[…]

Es verhält sich mit Autos wie mit Armbanduhren: Nach den 1970er-Jahren sind nur noch geschmacklose Scheußlichkeiten auf den Markt gekommen. Die heute hegemonialen silbergrauen, anthrazit- und graphitfarbenen Fließheckkarren sind an sich schon ein erbärmlicher Anblick, (zer)stören aber nicht bloß das Stadtbild, sondern den urbanen Raum als solchen, vor allem die Plätze.

Der Minimaldefinition zufolge ist ein Platz eine „von Gebäuden umbaute freie Fläche”. Im emphatischen Sinne sind Plätze freilich sehr viel mehr, nämlich urbane Bühnen, die zum Flanieren, Defilieren und Verweilen einladen. Sie machen Lust, sich nieder- und dem städtischen Treiben zu überlassen, wozu Bars, Kaffeehäuser, Eisdielen oder Kneipen einladen mögen, die sich dort befinden. Es wird einem dann irgendwie ganz venezianisch ums Gemüt, weswegen Städte, die über solche Plätze im emphatischen Sinne verfügen, stets als „das Venedig + Genitiv” apostrophiert werden: Petersburg ist „das Venedig des Ostens”, Helsinki „das Venedig des Nordens”, Colmar „das Vendig des Elsass’”, Passau „das Venedig Bayerns”, Krems „das Venedig der Wachau” usw., usf.

Niemand käme auf die Idee, Wien „das Venedig Pannoniens” zu nennen, denn Wien ist, wie ich bereits in einem früheren Maily angemerkt habe und hier, den „Stay On Message!”–Zurufen meines Spindoctors Folge leistend, wiederhole, „die Welthauptstadt der Platzangst”.
Alles, was sich in Wien „-platz” nennt, ist eine Lüge: Der Stephansplatz ist ein Fiakerparkplatz, der Karlsplatz ein Verkehrsknotenpunkt, der Rathausplatz eine Entertainmentmeile, der Schwedenplatz eine Fastfoodaufnahmezone usw., usf. Weitere Plätze tragen Namen wie „Hoher Markt”, „Neuer Markt”, „Freyung” oder „Am Hof”, aber auch ihnen ist es verwehrt, wahre Platzhaftigkeit zu entfalten, weil eine toxische Stadtplanung alles dem Primat des Autoverkehrs unterstellt hat.

Schuld daran tragen, böse, verkniffene Männer mit schlechtem Atem, die beim Autofahren den Hut auf- und beim Sex die Socken anbehalten (falls sie mal welchen kriegen). Ich spreche natürlich von der Autofahrer-Lobby, nach deren Pfeife auch der angeblich mächtige Wiener Bürgermeister zu tanzen hat. Als die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein vor wenigen Jahren einmal laut über einen „autofreie” Innenstadt nachdachte (tatsächlich ging es lediglich um eine Reduktion des Autoverkehrs), wurde sie vom roten Michael Ludwig ansatzlos abgekanzelt und zurückgepfiffen: „un-denk-bar!”

Angesichts solch auto-ritärer Arroganz ist daran zu erinnern, dass die Stadt nicht für Autofahrer, sondern für die Fußgänger da ist. „Die Fußgänger” aber „verdienen Liebe”, denn „die Fußgänger sind der größere Teil der Menschheit. Mehr noch, ihr besserer Teil.” Das ist nicht einfach so dahergesagt, das haben Ilf und Petrow sehr solide begründet, weswegen der Beginn ihres Romans „Das goldene Kalb” (1931) hier etwas ausführlicher zitiert sei:

> Die Fußgänger haben die Welt geschaffen. Sie haben Städte gebaut, vielstöckige Gebäude errichtet, Kanalisation und Wasserleitungen verlegt, Straßen gepflastert und sie elektrisch beleuchtet. Sie haben die Kultur in der Welt verbreitet, den Buchdruck ertüftelt, das Pulver erfunden, Brücken über Flüsse geschlagen, die ägyptischen Hieroglyphen entziffert, den Rasierapparat eingeführt und den Sklavenhandel abgeschafft, und sie haben ermittelt, daß sich aus Sojabohnen einhundertvierzehn wohlschmeckende und nahrhafte Gerichte zubereiten lassen. Als alles fertig war und unser heimatlicher Planet ein vergleichsweise wohnliches Aussehen angenommen hatte, traten die Autofahrer auf den Plan. Übrigens ist auch das Automobil von Fußgängern erfunden worden. Aber die Autofahrer haben das schnell vergessen. Sie begannen die sanftmütigen und gescheiten Fußgänger zu unterdrücken. Die von Fußgängern gebauten Straßen gerieten in die Gewalt der Autofahrer. Die Fahrbahnen wurden doppelt so breit wie vorher, die Gehsteige hingegen schmal wie eine Steuerbanderole. Seitdem müssen sich die Fußgänger verschüchtert an die Häuserwände quetschen.

Warum sind wir Fußgänger, der größere und bessere Teil der Menschheit, so kleinmütig? Warum lassen wir uns das bieten? Könnte es sein, dass wir – jedenfalls viele von uns – einfach zu nett sind? Wenn wir die Stadt, die wir Fußgänger gebaut haben und die man uns gestohlen hat, wieder zurückgewinnen wollen, müssen wir lauter und lästiger, aber auch listiger und vielleicht auch lustiger werden. Superkleber allein wird nicht reichen.

Originaltext von [Klaus Nüchtern](https://www.falter.at/maily/20230827/anstiftung-zur-auto-aggression-aaa)

by yampp

Leave a Reply