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Bei einem Manöver in Estland zeigten zehn Ukrainer der NATO die Grenzen auf. Ein Kommandeur erklärt die Gründe. Eine Analyse.
Berlin – Manchmal sollen Militärmanöver Zeichen nach außen setzen. Etwa, wenn europäische NATO-Staaten in Grönland „erkunden“ – oder wenn, wie zuletzt, die Schnellverlegung von Einheiten an die Ostseeküste geprobt wird. Das erst mit großer Verspätung bekannt gewordene Ergebnis der NATO-Übung „Hedgehog 2025“ dürfte aber weder Wladimir Putin noch Donald Trump abschrecken. Im Gegenteil: In Estland dominierte ein knappes Dutzend ukrainischer Drohnenpiloten eine komplette NATO-Kampftruppe aus mehreren tausend Soldaten. So berichtete es das Wall Street Journal.

Ein ukrainischer Pilot startet eine Drohne – die NATO hat Probleme, Boris Pistorius (li.) arbeitet mit dem ukrainischen Amtskollegen Rustem Umjerow an einer Teil-Lösung. (Archivbilder) © Michael Kappeler/Ukrinform/picture alliance/dpa/dpa-Pool
Ein Warnsignal. Immerhin in freundlichem Umfeld. Denn die Verbündeten simulierten die Zerstörung von angeblich 17 gepanzerten NATO-Fahrzeugen nur. Klar scheint aber: Die Lehren aus vier Jahren vollumfänglichem Ukraine-Krieg sind bei der Allianz noch nicht angekommen – insbesondere die der Drohnenkriegsführung. Wie kann das sein? Igor Raikov, Leutnant der ukrainischen Nationalgarde, ist nicht überrascht. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media verweist er auf ein grundlegendes, aber theoretisch behebbares Problem.
NATO-Fehlschlag bei Übung: „Wir sind am A***“ – Ukraine-Leutnant sieht klare Lehre
Raikov ist Chef der „unbemannten Systeme“ bei der 13. Khartia-Brigade – Drohnen-Kampf und -Abwehr sind also sein täglich Brot. „Khartia“ ist eine besondere Einheit: Gegründet im Jahr 2022 von Freiwilligen und 2023 der Nationalgarde angegliedert. Auch Raikov ist kein akademisch ausgebildeter Militär, sondern war vor seinem Einsatz in der Immobilienbranche tätig. Seine Einschätzung zum Problem der NATO-Truppen ist praktischer Natur.
„Man kann den modernen Krieg nicht im Trainingscamp lernen“, sagt Raikov unserer Redaktion am Rande der Ukraine-Konferenz „Cafe Kyiv“ in Berlin. „Man sollte ihn an der Frontlinie lernen.“ Der Leutnant sieht konkrete Wissenslücken. Wer nicht vor Ort gewesen sei, wisse etwa nicht, „wie man eine Drohne kontrolliert, in einem Umfeld mit vielen Störsendern“. Die Lösung sei insofern einfach: „Es geht um eine politische Entscheidung: Schickt Soldaten, die Drohnenpiloten werden könnten, in die Nähe unserer Brigaden, nahe der Front.“
Schatten aus Stahl an der Front: Panzer gestern, heute und morgen

Das Wall Street Journal hatte teils drastische Einschätzungen aus NATO-Kreisen erhalten. „Wir sind am Arsch“, soll ein Kommandeur geurteilt haben, der die Übung beobachtete. Die Kampftruppe der Allianz sei „einfach herumgelaufen, ohne Tarnung zu nutzen, sie haben Zelte und gepanzerte Fahrzeuge einfach abgestellt“, sagte ein Teilnehmer: „Sie wurden komplett zerstört.“ Das Szenario in einem turbulenten und engen Kampfumfeld entsprach zwar nicht zwingend dem in einem „echten Krieg“. Dennoch warnte Raikov auf dem Podium des „Cafe Kyiv“: Es handle sich womöglich um einen „Schock“ für die NATO, aber nicht um eine „Überraschung“ aus ukrainischer Sicht. „Ihr solltet diesen simulierten Kampf analysieren und Lehren ziehen.“
Der Drohnenkampf ist eine der wohl wichtigsten Entwicklungen im Ukraine-Krieg. „Drohnentechnik entwickelt sich praktisch jede einzelne Woche weiter“, sagte Jonas Öhman unserer Redaktion schon vergangenes Jahr. Der schwedisch-litauische NGO-Chef arbeitet direkt mit ukrainischen Front-Truppen zusammen. Europa denkt auch über Rüstungsschritte in diesem Bereich nach. Dabei gibt es allerdings Stolperfallen. „Es ist unmöglich, die ultimative, finale Drohne zu ersinnen“, sagte Öhman. Nach elektronischen Störsendern und Drohnen an Glasfaserkabeln sind aktuell beispielsweise „Mesh-Modems“ gefragt, wie zu hören ist – sie erlauben den Flug von ganzen Drohnen-Netzwerken, auch über größere Distanzen.
Ukraine etabliert „militärisches Amazon“ im Drohnenkrieg – Pistorius geht ersten Lösungsschritt
Die Ukraine hat ein sehr spezielles System für die Drohnenbeschaffung entwickelt. Der Erfolg beim Einsatz der Fluggeräte wird mit einem Punktesystem gemessen – und Einheiten können auch über ein Belohnungssystem selbst bei den Herstellern ordern. „Es ist eine Art militärisches Amazon“, sagte Raikov. Und die Kampftruppen stehen in direktem Austausch mit Produzenten, wie der Drohnenunternehmer Stanislaw Gryschyn unlängst unserer Redaktion erklärte. „Man kommt zum Beispiel zu einer Brigade und es heißt: ‚Deine Drohne ist Mist, ein echtes Stück Mist‘ – dann akzeptiert man das und hört zu.“

Igor Raikov (li.) neben der Grünen-Abgeordneten Jeanne Dillschneider auf einem Podium des „Cafe Kyiv“. © Florian Naumann
Ein weiterer ukrainischer Militär schilderte bei der Konferenz wiederholte Enttäuschungen über Herstellerangaben. Das werde gespiegelt. Raikov sieht aus ukrainischer Perspektive indes gar keinen Bedarf an neuen Drohnentechnologien von den europäischen Partnern. „Wir haben viele Technologien in der Ukraine. Ihr solltet uns helfen, sie zu skalieren“ – sprich: Im großen Stile zu produzieren. Die Ukraine brauche zur Verteidigung gegen Russland vor allem mehr Drohnen. „Ein willkürliches Beispiel, ich kenne die genauen Zahlen nicht: Wenn wir jetzt zehn Drohnen pro zehn Meter Kampflinie haben, könnten wir mit eurer Hilfe 100 Drohnen auf zehn Meter haben.“
Für das NATO-Problem des mangelnden Verständnisses für den Kampf an der Front ist jedenfalls ein erster Lösungsschritt in Arbeit. Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz unterschrieb Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ein Abkommen: Künftig sollen ukrainische Soldatinnen und Soldaten deutsche Kollegen ausbilden. Bisher war es umgekehrt. Allerdings geht es um die Arbeit an Truppenschulen in Deutschland. Politisch wäre die Präsenz von Bundeswehr-Leuten an der Ukraine-Front eben nicht völlig „einfach“: Russland könnte den Schritt propagandistisch ausschlachten – und gefährlich ist der Aufenthalt dort ohnehin. Um die Front gibt es längst eine Drohnen-„Todeszone“. (Quellen: Igor Raikov, Panel Cafe Kyiv, Wall Street Journal, eigene Recherchen)