Erste unabhängige Studie

Israel tötete mehr Menschen in Gaza als bisher angenommen

Aktualisiert am 21.02.2026 – 09:54 UhrLesedauer: 3 Min.

Eine Familie beim Fastenbrechen in den Ruinen des Gazastreifens: Laut einer neuen Studie sind die veröffentlichten Todeszahlen seit dem 7. Oktober deutlich zu niedrig angesetzt.Vergrößern des Bildes

Eine Familie beim Fastenbrechen in den Ruinen des Gazastreifens: Laut einer neuen Studie sind die veröffentlichten Todeszahlen seit dem 7. Oktober deutlich zu niedrig angesetzt. (Quelle: IMAGO/Hassan Jedi)

Es ist die erste unabhängige Studie zu den Todeszahlen während Israels Krieg in Gaza. Sie zeigt: Die Schätzungen waren bisher deutlich zu niedrig angesetzt.

Eine neue Studie im Fachjournal “The Lancet” kommt zu dem Ergebnis, dass im Gazastreifen in den ersten 15 Monaten des Krieges deutlich mehr Menschen gewaltsam getötet wurden als bislang offiziell angegeben. Die Forschenden von der Royal Holloway University in London schätzen die Zahl der durch Gewalt umgekommenen Todesopfer bis Anfang Januar 2025 auf rund 75.200 – etwa ein Drittel mehr als die damaligen Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza.

Nach Berechnungen des Forschungsteams wurden zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 5. Januar 2025 rund 75.200 Menschen im Gazastreifen durch Luftschläge oder israelische Soldaten getötet. Das entspricht etwa 3,4 Prozent der Vorkriegsbevölkerung von rund 2,2 Millionen Menschen. Zusätzlich schätzt die Studie etwa 8.540 sogenannte indirekte Todesfälle. Dabei handelt es sich um Menschen, die nicht unmittelbar durch Kampfhandlungen starben, sondern infolge von Krankheit, mangelnder medizinischer Versorgung oder dem Zusammenbruch grundlegender Infrastruktur.

Insgesamt kommen die Forschenden also auf eine Zahl von mindestens 83.740 Menschen, die in Verbindung mit Israels Krieg im Gazastreifen getötet wurden. Eine Unterteilung in Hamas-Kämpfer und Zivilisten nimmt die Studie dabei nicht vor, diese sei mit der angewendeten Methodik nicht möglich.

Die Untersuchung stützt sich nicht auf individuelle Sterberegister des von der Terrororganisation Hamas geführten Gesundheitsministeriums im Palästinensergebiet, sondern auf eine bevölkerungsbezogene Erhebung. Zwischen dem 30. Dezember 2024 und dem 5. Januar 2025 befragten die Forschenden 2.000 Haushalte im Gazastreifen. Erfasst wurden insgesamt 9.729 Personen, die am 6. Oktober 2023 in einem Haushalt in Gaza lebten, sowie Kinder, die nach Kriegsbeginn geboren wurden.

Für jede Person wurde abgefragt, ob sie noch lebt, verstorben, vermisst, inhaftiert oder ausgewandert ist. Bei Verstorbenen wurde zusätzlich zwischen gewaltsamer und nicht-gewaltsamer Todesursache unterschieden.

Da Teile des Gazastreifens zum Zeitpunkt der Erhebung von der israelischen Armee abgeriegelt waren – darunter Nordgaza, Gaza-Stadt und Rafah – befragten die Forschenden Haushalte, die aus diesen Gebieten geflohen waren und nun in anderen Regionen lebten. So sollten auch Erfahrungen aus besonders betroffenen Gebieten einbezogen werden.

Die Ergebnisse der “Lancet”-Studie zeigen eine deutliche Diskrepanz zu den Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza, das für denselben Zeitraum rund 49.000 gewaltsame Todesfälle gemeldet hatte. Somit liegen die Ergebnisse der Forschenden mehr als ein Drittel über dieser Zahl.