bezeichnet wurde, die stets offen stehen sollte.
Zweiter Notausgang im EG ebenfalls versperrt
In der Silvesternacht war sie aber verschlossen – ein Umstand, der für mehrere Besucherinnen und Besucher tödliche Folgen gehabt haben dürfte. Offizielle Dokumente zeigen laut SRF zudem, dass die Tür von der Gemeinde als Notausgang deklariert wurde. Betreiber Moretti gab bei der Einvernahme an, davon nichts gewusst zu haben.
Auf Basis der Baupläne und Simulationen der Menschenmengen der Brandschutzfirma BIQS fällt der Sender ein klares Fazit: Wenn die Tür im Untergeschoss nicht blockiert gewesen und als Notausgang genutzt worden wäre, hätten die Menschen die brennende Bar um ein Vielfaches schneller verlassen können. Da aber alle über die gleiche Treppe ins Erdgeschoss mussten, bildete sich davor wohl ein falater Rückstau.
«Bereits 2015 stimmte nichts»
Die Bar wurde von Jacques Moretti und anderen Vorbesitzern auch mehrmals umgebaut – aus Sicht von Fabian Citroni, Journalist beim Investigativ-Team von RTS, hatte vor allem ein Umbau verheerende Folgen: «Bereits 2015 stimmte nichts. Der damalige Eigentümer beantragte den Bau einer Veranda. Aber daraus wurde eine komplett neu gestaltete Bar. Niemand wusste davon, und es gab keine Kontrollen», kritisiert er.
Einige Jahre später baute auch Moretti um und verengte dabei die Treppe, vor der es in der Brandnacht zum verheerenden Stau kam. Zwar entsprach sie weiterhin den Normen, wurde in Kombination mit den verschlossenen und blockierten Türen, die eigentlich Notausgänge sein sollten, aber zur Todesfalle.
Auch Gemeinde im Fokus der Ermittlungen
Die Verantwortung dafür, dass es soweit kam, könnte nebst Moretti auch die Gemeinde Crans-Montana tragen: 2018 forderte der Sicherheitsbeauftragte Moretti auf, die Besucherzahl zu begrenzen, den Feuerlöscher-Standort auszuweisen, Evakiuerungspläne zu erarbeiten und das Personal für Notfälle zu schulen. Doch es passierte nichts. 2019 bekräftigte der Sicherheitsbeauftragte seine Forderungen und setzte erneut eine Frist von drei Monaten. Danach passierte seitens der Gemeinde oder Jacques Moretti sechs Jahre lang nichts mehr – bis es zum verheerenden Brand kam. Mittlerweile wird auch gegen den Sicherheitsbeauftragten ermittelt.
Brand in Crans-Montana fordert mindestens 40 Todesopfer
Der Brand in einer Bar in Crans-Montana hat in der Silvesternacht mindestens 40 Menschenleben gefordert. Hier findest du aktuelle Artikel, Hintergründe und Augenzeugenberichte zur Brandkatastrophe im Wallis.
