Schauplatz Dänemark. Dänemark, bedroht von außen – Krieg – und innen: verkommene Mächtige. Auf den Trümmern einer Welt, die sich selbst zertrümmert hat, erscheint einer neuer, kalter Typ von Machthaber und übernimmt den Leichenberg der alten, ausgebrannten und utopievergessenen Welt.

So wollte es nicht Shakespeare – wo der norwegische König Fortinbras, der nach dem Tod des Königspaars und des Thronfolgers Hamlet wieder Ordnung schafft, als edle Gestalt erscheint. So wollte es Autor Heiner Müller, dessen Übersetzung der neuen „Hamlet“-Produktion zugrunde liegt. Zu wie vielen Zaunpfahlwinken hätte sich eine Regie da nicht verführen lassen können, in Zeiten eines gefährdeten Europas, samt Ukraine-Krieg, Grönlandkrise etcetera. Was hätte man da nicht alles machen können – und Regisseur Stephan Müller hat es Gott sei Dank nicht gemacht. Dafür vieles unterschwellig; gerade so fein dosiert, dass Assoziationen aufkommen können.

Das Gefühl für die Dosis ist wohl die Hauptqualität dieser neuen, sehr „klassischen“ „Hamlet“-Produktion im Theater in der Josefstadt, eine der letzten unter der 20-jährigen Direktion von Herbert Föttinger, bevor Marie Rötzer in der nächsten Spielzeit eine neue Ära einleitet. Föttinger wollte sich mit gleich zwei Shakespeare-Produktionen – nach dem „Sommernachtstraum“ nun „Hamlet“ – wohl auch selbst ein besonderes Abschiedsgeschenk machen. Die Fassung ist klug verknappt, auf neun Schauspieler (fünf davon im Rollen-Multitasking) und einen Text, der die Aufführungsdauer inklusive Pause auf unter drei Stunden hält: Dass sich damit auch die berühmten Passagen manchmal fast zum Hagel an „Geflügelten Worten“ verdichten, ist ein Nebeneffekt davon. Bei manchen Szenen wird hier sogar die Not zur Tugend, wie in dem bei Shakespeare von einer Schauspieltruppe aufgeführten Stück über einen Königsmord, mit dem Hamlet die Reaktion seines Onkels testen will: Er spielt hier selbst, mit Riesenmaske.

Dass diese Aufführung Atmosphäre hat, verdankt sich sehr dem eleganten, ästhetisch äußerst ansprechenden Bühnenbild, das die Handlung in eine unbestimmte Welt zwischen Mittelalter und moderner Macht, königlich und halbseiden bis mafiös ansiedelt. Stephanie Lux arbeitet, abgesehen von den roten Akzenten der Macht, fast ausschließlich mit Schwarz-, Grau- und Lichtschattierungen. Und doch kehrt keine auch das Publikum lähmende Düsternis und Schwere ein. Auch hier: Takt, Zurückhaltung, das Gefühl für die feine Dosierung. Äußerst zurückhaltend werden die Videoprojektionen eingesetzt, sie holen für Momente etwa das Meer hinein. Vor allem aber zeigen sie den Geist von Hamlets Vater (Johannes Krisch), mal gespensterartig, mal wie eine Horrorfigur aus Schwarzweißfilmen wie Murnaus „Nosferatu“. Johannes Krisch leiht dem toten Vater seine Stimme, sie geht in aller Ruhe durch Mark und Bein, beherrscht die Bühne: großes Schauspiel aus dem Off.

Claudius von Stolzmann spielt langhaarig und trotz mittleren Alters sehr jugendlich den in Verzweiflung und (gespielten) Wahnsinn versinkenden Hamlet. Das tut er frisch und trotzig, und irgendwie ist an dieser Darbietung gar nichts auszusetzen – wer kann dieser Figur in theatergeschichtlicher Übergröße schon wirklich genügen? Dennoch, es fehlt bei aller äußeren an innerer Intensität. Lässt dieser Hamlet auf Hochtouren einen deshalb am Ende doch recht kalt?

Johanna Mahaffy als Ophelia ist die längste Zeit durch eine kuriose Frisur verunstaltet, außerdem machen sich bei dieser Rolle die Kürzungen besonders bemerkbar. Die beschränkten Möglichkeiten nutzt sie, vor allem in den Wahnsinnszenen, dennoch und ganz ohne Getöse, um sich als fabelhafte, feinster Nuancen und Register fähige Darstellerin zu erweisen. Zumindest in Momenten ist sie eine Ophelia, die direkt in die Herzen des Publikums dringt und vergessen lässt, dass dieses Leid gespielt ist.

Daniel Jesch muss man zugute halten, dass er für die Rolle von Hamlets Onkel Claudius eingesprungen ist. Dieser Brudermörder, der nicht nur auf dem Thron, sondern auch im Ehebett den Platz von Hamlets Vater eingenommen hat, ist hier eine ziemlich platte, uninteressante Figur. Das ist zum Teil auch der Regie geschuldet, Claudius wird auch von ihr als simpler Gauner, mehr lächerlich als komplex dargestellt. Dass er seine Gewissensbisse und daraus resultierenden Gebete auf einer (wenig königlichen) Blech-Badewanne abwickelt, verblödelt eine eigentlich sehr gewichtige Szene (nur wegen dieses Gebets bringt Hamlet ihn in diesem Moment nicht um), aber das ist vielleicht ganz gut: Es lenkt davon ab, dass der Aufführung für mehr Gewicht dieses Monologs das Format fehlt. Insgesamt aber gilt auch für die vielen humoristischen Noten der Aufführung: Auch die Komik bleibt diskret, wird nie zu grell, zu viel.

Viel mehr glaubwürdige Zerrissenheit kann Martina Stilp als Hamlets Mutter Gertrud zeigen, Zerrissenheit zwischen ihren sexuellen Freuden mit Claudius, ihrer Mutterliebe und ihrem schlechtem Gewissen. Die Regie schenkt ihr auch mehr Sympathie, scheint bei ihr fast, was den Mord betrifft, zur Unschuldsvermutung zu neigen. Marcus Bluhm überzeugt als geschwätziger Kriecher Polonius, geübt darin, sich der Macht anzuschmiegen. Ausgezeichnet auch Martin Niedermair unter anderem als Laertes und Rosencrantz, der Horacio des Domini Oley, der Guildenstern des Tobias Reinthaller. Marcello de Nardo nimmt trotz einer drastisch gekürzten Friedhofsszene als Totengräber das Publikum für sich ein.

Alles in allem: Ein stil- und taktvoller „Hamlet“ (auch mit sehr geglücktem Einsatz von Musik), der das „zu viel“ mehr scheut als das „zu wenig“, lieber auf Understatement setzt. Kein Wunder, dass sich dann auch tatsächlich weniger das Gefühl des „Falschen“ als des „Zu wenig“ einstellt. Die unglaubliche Wucht und Substanz dieses über 400 Jahre alten Textes, dieses Stücks der Exzesse, deutet sich eher nur an, und nichts überrollt einen. Andererseits: Wie sehr könnte ein „Hamlet“ in der Josefstadt daneben gehen, wenn Regisseure dieses allein schon mit seiner Interpretationsgeschichte überfordernden Stücks Originalität und das Besondere suchen würden. Regisseur Stephan Müller hat auf Bescheidenheit und Vorsicht gesetzt. Sein Nicht zu viel – es ist schon sehr viel.

Ophelia

Krieg ein „Seismograph“ für das Scheitern von Revolutionen und die Lähmung des Intellektuellen. Seine Deutung markiert einen radikalen Bruch in der Interpretationsgeschichte: Weg von der Psychologie, hin zur Geschichtsphilosophie.