Dr. Einat Wilf ist israelische Autorin, Politikwissenschaftlerin und ehemalige Knesset-Abgeordnete. Sie studierte in Harvard und Cambridge, war außenpolitische Beraterin von Shimon Peres und gründete nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 die Partei „Oz“. 2018 erschien ihr Buch (mit Adi Schwartz) „The War of Return“ (deutsche Ausgabe: „Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat“, Leipzig 2022).
Frau Wilf, mehr als 80 Jahre nach der Schoa ist Antisemitismus nicht verschwunden, sondern hat seine Form verändert. Wo verläuft heute die Grenze zwischen Antisemitismus und Antizionismus?
Seit vielen Jahren beobachte ich im Westen den Aufstieg des Antizionismus. Ich bezeichne ihn als „Plakatstrategie“. Sie funktioniert über einfache Gleichungen, oft reduziert auf Symbole wie den Davidstern. Diese stehen dann nicht mehr für die jüdische Selbstbestimmung in der historischen Heimat, sondern für Begriffe wie Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus oder Apartheid. Auf Anti-Israel-Demonstrationen ist das allgegenwärtig. Israel wird dabei nie als reale Nation dargestellt, sondern ausschließlich als moralisches Gegenbild – als das Böse schlechthin, bis hin zu Imperialismus, Rassismus, Kolonialismus, Nazismus, ethnischer Säuberung, Apartheid, Hungersnot oder Völkermord.
Das erinnert stark an sowjetische Propaganda aus dem Kalten Krieg.
Ein ehemaliger sowjetischer Geheimdienstmitarbeiter, spezialisiert auf Massenmanipulation, erklärte in einem TV-Interview kürzlich, dass diese Kampagnen immer nach demselben Muster ablaufen: einfache Botschaften, starke visuelle Elemente und permanente Wiederholung. Plakate, Schlagworte, Symbole. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, Wahrheit zu prüfen, sondern Wiederholungen zu verinnerlichen. Je häufiger wir etwas hören oder sehen, desto eher halten wir es für wahr – unabhängig von Fakten.
Ähnlich wie im Dritten Reich, wo Lügen so lange wiederholt wurden, bis man sie glaubte.
Genau. Alles, was mit Israel oder dem Judentum zu tun hat, wird heute reflexhaft mit dem Bösen verknüpft – in sozialen Medien, auf Demonstrationen, in Talkshows. Wenn jemand interviewt wird, wiederholt er diese Begriffe unabhängig von der eigentlichen Frage. Entscheidend für erfolgreiche Manipulation ist jedoch die offizielle Anerkennung dieser Lügen. Deshalb ist es so wichtig, sie von Institutionen bestätigt zu bekommen: von der UNO, vom Internationalen Strafgerichtshof, von renommierten Universitäten oder auch von antizionistischen Juden. Das lähmt das moralische Urteilsvermögen ganzer Gesellschaften.
Wie einst bei den „Protokollen der Weisen von Zion“?
Ja. Das Besondere an diesem Pamphlet war, dass es als seriöses Dokument wahrgenommen wurde. Genau diese Strategie der scheinbaren Seriosität wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt. Der offene, zaristische Antisemitismus war diskreditiert – also schuf man in der Sowjetunion den Antizionismus als respektablen Ersatz.
Welche Bilder dominierten nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober?
Man sah Plakate, die sich der Sprache des Umweltschutzes bedienten: „Haltet die Welt sauber“, daneben ein Davidstern oder die israelische Flagge im Müll. Über Jahrzehnte hinweg wurde Israel mit negativen Begriffen aufgeladen – nicht wegen irgendeiner realen Verbindung, sondern weil diese Begriffe als universelle Chiffren des Bösen gelten. Das ist eine völlige Umkehr der Realität: Der Zionismus ist ein anti-imperialistisches und de-koloniales Projekt schlechthin. Doch wer Israel als das Böse verinnerlicht, ist bereit für die gefährlichste aller Ideen: die Utopie einer „reinen Welt“, die erst durch die Beseitigung des vermeintlich Bösen – des jüdischen Kollektivs – möglich werde.
Welche Rolle spielt dabei die Erinnerung an die Schoa?

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SZ Photo | Friedrich Bungert
Der 27. Januar ist zu einem moralischen Ritual geworden, das kaum noch etwas mit Juden zu tun hat. Ich nenne ihn provokant den „Internationalen Tag des Gedenkens an böse Menschen, die anderen Menschen Schlimmes angetan haben“. Er lehrt abstrakte Moral, aber verdrängt den Kern: dass Juden als Hindernis auf dem Weg zur Utopie gesehen wurden. Diese Vorstellung wurde vergessen – und genau dadurch konnte Antizionismus den klassischen Antisemitismus ersetzen.
Israel erklärte nach dem 7. Oktober der Hamas den Krieg, nicht aber dem palästinensischen Volk. Wieso halten Sie das für einen Fehler?
Israel hätte den Krieg gegen eine Ideologie führen müssen, die ich Palästinianismus nenne. Diese Ideologie vereint nicht nur die Hamas, sondern große Teile der arabischen Welt. Der ehemalige britische Außenminister Ernst Bevin brachte sie einst präzise auf den Punkt: „Die Juden wollen einen Staat, und die Araber wollen nicht, dass die Juden einen haben.“ Palästinianismus ist eine Weltanschauung der Negation – sie zielt nicht auf den Aufbau eines eigenen Staates, sondern auf die Zerstörung jüdischer Souveränität.
Warum sprechen Sie bewusst von Palästinianismus und nicht von nationaler Identität?
Weil es sich weniger um eine Nation als um eine Ideologie handelt. Hätte es sich um eine klassische nationale Bewegung gehandelt, hätte sie längst einen Staat akzeptiert. Doch trotz zahlreicher Angebote wurden alle abgelehnt. Deshalb suchte ich nach historischen Parallelen in den letzten 200 Jahren – und fand keine einzige vergleichbare Bewegung.
Auch nicht nach dem Zerfall großer Imperien?
Nein. Es gibt kein Beispiel für ein Volk, das wiederholt reale Chancen auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit erhält und jede einzelne ablehnt – ohne ernsthafte interne Debatte darüber.
Worin liegt der Grund?
Weil ihr destruktives Ziel nicht Eigenstaatlichkeit ist, sondern die Gewissheit, dass die Juden nichts haben. In diesem Sinne ist der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg treffend: Die Alliierten führten Krieg gegen Deutschland und Japan. Ihr Botschaft war klar: Beide durften einen unabhängigen Staat behalten, aber ohne ihre fanatische Ideologie. Ich vergleiche die Kriegserklärung an die Hamas damit, als würde US-Präsident Roosevelt 1941 nur den japanischen Piloten den Krieg erklären.
Wie 2006, als man von einem Krieg Israels gegen die Hisbollah sprach, nicht aber gegen den Libanon?
Exakt. Arabische Akteure spielen selektiv mit dem Begriff der Souveränität. Sie beanspruchen ihn, wenn er nützt, und verweigern Verantwortung, wenn er unbequem wird. Palästina wird als Staat instrumentalisiert, um Israel international anzugreifen – nicht, um Verantwortung zu übernehmen.
Dennoch beanspruchen Araber das gesamte Land als Palästina.
Aber sie waren nie an einem Staat interessiert, der jüdische Souveränität anerkennt. Wann immer diese Anerkennung Voraussetzung war, entschieden sie sich für Krieg.
Hat Sie die weltweite Reaktion nach dem 7. Oktober überrascht?
Nein. Der Begriff „Genozid“ wird im Zusammenhang mit Gaza seit über 15 Jahren benutzt. Der US-Schriftsteller Hussein Aboubakr Mansour bezeichnete die Anti-Israel Demonstrationen als „symbolische Beteiligung am Pogrom“.
Was meinte er damit?
Noch während die Täter in Israel waren und es keine militärische Reaktion gab, kam es weltweit zu Anti-Israel-Demonstrationen. Für viele war das Massaker die Erfüllung einer lange gehegten Utopie. Jahrzehntelang durch Universitäten und Institutionen ideologisch vorbereitet – was ich „metaphorische Tunnel“ nenne –, feierten sie nun offen die Vorstellung einer Welt ohne jüdisches Kollektiv.
Das erinnert an den römischen Kaiser Hadrian und seine Umbenennung Judäas in „Syria Palaestina“ im Jahre 135 n.Chr. nach dem jüdischen Bar-Kochba-Aufstand …
Ja, und es ist immer noch wirkungsvoll. Der Name Palästina wurde genutzt, um jüdische Souveränität und Verbindung zur Heimat auszulöschen – damals wie heute. Die Juden taten bei der Wiedergeburt ihrer Nation 1948, was jedes selbstachtende Volk tut: Sie legten den kolonialen Namen ab und entschieden sich, ihr Land wieder Israel zu nennen.
Israel wurde am 7. Oktober zum Opfer und verlor dennoch sehr schnell die internationale moralische Deutungshoheit. Wie sähe eine klügere israelische Strategie gegen diese Kultur des Hasses und der Verfälschung aus?
Nicht wenige Stimmen in Israel sprechen inzwischen vom jüdischen Staat als einer Art neuem „Super-Sparta“, das sich weiterhin der zerstörerischen Ideologie des Palästinianismus entgegenstellen wird. Doch es reicht nicht, lediglich auf Verleumdungen wie „Völkermord“ oder „Apartheid“ zu reagieren. Diese Strategie der permanenten Wiederholung – Israel als das Böse zu markieren und dies mit selektiven Daten oder Literatur zu unterfüttern – verfolgt vor allem ein Ziel: Juden dauerhaft in Rechtfertigungsdebatten zu binden. Dadurch wird zwar ein Teil des Mechanismus sichtbar, etwa der Antizionismus, doch der Kern liegt tiefer. Es geht um eine grundlegende Vorstellung vom Paradies ohne den kollektiven Juden. Wir müssen verstehen, dass hier das eigentliche Schlachtfeld ist. Nur etwa 30 Prozent dieses Krieges wurden im Gazastreifen ausgetragen. Die übrigen 70 Prozent waren ein globaler Krieg der Massenmanipulation, der sich dieses schmalen Küstenstreifens bediente und die Menschen dort zu seinem ultimativen Opfer machte.
Narrative Kriegsführung. Doch hat man als Mensch nicht auch eine Wahl?
Die Welt steht heute vor einer Wahl zwischen Verantwortung, Unterwerfung und Schuldzuweisung. Der französische Anthropologe René Girard beschreibt, dass Gesellschaften in Krisenzeiten stets zwei Fragen stellen: Was ist zu tun? Und wem geben wir die Schuld? Schuldzuweisungen können durchaus eine Funktion haben. Die Suche nach Sündenböcken stiftet kurzfristig Solidarität. Doch wenn eine Gesellschaft in diesem Zustand verharrt und sich nicht mehr mit der Frage des richtigen Handelns auseinandersetzt, gerät sie in eine Abwärtsspirale und zerbricht letztlich. Genau deshalb zerstören sich Gesellschaften selbst, die Juden dauerhaft für all ihre Probleme verantwortlich machen. Sie stellen sich nie der Frage, wie sie sich selbst helfen können. Der Zionismus hingegen vermittelte – auch in den 1930er Jahren, als er von großen Teilen der internationalen Gemeinschaft unterstützt wurde – eine andere Botschaft: Verantwortung übernehmen und sich behaupten. Das sind unsere wichtigsten Verbündeten. Israels Feinde sind häufig Menschen, die sich dem ewigen Unheil verschrieben haben.
Während das iranische Regime die eigene Bevölkerung brutal unterdrückt und tötet, schweigt ein Großteil der sogenannten „freien Welt“. Was sagt uns diese selektive moralische Empörung?
Sie zeigt, dass es diese moralische Empörung in Wahrheit nie gegeben hat. Es ging nie um Realität oder um Fakten. Es ging um Erzählungen – und um Bilder. Man hätte sich fragen müssen: Warum sehen wir immer dieselben Bilder? Warum werden wir unablässig mit Geschichten über die Kinder von Gaza konfrontiert, oft aus dem Kontext gerissen? Warum weigerte sich die Hamas, die Geiseln freizulassen? Und warum ging der Krieg dennoch weiter? Wer trägt dafür die Verantwortung? Diese Fragen wurden bewusst vermieden.
Weil man Israel die Schuld für alles Unheil dieser Welt geben will? Krieg ist grausam – doch führte Israel nicht einen möglichst präzisen Waffengang, um zivile Opfer zu vermeiden?
Die Menschen in Gaza leben in einer der landschaftlich schönsten Regionen der Erde, mit fruchtbarem Boden, Stränden und Buchten – mit allen objektiven Voraussetzungen, um ein wirtschaftlich prosperierendes Zentrum zu werden. Sie erhielten Milliarden an Geldern aus aller Welt. Stattdessen wurde Gaza zu einer der am stärksten bewaffneten Regionen der Menschheitsgeschichte umgebaut, mit tausenden Kilometern Tunneln auf engstem Raum. Verantwortlich dafür ist neben dem Iran und Katar eine islamistische Diktatur, deren militärische Doktrin gezielt darauf abzielt, die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten aufzuheben – etwa durch Waffenlager und Kommandozentren in Moscheen, Schulen und Kindergärten.
Die Hamas führte Krieg, während man Zivilisten andernorts die Flucht ermöglicht hätte. Hätten unschuldige Bürger aus Gaza nicht zeitweise in Ägypten Asyl finden können?
Als vorgeschlagen wurde, die Zivilbevölkerung könne Gaza verlassen, wurde dies als „ethnische Säuberung“ bezeichnet. Blieben die Menschen, sprach man von „Völkermord“. Der Welt ging es nie wirklich um die Kinder von Gaza, sondern um die immer gleiche Vorstellung vom bösen Juden. Der Iran ist für viele dieser Akteure nicht annähernd so interessant. Sollte das Ayatollah-Regime eines Tages stürzen, hätten die Juden gewonnen. Für zahlreiche linksliberale Kräfte im Westen ist das eine schreckliche Vorstellung, weil sie den Islam fälschlich als antiimperialistische Gegenkultur gegen das vermeintlich böse amerikanische Imperium idealisieren.
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. In Ihrem Buch „Der Kampf um Rückkehr“ schreiben Sie, dass der Waffengang von 1948 nie wirklich beendet wurde. Scheitert daran immer wieder der Frieden?
Aus der Distanz wirkt der Konflikt wie ein endloser Kreislauf der Gewalt. Doch dahinter steckt eine klare Logik. Jedes Mal, wenn arabische Akteure Krieg führten, ging es um die Auslöschung jüdischer Souveränität – doch sie scheitern wiederholt. Anstatt diese Realität zu akzeptieren, so wie es andere Länder in der Geschichte getan haben – etwa Deutschland oder Japan –, wurde nie ein Schlussstrich gezogen. Man hätte ein gutes Leben aufbauen können, anstatt ewig im Opferstatus zu verharren. Doch viele arabische Akteure glauben weiterhin, sie hätten nicht verloren. Ihr Sieg verzögere sich lediglich, und sie würden es erneut versuchen.
Auch die Niederlage gegen zahlenmäßig unterlegene Juden wird nicht akzeptiert?
Das ist der schwierige und zugleich beschämende Teil. In ihrer eigenen Wahrnehmung ist es genau umgekehrt. Wenn man ihnen zuhört, fühlen sie sich ihrem Ziel näher denn je. Sie glauben, dass vor allem aufgrund der breiten Unterstützung im Westen die ganze Welt hinter ihnen stehe. Zeit wird dabei anders verstanden: Man ist überzeugt – wie bei ihren Kämpfen gegen die christlichen Kreuzritter vor 1000 Jahren –, Israel lediglich aussitzen zu müssen.
Was sollte Israel Ihrer Meinung nach tun?
Israel muss stärker mit zukunftsorientierten arabischen Akteuren zusammenarbeiten, etwa mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, um Raum für die Idee zu schaffen, dass man als Muslim oder Christ auch Zionist sein kann – also das jüdische Recht auf Selbstbestimmung anerkennt. Das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und nicht im ewigen Opferstatus zu verharren. Statt Energie darauf zu verschwenden, Israel zu zerstören, sollte man von ihm profitieren – und vielleicht einen ähnlichen Weg einschlagen. Darüber hinaus muss der jüdische Staat auch die Zusammenarbeit mit nicht-arabischen Minderheiten im Nahen Osten vertiefen: mit Kurden, Christen, Alawiten oder Jesiden, um ein stärkeres Bewusstsein gegen homogenisierende Ideologien zu fördern.
Könnte dies auch die Idee einer Zweistaatenlösung wiederbeleben?
Dies war immer ein jüdischer oder westlicher Diskurs, nie ein genuin arabischer. Araber lehnten die Zweistaatenlösung stets ab, sobald ein Staat für die Juden vorgesehen war. Nicht wenige bevorzugen heute sogar mehrere unabhängige palästinensische Entitäten – etwa in Gaza, Hebron oder Bethlehem. Ich bin für viele Lösungen offen, sobald die Ideologie des Palästinianismus keine Rolle mehr spielt.
Sie beschreiben die palästinensische Flüchtlingsfrage als ideologisch einzigartig. Was unterscheidet sie von anderen Flüchtlingssituationen?
Im 20. Jahrhundert zerfielen Imperien, Nationalstaaten entstanden, Grenzen wurden neu gezogen. Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen – ein oft extrem blutiger Prozess, begleitet von Weltkriegen und regionalen Konflikten. Die Botschaft an diese Flüchtlinge lautete fast immer, sich in den Aufnahmeländern ein neues Leben aufzubauen. Viele flohen in Regionen, die ihnen ethnisch, religiös oder sprachlich nahestanden. In der palästinensischen Flüchtlingsfrage jedoch wurde ein anderer Weg eingeschlagen.
Auch Deutschland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen Flüchtlinge.
Hier gibt es deutliche Parallelen. Deutschland verlor Gebiete – etwa Ostpreußen mit Königsberg – und wird sie nie zurückerhalten. Auch die arabischen Staaten führten einen unnötigen Krieg, verloren ihn und hätten dies akzeptieren müssen. Es bräuchte heute einen arabischen Führer, der sagt: Unser Küstenstreifen lag in Trümmern, doch so zerstörerisch der Krieg war, er hat uns letztlich von der islamistischen Diktatur befreit. Er hätte den Weg zu einem entmilitarisierten, wirtschaftlich starken Gaza eröffnen können. Nach so vielen verpassten Chancen bauen wir nun für uns selbst auf, anstatt das zu zerstören, was die Juden geschaffen haben. Das Einzigartige an dieser Flüchtlingsfrage ist, dass viele bewusst in einem Schwebezustand verharren und davon träumen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
Welche Rolle spielt UNRWA bei der Aufrechterhaltung dieses Konflikts?
UNRWA hält die Menschen in dem Glauben, dass sie eines Tages siegreich sein werden. Ihr zentrales Narrativ lautet, dass sie nicht verloren haben und dass es eines Tages keinen jüdischen Staat mehr geben wird. Diese Präsenz ermöglicht es, sich der Niederlage zu entziehen – und schürt so einen andauernden Krieg, anstatt einen Neuanfang zu ermöglichen.
Warum wird die Idee eines jüdischen Nationalstaats bis heute grundsätzlich infrage gestellt?
Der Zionismus beruht auf einer sehr einfachen Idee. Er ist eine de-koloniale und zugleich indigene Bewegung. „Indigen“ bedeutet dabei nicht nur Herkunft, sondern die vollständige Verbindung von Kultur, Religion, Sprache, Kalender und Ritualen mit einem konkreten Land. Juden galten in fast allen Regionen, in denen sie lebten, als Fremde oder Eindringlinge. Nach dem Ende der Imperien setzte sich das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung durch. Als im frühen 20. Jahrhundert über Ukrainer, Polen, Tschechen oder Juden gesprochen wurde, stand außer Frage, dass auch letztere ein Volk sind – und dass Israel das einzige Land war, mit dem sie historisch, kulturell und religiös verbunden waren. Diese Präsenz ist über mehr als 4000 Jahre dokumentiert. Wenn heute leidenschaftlicher Antizionismus betrieben wird, während Nationalstaaten für Armenier, Slowaken oder Tschechen selbstverständlich akzeptiert werden, dann liegt das Problem nicht im Nationalstaat, sondern darin, dass es sich um einen jüdischen Staat handelt.
Sie schreiben, dass der Frieden nicht nur an Fehlern, sondern an Illusionen scheiterte. Warum waren Friedensprozesse wie Oslo zum Scheitern verurteilt?
Letztlich war es den palästinensischen Akteuren auch in den 1990er-Jahren wichtiger, dass es keinen jüdischen Staat mehr gibt, als selbst einen aufzubauen. Oslo war ein Übergangsabkommen, verpflichtete jedoch nicht dazu, die Ideologie der Zerstörung Israels aufzugeben. Auch während der weitreichenden Angebote des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak wusste Jassir Arafat, dass er kein Kollektiv hinter sich hatte, das ein solches Abkommen mittragen würde. Er repräsentierte kein Volk, das primär nach Souveränität und Unabhängigkeit strebte, sondern ein Kollektiv, dessen oberste Priorität weiterhin der Widerstand gegen die Existenz eines jüdischen Staates war.
Hat die aktuelle israelische Rechtsregierung unter Benjamin Netanjahu den Friedensprozess eingefroren – oder schlicht ignoriert?
Leider betreibt auch diese Regierung eine Form der Heuchelei. Der Premierminister rühmt sich regelmäßig damit, einen palästinensischen Staat verhindert zu haben. Doch genau dies entspricht dem eigentlichen Erfolg der palästinensischen Nationalbewegung, denn sie wollte nie neben einem jüdischen Staat existieren. Netanjahus Darstellung suggeriert jedoch, als liege alles ausschließlich in israelischer Hand. Das ist ein falscher Diskurs. Er verdeckt das eigentliche Problem: die Ideologie des Palästinianismus. Indem dieses Kernproblem nicht benannt wird, verhindert man sowohl in Israel als auch international eine ernsthafte Unterstützung für eine reale Lösung.
Zeigte die sogenannte „Katargat“-Affäre bloße Korruption – oder etwas Tieferes, nämlich strategische Trägheit im Umgang mit feindlichen Akteuren?
Ich bin mir nicht sicher, ob es sich lediglich um Trägheit handelte oder um eine gezielte ausländische Einflussnahme. Klar ist jedoch, dass Israels Politik gegenüber Katar ein fundamentales Desaster war.
Inwiefern?
Nach dem 7. Oktober versäumte es Israel, Katar – den finanziellen Unterstützer der Hamas – klar als feindlichen Akteur zu benennen. Stattdessen akzeptierte man es als Vermittler bei den Geiselverhandlungen. In Wirklichkeit nutzte der Golfstaat diese Rolle, um die Macht der Hamas im Gazastreifen abzusichern. Zudem hätte Israel deutlich machen müssen, dass al-Jazeera kein unabhängiges Medienunternehmen ist, sondern einer der raffiniertesten Propagandaapparate gegen das jüdische Volk seit der Zeit Goebbels’oder der sowjetischen Desinformation.
Nach dem 7. Oktober ist weiterhin dieselbe politische Führung an der Macht. Was sagt das über die israelische Demokratie aus – Widerstandskraft, Lähmung oder Angst vor Instabilität?
Israel befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen zwei gegensätzlichen Impulsen. Auf der einen Seite gibt es ein starkes Bewusstsein dafür, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss. Ein großer Teil der israelischen Gesellschaft will kein „Weiter so“ mehr. Gleichzeitig existiert ein zutiefst menschlicher Wunsch, zur Normalität zurückzukehren und so zu tun, als wäre nichts geschehen – als ließe sich das Erlebte verdrängen.
Ist die von Ihnen gegründete Oz-Partei eine Antwort auf diese politische und moralische Stagnation?
Das ist unser Anspruch. Oz versucht, politische Ideen zu formulieren, die über traditionelle Lagergrenzen hinausgehen und ein neues politisches Zuhause schaffen. Besonders sprechen wir jene 20 bis 30 Prozent der Wähler an, die unentschlossen sind. Diese Gruppe wäre heute rechnerisch die stärkste politische Kraft – und genau sie wollen wir erreichen.
Sehen Sie sich politisch eher links oder rechts?
Weder noch. Wir schaffen bewusst einen neuen politischen Raum, in dem Menschen zusammenkommen können, ohne ihre Positionen vermischen zu müssen. Ein zentrales Problem klassischer zentristischer Parteien ist ihre inhaltliche Leere. Unsere zentrale Annahme – dass das Ende des Palästinianismus und ein arabisches Verständnis für den Zionismus Voraussetzung für Frieden sind – ist weder links noch rechts noch Mitte. Es ist ein neuer Ansatz.
Wollte Yair Lapid mit „Jesch Atid“ nicht genau diesen Raum eröffnen?
Und dennoch ist es dieser Partei nicht gelungen, nachhaltig Vertrauen zu schaffen. Viele Menschen empfinden sie nicht als politische Heimat. Zudem hat sie sich zunehmend auf die Person Netanjahu fixiert. Wir hingegen verstehen uns als Partei des „Was“, nicht des „Wer“. Wir wenden uns an Israelis, die es leid sind, dass Politik, Medien und sogar Denken auf eine einzelne Person reduziert werden.
„Oz“ bedeutet Stärke – aber auch moralische Klarheit. Wie übersetzt sich das in konkrete Politik, insbesondere gegenüber Gaza?
Im Buch der Psalmen heißt es, dass Gott seinem Volk Kraft gibt und es mit Frieden segnet. Beides gehört untrennbar zusammen. Israel kontrolliert derzeit große Teile des Gazastreifens. Dies muss die letzte militärische Operation dort sein. Seit zwanzig Jahren wiederholt sich derselbe Zyklus: Angriffe, Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau – und jedes Mal wird Gaza gefährlicher als zuvor. Dieser Kreislauf muss enden. Gaza muss kapitulieren, ähnlich wie Japan oder Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Niederlage muss akzeptiert werden – nicht als Demütigung, sondern als Befreiung. Gaza ist die endgültige Heimat seiner Bewohner. Das Flüchtlingsproblem oder das Rückkehrrecht sind Vergangenheit. UNRWA hätte damit keine Funktion mehr. Israel darf sich erst dann zurückziehen, wenn die Hamas nicht nur entwaffnet, sondern auch ideologisch entmachtet ist. Erst danach kann Wiederaufbau beginnen.
Wenn Oz nur eine Sache in der israelischen politischen Kultur verändern könnte – welche wäre das?
Einer unserer Leitsätze lautet: von exzellentem Denken zu souveränem Handeln. Im Exil mussten Juden kurzfristig denken, weil alles jederzeit verloren gehen konnte. Heute haben wir einen Staat. Nun müssen wir lernen, langfristig zu planen – wie ein souveränes Volk.
Ist das Ihre Kernthese: „Frieden, aber nicht jetzt“?
Ja. Israel hat vom Slogan „Frieden jetzt“ nie profitiert. Stattdessen müssen wir methodisch, sorgfältig und geduldig alles abbauen, was Frieden unmöglich macht. Es geht nicht um schnelle Lösungen oder politische Ausflüchte, sondern um die Arbeit am Kernproblem – unabhängig davon, wie lange dieser Prozess dauert.
Wo sehen Sie trotz allem eine realistische Hoffnung für Israels Zukunft?
Zuallererst bei seinen Bürgern. Das menschliche Potenzial in Israel ist außergewöhnlich. Nach dem 7. Oktober gab es zeitweise weder eine funktionierende Regierung noch handlungsfähigen Staat – aber es gab Bürger, die sich organisierten, kämpften und Leben retteten. Diese Mobilisierung, diese Solidarität und dieses Zusammenstehen sind einzigartig. Wenn Israel vereint ist und in Höchstform handelt, gibt es nichts Vergleichbares. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Das Gespräch führte Tal Leder.