Im Hörsaal regnet’s rein: Deutschlands zerfallende Unis – und warum sie nicht saniert werden
Die deutschen Hochschulen sind ein Sanierungsfall: Auf 74 Milliarden Euro beziffern die Kultusminister den Bedarf – und fordern jetzt ein gemeinsames Vorgehen mit dem Bund. Doch der stellt sich quer.
In der Staats- und Unibibliothek Hamburg regnet es rein, und das schon seit langem: 50 Lernplätze sind deswegen gar nicht nutzbar, bei anderen sitzen Studierende zwischen Wassereimern. An der TU Dresden stürzt die Flurdecke eines Gebäudes ein, immerhin am Wochenende, sodass niemand verletzt wird. Die Ruhr-Uni Bochum schließt die Herrenklos in der Bibliothek langfristig, Alternativen gibt es im ganzen Haus nicht. Und in Berlin musste die TU gerade nach Wasserschäden gleich drei Gebäude ganz oder teilweise sperren.
All das sind Meldungen allein aus diesem Jahr. Sie stehen für den katastrophalen Zustand vieler Unibauten. Deutschlands Hochschulen zerfallen, bröckeln und schimmeln. Manchmal sind einzelne Gebäudeteile betroffen, manchmal ganze Häuser. Auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Uni Stuttgart sind mehrere Gebäude wegen Baufälligkeit geschlossen, die Uni Bonn muss ihr barockes Hauptgebäude sanieren, rund 10.000 Studierende sind betroffen.
74
Milliarden Euro beträgt der Sanierungsbedarf an den deutschen Hochschulen.
Ein bislang nicht-öffentlicher „Bericht zur klimagerechten Sanierung der Hochschulen“ der Kultusministerkonferenz (KMK), den diese vor kurzem verabschiedet hat und der dem Tagesspiegel vorliegt, schätzt den Sanierungsbedarf an allen Hochschulen inzwischen auf 74 Milliarden Euro. 22 Milliarden entfallen dabei auf die energetische Sanierung. 2022 bezifferte der Wissenschaftsrat den Sanierungsstau noch auf 60 Milliarden Euro. „Man kann quasi zusehen, wie der Betrag täglich wächst“, sagt ein Hochschulinsider: Die Inflation treibt die Baukosten in die Höhe.
Tutorien finden auf der Wiese statt
Die Länder, allein finanziell überfordert, schlagen in ihrem Papier ein langfristig angelegtes Bund-Länder-Programm vor. Der Bund solle zwischen 2025 und 2040 insgesamt rund 22 Milliarden Euro zur Verfügung stellen (1,5 Milliarden Euro jährlich), das Geld solle gezielt in die klimagerechte Sanierung fließen. Dadurch würden etwa 300.000 Tonnen CO₂ eingespart, heißt es in dem Bericht. Flankierende Kosten wie die Ertüchtigung der IT, Brandschutz oder Barrierefreiheit sollen die Länder tragen.
Die Koalitionspartner von FDP und SPD sind weniger überzeugt. Das von den Liberalen geführte Bundesforschungsministerium etwa lehnt den Vorschlag rundheraus ab. Der allgemeine Hochschulbau einschließlich des Erhalts und der Sanierung von Hochschulgebäuden liege seit der Föderalismusreform in der alleinigen Verantwortung der Länder, teilt ein Sprecher von Ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mit. Ein Länderprogramm würde der Bund aber „sehr begrüßen“, ergänzt der Sprecher etwas süffisant..
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Das dürfte die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen Bund und Ländern im Bildungs- und Wissenschaftsbereich nicht verbessern – zumal der Wissenschaftsrat Vorschläge gemacht hat, wie ein solches Programm verfassungsgemäß zu stemmen wäre. In der Verbindung mit Nachhaltigkeitszielen, so wie es die KMK vorschlägt, könnten demnach Kooperationen durchaus möglich sein.
Während die Politik streitet, greifen Hochschulen zu drastischen Maßnahmen. An der TU Berlin finden Projekttutorien inzwischen auf der grünen Wiese statt. Noch ist ja Sommer.
Mit ganz wenigen Ausnahmen zum Zeitvertreib geht die wichtigste Wählergruppe halt nicht mehr studieren.
Mir tut das für die Hochschulen sehr leid, aber hier haben wirklich die Länder schuld. Der Bund war bei der Föderalismusreform absolut dafür, auch für die Hochschulen Verantwortung zu übernehmen, aber die Länder haben sich geweigert. Da waren die Machtinteressen und das Kirchturmdenken der Länder wichtiger als ihre finanziellen Möglichkeiten. Als Bund würde ich da auch auf stur schalten, es sei denn, die Länder sind grundsätzlich bereit im Forschungs- und Bildungsbereich Macht an den Bund abzugeben (was Deutschland gut tun würde, siehe z.B. auch den Flickenteppich bei Lehrplänen und Schulabschlüssen).
Bildung, Kinder, Gesundheit, Kultur… Alles Dinge die man ignorieren kann und die für den Fortbestand eines Landes völlig nebensächlich sind.
Die Ignoranz und zeitgleiche Hybris in der Politik macht einen so ohnmächtig.
Kurze Antwort: Schwarze Null
Söder… neue Uni in Nürnberg JA, existierende Uni in Nürnberg marode:
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Im Hörsaal regnet’s rein: Deutschlands zerfallende Unis – und warum sie nicht saniert werden
Die deutschen Hochschulen sind ein Sanierungsfall: Auf 74 Milliarden Euro beziffern die Kultusminister den Bedarf – und fordern jetzt ein gemeinsames Vorgehen mit dem Bund. Doch der stellt sich quer.
In der Staats- und Unibibliothek Hamburg regnet es rein, und das schon seit langem: 50 Lernplätze sind deswegen gar nicht nutzbar, bei anderen sitzen Studierende zwischen Wassereimern. An der TU Dresden stürzt die Flurdecke eines Gebäudes ein, immerhin am Wochenende, sodass niemand verletzt wird. Die Ruhr-Uni Bochum schließt die Herrenklos in der Bibliothek langfristig, Alternativen gibt es im ganzen Haus nicht. Und in Berlin musste die TU gerade nach Wasserschäden gleich drei Gebäude ganz oder teilweise sperren.
All das sind Meldungen allein aus diesem Jahr. Sie stehen für den katastrophalen Zustand vieler Unibauten. Deutschlands Hochschulen zerfallen, bröckeln und schimmeln. Manchmal sind einzelne Gebäudeteile betroffen, manchmal ganze Häuser. Auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Uni Stuttgart sind mehrere Gebäude wegen Baufälligkeit geschlossen, die Uni Bonn muss ihr barockes Hauptgebäude sanieren, rund 10.000 Studierende sind betroffen.
74
Milliarden Euro beträgt der Sanierungsbedarf an den deutschen Hochschulen.
Ein bislang nicht-öffentlicher „Bericht zur klimagerechten Sanierung der Hochschulen“ der Kultusministerkonferenz (KMK), den diese vor kurzem verabschiedet hat und der dem Tagesspiegel vorliegt, schätzt den Sanierungsbedarf an allen Hochschulen inzwischen auf 74 Milliarden Euro. 22 Milliarden entfallen dabei auf die energetische Sanierung. 2022 bezifferte der Wissenschaftsrat den Sanierungsstau noch auf 60 Milliarden Euro. „Man kann quasi zusehen, wie der Betrag täglich wächst“, sagt ein Hochschulinsider: Die Inflation treibt die Baukosten in die Höhe.
Den Unis steht das Wasser bis zum Hals: überfluteter Flur an der Technischen Universität Berlin.
Den Unis steht das Wasser bis zum Hals: überfluteter Flur an der Technischen Universität Berlin. © TU Berlin
Die Lage ist vor allem deswegen dramatisch, weil jetzt die Unibauten, die während der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er hochgezogen wurden, gleichzeitig in die Jahre kommen. Vielerorts betteln die Hochschulen darum, dass ihnen endlich geholfen wird. Doch die Aussichten sind düster: Bund und Länder streiten um Zuständigkeiten, die Ampelparteien scheinen uneins.
Tutorien finden auf der Wiese statt
Die Länder, allein finanziell überfordert, schlagen in ihrem Papier ein langfristig angelegtes Bund-Länder-Programm vor. Der Bund solle zwischen 2025 und 2040 insgesamt rund 22 Milliarden Euro zur Verfügung stellen (1,5 Milliarden Euro jährlich), das Geld solle gezielt in die klimagerechte Sanierung fließen. Dadurch würden etwa 300.000 Tonnen CO₂ eingespart, heißt es in dem Bericht. Flankierende Kosten wie die Ertüchtigung der IT, Brandschutz oder Barrierefreiheit sollen die Länder tragen.
Wässrige Phase: die Auswirkungen eines Wasserschadens im Chemiegebäude der TU Berlin.
Wässrige Phase: die Auswirkungen eines Wasserschadens im Chemiegebäude der TU Berlin. © TU Berlin
Die Grünen im Bund unterstützen das: „Angesichts des ermittelten Sanierungsbedarfs ist das eine Größenordnung, die der Bund für die klimagerechte Sanierung der Hochschulen mindestens beisteuern sollte“, sagt deren Wissenschaftsexperte Kai Gehring, Vorsitzender im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung.
Die Koalitionspartner von FDP und SPD sind weniger überzeugt. Das von den Liberalen geführte Bundesforschungsministerium etwa lehnt den Vorschlag rundheraus ab. Der allgemeine Hochschulbau einschließlich des Erhalts und der Sanierung von Hochschulgebäuden liege seit der Föderalismusreform in der alleinigen Verantwortung der Länder, teilt ein Sprecher von Ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mit. Ein Länderprogramm würde der Bund aber „sehr begrüßen“, ergänzt der Sprecher etwas süffisant..
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Erneut eine Havarie an der TU Berlin Dritter Wasserschaden binnen kurzer Zeit
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Das dürfte die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen Bund und Ländern im Bildungs- und Wissenschaftsbereich nicht verbessern – zumal der Wissenschaftsrat Vorschläge gemacht hat, wie ein solches Programm verfassungsgemäß zu stemmen wäre. In der Verbindung mit Nachhaltigkeitszielen, so wie es die KMK vorschlägt, könnten demnach Kooperationen durchaus möglich sein.
Während die Politik streitet, greifen Hochschulen zu drastischen Maßnahmen. An der TU Berlin finden Projekttutorien inzwischen auf der grünen Wiese statt. Noch ist ja Sommer.
Mit ganz wenigen Ausnahmen zum Zeitvertreib geht die wichtigste Wählergruppe halt nicht mehr studieren.
Mir tut das für die Hochschulen sehr leid, aber hier haben wirklich die Länder schuld. Der Bund war bei der Föderalismusreform absolut dafür, auch für die Hochschulen Verantwortung zu übernehmen, aber die Länder haben sich geweigert. Da waren die Machtinteressen und das Kirchturmdenken der Länder wichtiger als ihre finanziellen Möglichkeiten. Als Bund würde ich da auch auf stur schalten, es sei denn, die Länder sind grundsätzlich bereit im Forschungs- und Bildungsbereich Macht an den Bund abzugeben (was Deutschland gut tun würde, siehe z.B. auch den Flickenteppich bei Lehrplänen und Schulabschlüssen).
Bildung, Kinder, Gesundheit, Kultur… Alles Dinge die man ignorieren kann und die für den Fortbestand eines Landes völlig nebensächlich sind.
Die Ignoranz und zeitgleiche Hybris in der Politik macht einen so ohnmächtig.
Kurze Antwort: Schwarze Null
Söder… neue Uni in Nürnberg JA, existierende Uni in Nürnberg marode:
https://www.nordbayern.de/region/erlangen/studenten-prangern-an-beangstigende-zustande-an-der-uni-erlangen-1.11135354
Scheiß auf die Studenten, Hauptsache den Porschefahrenden Rentnern gehts gut. Trickle-down regelt
Ein weiteres Problem ist, dass die Reparaturen europaweit ausgeschrieben werden müssen.
Zum Beispiel hat die TU Dresden schlechte Erfahrungen mit osteuropäischen Dachdeckern gemacht, die auf den Schieferdächern rumgestiefelt sind.
Mit den aktuellen Vergaberichtlinien müssen die jetzigen Wasserschäden gegen die potenziellen Schäden abgewogen werden.