Ukrainische Soldaten bei der NATO-Übung «Hedgehog 2025».Bild: Estnische Streitkräfte
Analyse
Ukrainische Drohnen-Spezialisten haben ihre Fähigkeiten in einer grossangelegten NATO-Militärübung demonstriert – und Schwächen der westlichen Verbündeten schonungslos aufgedeckt.
16.02.2026, 18:0516.02.2026, 18:05
«Die NATO hat die Zukunft gesehen und ist nicht darauf vorbereitet»
Beunruhigende Schlagzeile
des «Wall Street Journal»
«Zehn Ukrainer besiegen zwei NATO-Bataillone: ‹Wir sind am Arsch›»
So alarmierend (und nicht ganz präzise) titelte das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus»
Ein Bericht des «Wall Street Journal» von vergangener Woche enthüllte alarmierende Erkenntnisse zu einer grossangelegten NATO-Übung. Demnach hat das transatlantische Verteidigungsbündnis theoretisch die richtigen Lehren aus dem Ukraine-Krieg gezogen. Doch bei der Vorbereitung auf den Ernstfall klemmt es.
Es gibt aber auch gute Nachrichten.
Woher wissen wir das?
Die jüngsten alarmierenden Schlagzeilen entstammen einem Bericht des «Wall Street Journal» (WSJ) von vergangener Woche. Darin beschreibt die britische Journalistin Jillian Kay Melchior die Ergebnisse der NATO-Grossübung «Hedgehog 2025», die im Mai in Estland stattfand. Die detaillierte Analyse gelangte erst jetzt durch journalistische Recherchen an die Öffentlichkeit.
An der Übung nahmen über 16’000 Soldaten aus zwölf NATO-Staaten teil, die gemeinsam mit ukrainischen Drohnenpiloten trainierten, darunter auch vorübergehend von der Front abgeordnetes Militärpersonal. Sie simulierten ein umkämpftes und dicht besiedeltes Schlachtfeld mit verschiedenen Drohnentypen.
Die NATO-Übungen zeigten gemäss Militärexperten auch, wie die Ukraine zur gesamteuropäischen Sicherheit beitragen kann.
Was passierte während der NATO-Übung?
Während der militärischen Grossübung fungierte eine kleine Gruppe von etwa zehn ukrainischen Drohnen-Spezialisten als Teil der simulierten gegnerischen Truppen, wie das «Wall Street Journal» berichtete.
In einem Szenario sei es diesem Team mit Mini-Drohnen gelungen, innerhalb eines halben Tages:
Im Zusammenspiel habe eine grössere estnisch-ukrainische Kampfeinheit, gebildet aus rund 100 Personen, zwei komplette NATO-Bataillone kampfunfähig gemacht. Und dies in nur einem einzigen Tag. Die Bataillone bestanden gemäss Bericht aus mehreren tausend Soldaten, unter anderem aus Grossbritannien und Estland.
Die Ukrainer waren als Gäste und Experten für den modernen Drohnenkampf eingeladen. Anzumerken ist, dass sie auf handelsübliche Quadrokopter setzen, die für militärische Zwecke angepasst worden waren.
Der verteidigenden NATO-Seite ist es laut WSJ nicht gelungen, die gegnerischen Drohnen-Teams auszuschalten. Für sie seien die Resultate «schrecklich» gewesen.
Mehrere Quellen haben dem WSJ von einem Kommandanten berichtet, der die Übung beobachtete und zu dem Schluss gekommen sei: «We are fucked», was – freundlich übersetzt – «Wir sind am Arsch» heisst.
Der Bericht schlug weit über die NATO-Kreise hinaus hohe Wellen, da er die mangelnde Vorbereitung klassischer Militärverbände in einem modernen Drohnenkrieg schonungslos offenlegte.
Doch es gilt zu differenzieren.
Wie war das möglich?
Die journalistische Analyse, die auch auf Experten-Interviews beruht, nennt drei Hauptgründe:
Die Benutzeroberfläche des «DELTA»-Kampfsystems auf einem Feld-Laptop.Bild: Verteidigungsministerium der Ukraine
«DELTA sammelt und analysiert Daten aus verschiedenen Quellen, damit jeder Soldat ein genaues Bild der Lage hat und schneller und koordinierter handeln kann.»
Jurij Myronenko, stellvertretender Verteidigungsminister der Ukraine
Wie reagiert die NATO?
Die NATO wollte sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht zu Details des Übungsverlaufs äussern. Eine Sprecherin wies darauf hin, dass Übungsszenarien gezielt so angelegt werden können, dass die gegnerische Seite im Vorteil sei. «Wir üben, um zu trainieren und zu lernen, damit wir auf Herausforderungen in der realen Welt vorbereitet sind», sagte die Mediensprecherin. Beim Thema Drohnen teile die Ukraine ihre umfangreichen Erfahrungen mit ihren Partnern in der NATO.
Wie wir aus der internationalen Berichterstattung wissen, hat das Verteidigungsbündnis zwar seine Strategie auf dem Papier radikal modernisiert. Doch die Umsetzung hinkt der technischen Entwicklung hinterher.
Der WSJ-Artikel trifft genau diesen wunden Punkt: Die Bereitschaft der Kampftruppen, die bei einem russischen Angriff auf NATO-Territorium zum Einsatz kämen, ist wohl bis zum aktuellen Zeitpunkt ungenügend. Es mangelt an Hardware, an geschultem Personal und an den erforderlichen Regeln für autonome Drohnen.
Angelehnt an die ukrainischen Kampferfahrungen versuchen die NATO-Verantwortlichen auch, die Produktion von Drohnen weg von Rüstungskonzernen hin zu kleinen, dezentralen Einheiten zu verlagern. Einzelne Länder wie Polen und die baltischen Staaten seien bereits daran, solche «schlanken» Konzepte umzusetzen.
Was lernen wir daraus?
Auch die Schweiz steht vor der gewaltigen Herausforderung, ihre bewaffnete Neutralität technisch an das Niveau moderner Drohnenkriege anzupassen. Bereits im Rüstungsprogramm 2025/2026 wurde das Budget für Drohnentechnologie deutlich erhöht. Und entsprechende Beschaffungsprozesse werden beschleunigt.
Ein wichtiger Unterschied zur länderübergreifenden NATO-Bürokratie ist der Versuch hierzulande, Start-ups und die ETH Zürich direkt einzubinden, wobei das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) koordiniert.
Bekanntlich ist die Schweiz weltweit führend in der Entwicklung schlauer Drohnen-Algorithmen. Nun laufen Bestrebungen, diese zivile Spitzenforschung auch für die militärische Drohnenabwehr zu nutzen.
In Armasuisse-Mitteilungen hiess es, dass die Schweiz bei der Software für Drohnenabwehr unabhängig bleiben müsse, um «digitale Souveränität» zu gewährleisten.
Zudem verfolgt der Bund auch Pläne, eine nationale Fertigungskette für einfache FPV-Drohnen aufzubauen, um im Krisenfall nicht von globalen Lieferketten abhängig zu sein. Dieses Vorhaben wird durch die 2024 lancierte Taskforce Drohnen (TFD) vorangetrieben. Allerdings ist das Ganze an eine politische Debatte über das Kriegsmaterialgesetz geknüpft. Gemäss Rüstungschef Urs Loher lohnt sich eine eigene Produktion nur, wenn die Exportregeln für Schweizer Drohnen gelockert werden.
Da die Schweiz nicht in der NATO ist, hat sie keinen Zugriff auf deren Drohnen-Frühwarnnetzwerk. Im aktuellen Rüstungsprogramm wurde bereits hervorgehoben, dass sich die Vorwarnzeiten bei KI-gesteuerten Drohnenschwärmen wegen ihrer kleinen Radarsignatur und der hohen Geschwindigkeit drastisch verkürzen.
Sind Drohnen das Wichtigste im Kriegsfall?
Nein.
Anzumerken ist, dass ein NATO-Krieg gegen den Aggressor Russland gemäss Experten fundamental anders verlaufen würde als der ukrainische Abwehrkrieg.
Das westliche Verteidigungsbündnis würde «mit umfassender Luftüberlegenheit, weitreichender Präzisionsmunition, satellitengestützter Aufklärung und integrierten Luftverteidigungssystemen kämpfen».
Quellen
