Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink ist zu einem wichtigen Instrument im Ukrainekrieg geworden – für beide Seiten. Kiew und Moskau setzen auf den amerikanischen Dienst, um an Orten mit zerstörter Infrastruktur stabiles Internet zu empfangen, für die überlebenswichtige Kommunikation an der Front und für die Steuerung von Drohnen. Dabei spielen Starlink-Terminals, kleine tragbare Empfangsgeräte, eine wichtige Rolle.

Nun hat der Tech-Milliardär den Zugang für Russland gekappt. Der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow bedankte sich bei Musk. Er erklärte, dass alle autorisierten Starlink-Termi­nals, die auf einer „Whitelist“ stehen, weiterhin funktionierten. Russische Systeme dagegen seien blockiert. Musk bestätigte, dass neue Maßnahmen, die die „unautorisierte Nutzung von Starlink durch Russland“ stoppen sollen, Wirkung zeigten.

Das würde einen Rückschlag für Russlands Kriegführung bedeuten. Moskau habe an der Front nicht nur ein Problem, sondern stehe vor einer „Katastrophe“, betonte Serhij Beskrestnow, Rufname „Flash“. Er ist ein ukrainischer Fachmann für elektronische Kriegführung und Berater im Verteidigungsministerium. „Die gesamte Truppenführung ist zusammengebrochen. In vielen Bereichen wurden die Angriffsaktionen eingestellt“, schrieb er am Donnerstag auf Telegram.

Wie Moskau Starlink für Drohnen nutzt

Insbesondere Russlands Drohnenkrieg könnte nun massiv eingeschränkt werden. Laut ukrainischen und amerikanischen Angaben setzte Moskau zuletzt vermehrt auf unbemannte Fluggeräte, in denen Starlink-Technologie verbaut ist; erste Berichte darüber gab es schon 2024. Durch die stabile und schnelle Internetverbindung über Satelliten können sie deutlich weiter fliegen als funkgesteuerte Drohnen, sind weniger anfällig für elektronische Gegenmaßnahmen und können in Echtzeit von Piloten aus Russland gesteuert werden. Sie könnten auch bei dem jüngsten Angriff auf einen Passagierzug im nordukrainischen Charkiwer Gebiet eingesetzt worden sein, bei dem sechs Menschen getötet wurden.

Man habe „Hunderte“ von russischen Drohnen gefunden, die mit Starlink-Modulen ausgerüstet seien, erklärte Beskrestnow. Sie würden eingesetzt gegen „friedliche Städte im Hinterland und an der Front. Einschließlich Wohngebäuden.“ Im Januar teilte Beskrestnow auf Telegram ein Bild, das eine russische BM-35-Drohne zeigen soll, die mit Starlink-Technik ausgerüstet ist. Sie kann demnach 500 Kilometer weit fliegen. Das Institute for the Study of War erklärte, dass die modifizierten Drohnen fast die gesamte Ukraine erreichen könnten.

Gemischte Reaktionen von der Front

Auch das US-Verteidigungsministerium schreibt in seiner digitalen Datenbank „ODIN“ offen über die Nutzung von Starlink auf russischen Drohnen. Demnach rüstet Moskau seit Dezember Fluggeräte des Typs Molniya-2 mit Starlink-Termi­nals aus – das gelte für Angriffs- sowie für Aufklärungsdrohnen. Dies ermögliche die Steuerung und Datenübertragung außerhalb der Sichtlinie und erleichtere die präzise Zielerfassung auf größere Entfernungen. Mit der Starlink-Modifizierung würden herkömmliche elektronische Gegenmaßnahmen weitgehend neutralisiert, was die ukrainische Luftverteidigung vor „eine erhebliche taktische Herausforderung“ stelle.

Wie stark die Auswirkungen auf das Kriegsgeschehen durch die Starlink-Abschaltung sind, ist unklar. Das ukrainische Webportal „Kyiv Independent“ erhielt gemischte Rückmeldungen von der Front. Demnach sagte ein Soldat, dass die Kappung direkte Auswirkungen habe. Die Russen seien „komplett abgeschnitten“ – was bedeuten könnte, dass ihre Angriffe zurückgingen und sie nach alternativen Kommunikationsmitteln suchten. Ein Drohnenpilot sagte der Zeitung, dass dies den Ukrainern allerdings nur ein paar Wochen Zeit verschaffe. Andere Soldaten berichten von keinen großen Veränderungen. Ein Offizier, der im Gebiet Donezk bei Kostjantyniwka stationiert ist, erklärte, dass er bislang keine direkten Auswirkungen durch die Abschaltung gesehen habe.

„Du Stück Scheiße, Musk. Du Hure der ukrainischen Armee“

Auf der anderen Seite machen sich Russlands angriffskriegsbegeisterte Z-Blogger große Sorgen über die Situation an der Front und haben sich auf einen neuen Feind eingeschworen: Elon Musk. Seit der Starlink-Abschaltung häufen sich Posts über Probleme der Truppen und Beschimpfungen Musks. „Du Stück Scheiße, Musk. Du Hure der ukrainischen Armee“, schrieb etwa der reichweitenstarke Telegram-Kanal „Dwa Majora“ am Donnerstag unter einem Bild, das eine Aufforderung zur Verifizierung des Nutzerkontos eines Terminals zeigt, um auf die Dienste weiter zugreifen zu können.

Besonders stark wirke sich die Abschaltung auf die Sturmtruppen aus, schrieb der prorussische Kanal „Alex Parker Returns“. Etwa hätten die Einheiten in Kupjansk nun keine Möglichkeit mehr, mit ihrer Führung zu kommunizieren. In der Stadt im Charkiwer Gebiet, deren Eroberung Putin schon gemeldet worden war, sollen nun russische Truppen von den ­ukrainischen Verteidigern eingeschlossen worden sein.

Russische Kriegsblogger sehen keine Alternative zu Starlink

Andere beklagten, dass es keine russischen Äquivalente zu Starlink gebe – und so mischte sich in die Musk-Kritik auch solche der eigenen (Militär-)Führung. Das Problem liege nicht bei Musk oder dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, schrieb der Kanal „Woennyj Oswedomitel“. Nicht diese beiden hätten die Armee von der „Technologie des direkten Gegners“ in Washington abhängig gemacht. Eine Alternative zu Starlink gebe es einfach nicht, „und vieles, unter anderem die militärische Steuerung, war damit verbunden und wurde von allen wie eine Gegebenheit aufgefasst“.

Obwohl Starlink innerhalb von Russland nicht verfügbar ist, nutzt Moskau Musks Terminals schon mindestens seit 2024 für seinen Krieg in der Ukraine. Nach Angaben aus Kiew verfügt Russland über „Tausende“ Terminals, die aus Drittländern oder dem Schwarzmarkt stammen sollen. Warum Musk Starlink jetzt erst abgeschaltet hat und ob die vermehrte Nutzung für russische Drohnen dazu geführt hat, ist unklar. Zuvor hatte Musk noch abgestritten, dass Moskau Terminals über Zwischenhändler erworben habe. Im März sagte er, dass die „gesamte“ ukrainische Front zusammenbreche, wenn er Starlink abschalten würde.

Tatsächlich sind von der jetzigen Abschaltung auch ukrainische Terminals betroffen, die noch nicht registriert worden sind. Wie viele das sind, ist unbekannt. Das Verteidigungsministerium veröffentlichte eine Anleitung für die Verifizierung. Minister Fedorow bat um Geduld, wenn bereits eingereichte Terminals noch nicht operationsbereit seien. „Das ist ein sehr umfangreicher Prozess, der Zeit benötigt.“