Die Grönland-Krise stellt die Nato vor eine Zerreißprobe. Am Mittwoch trifft Rutte am Rande des Weltwirtschaftsforums Trump. „In Davos wird sich viel entscheiden“, heißt es in Nato-Kreisen.

Nato-Chef Rutte

Nato-Chef Rutte  APA / AFP / Nicolas Tucat

Jürgen Streihammer

20.01.2026 um 17:33

von
Jürgen Streihammer

Washington/Brüssel. „Herr Präsident, lieber Donald – was du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich (. . . ) Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Dein Mark.“ Donald Trump hat schon wieder eine vertrauliche Nachricht von Mark Rutte veröffentlicht und wie beim letzten Mal umschmeichelt der Nato-Generalsekretär darin den US-Präsidenten fast ohne Hemmungen. Er werde seine Medienauftritte in Davos dazu nutzen, Trumps Engagement in Syrien, in Gaza und in der Ukraine hervorzuheben, schrieb Rutte auch. Und dann folgt der entscheidende Satz: „Ich bin entschlossen, einen Weg in der Grönland-Frage zu finden.“

Die Suche wird diese Woche am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos fortgesetzt. Dann finden einige Krisentreffen statt, darunter eben auch jenes zwischen Trump und Rutte, das der Nato-Chef „kaum noch erwarten“ kann. „In Davos wird sich viel entscheiden“, heißt es dazu in Nato-Kreisen gegenüber „Der Presse“. Rutte reise daher mit dem gesamten Werkzeugkasten an, der ihm zur Verfügung stehe. Allerdings ist unklar, ob der Nato-Chef überhaupt die Mittel hat, um diese Krise zu entschärfen. Am Montagabend schlugen die Grönländer und Dänen zwar nach einem Besuch bei Rutte eine Nato-Mission in der Arktis vor. Aber die Erwartungen daran sind eher gedämpft. „Natürlich können wir Operationen in der Arktis organisieren. Am Ende kommt es aber darauf an, was die Amerikaner wollen. Es ist eine politische Frage“, heißt es in Nato-Kreisen. Übersetzt: Falls es Trump nicht zuvorderst um die Sicherheit in der Arktis geht und er Grönland schlicht aus „psychologischen“ (Zitat Trump) Gründen besitzen will, nutzt das womöglich alles nichts.

Und Trump machte bisher keine Anstalten, sich mit einem Kompromiss zu begnügen. Stattdessen legte er im Vorfeld seiner Davos-Reise nach. „Es kann kein Zurück geben“, schrieb er auf Truth Social. Außerdem teilte er KI-generierte Bilder, die ihn dabei zeigen, wie er eine US-Flagge in den grönländischen Boden rammt und auch eine Montage, die ihn während des Treffens mit europäischen Spitzenpolitikern im Oval Office im Vorjahr zeigt, nur, dass auf der Landkarte Grönland (und auch Kanada) in den US-Farben gehalten sind.

Mit seiner Zoll-Ankündigung hat Trump den Konflikt zunächst auch auf eine wirtschaftspolitische und damit die EU-Ebene verlagert. Zwar hat Trump auch militärische Optionen nicht ausgeschlossen. Aber „das wird hier nicht als realistische Option gesehen“, heißt es gegenüber der „Presse“. Innerhalb der Nato, auf Funktionärsebene, ist das transatlantische Verhältnis übrigens noch intakt: „Das überrascht vielleicht, aber die Amerikaner in der Nato sind auch in diesen Tagen sehr freundlich, offen und konstruktiv.“

Die Nato hat auch schon einiges überstanden. Die Suez-Krise 1956 zum Beispiel. Den vorübergehenden De-Facto-Austritt Frankreichs. Den Kalten Krieg. Auch das erste Jahr in Trumps zweiter Amtszeit, was nicht so sicher war. Ruttes guter Draht zu Trump hat dabei nach Ansicht von Beobachtern geholfen. Auch wenn der Kuschelkurs des Niederländers mittlerweile einigen zu weit geht. Aber Rutte zeigte auch diplomatisches Geschick, als er etwa auf dem Nato-Gipfel in Den Haag die Mitglieder auf ein von Trump gewünschtes Fünf-Prozent-Ziel verpflichtete, das sich aber verschieden interpretieren lässt.

Aber diese Krise ist anders. Sie lässt sich nicht mit geschickt formulierten Gipfelerklärungen übertünchen, in denen sich jeder irgendwie wiederfinden kann. Die USA „müssen“ Grönland „haben“. Die Dänen lehnen kategorisch ab. Das sei auch „eine Frage der Weltordnung“, sagte die Regierungschefin Mette Frederiksen am Dienstag und bereitete ihre Landsleute auf eine Eskalation vor: „Das Schlimmste steht uns möglicherweise noch bevor.“

Als der US-Präsident im März des Vorjahres im Weißen Haus nach Grönland gefragt wurde und seinen Anspruch auf die Insel kundtat, versuchte der Mann, der neben ihm im Oval Office auf dem gepolsterten Sessel saß, die Krise wegzulächeln. Inhaltlich sagte er dazu nichts. „Ich will die Nato da nicht hineinziehen“, sagte Rutte. Schon damals murrten sie in Dänemark. Und hineingezogen wurde die Nato am Ende trotzdem.