Lesenswert, obwohl es ein paar krasse Ansagen enthält.
Eigentlich ein schönes Interview, da ist sicher auch viel Wahres und Kluges dran, was er sagt. Aber wenn ich an die Stelle mit dem Titel komme, kann ich wieder nur den Kopf schütteln.
>Die meisten Ostdeutschen haben ebenso wenig Ahnung von Russland, auch gar kein Interesse daran, wie die meisten Westdeutschen.
Ist es wirklich nötig, Zitate derart ~~zu verfälschen~~ umzuformulieren, nur um mehr Klicks zu bekommen?
Als Historiker sollte der Mann sich vllt. mit derart gewagten politik- und sozialwissenschaftlichen Aussagen zurückhalten.
Als jemand Mitte 30 der in der Lausitz an der Grenze zu Sachsen aufgewachsen ist (Heimatort hatte knapp 50% AfD bei der letzten Wahl)…
Ich persönlich bin seit einiger Zeit an dem Punkt wo ich es endgültig leid bin Ausreden zu hören wieso Leute dort AfD wählen – man wählt keine Faschisten und die AfD sind Faschisten. Da gibt es nichts zu diskutieren. Der Kanditat dort im Wahlkreis hat sich mit vorbestraften gewaltbereiten Neonazis auf Wahlkampfveranstaltungen gezeigt und ist nur ganz Knapp am Direktmandat vorbei (SPD hatte gewonnen, zum Glück)
Ansonsten ein paar Punkte die vielleicht zum Nachdenken anregen für Menschen die mit der Lausitz oder Sachsen wenig am Hut haben:
Wende war krass und nicht positiv für viele in den 90ern – hier und auch in weiten Teilen Sachsens wurde der Braunkohletagebau komplett stillschwiegend dichtgemacht, inoffizielle Arbeitslosigkeit 70% über Jahre hinweig – nur weniger weil es Auffanggesellschaften gab wo Beschäftungstheraphie gemacht wurde… war unvermeindlich weil Stahl-Embargo war nichtig, Bedarf für Braunkohle-Veredelung war nicht mehr da, es ist dreckig, eine Umweltsauererei aber da gab’s keine grossen Debatten. Das war dann mal einfach Weg und damit Identität und Existenz vieler Menschen dort.
Meine Generation zwischen 30 und 45 ist zu (gefühlt, kenne keine Zahlen) 90% weggezogen – Westen zur Ausbildung, In die Städte zur Uni, Zurück kommen nur wenige – das merkt man – geblieben sind zumindest in meinen Ort die, die schon damals Nazi waren. Fussball, Kegelclub, Kneipe – AfD Positionen waren schon in den 90ern Mainstream. In Sachsen sieht’s im ländlichen Raum ähnlich aus. Teilweise 50% weniger Bevölkerung in einigen Orten – die Kurven werden jetzt erst wieder flach.
Löhne sind beschissen, meine Mutter arbeitet seit über 20 Jahren als Laborantin, 40h/Woche pendelt 60km am Tag. Bekommt seit ein paar Jahren 3000 Brutto, ich arbeite als DevOp in einem Startup hier für 16h/Woche und bekomme 2200 Brutto – Sie hätte im Ort arbeiten können, mit fast 60 Nachtschichten machen Lohndifferenz war so hoch dass es sich nicht gelohnt hätte – irgendwie 2300 Brutto oder so wurde ihr angeboten. Handwerker/Montage etc.pp bringt vielen genug Geld. Leute sind nicht arm, haben Haus und Auto aber keine Rücklagen oft. Wärmepumpe und E-Auto haben wir mehrmals durchkalkuliert, ist einfach nicht machbar. Der 15 Jahre alte Spar-Diesel Polo hat 330.000km und wird runtergeholzt, eine neue Gasheizung wird eingebaut. Alles andere wäre im alten Haus nicht machbar, 100k+ über 15 Jahre Investieren wäre klüger und würde sich nach 10 Jahren rechnen und davon würde der Staat auch 50k bezahlen aber unmöglich das zu finanzieren. So geht’s vielen.
Steve Bannon war mit Meuthen von der AfD in Thüringen vor ein paar Jahren – Flood the Zone with Shit – Unsichtbar, Angstporno-Gruppen, Telegram, WhatsApp-Gruppen – letzte Woche mal auf neuen Telefon YouTube ohne Account genutzt – Fakenews gegenüber der Ampel, Panikmache, Angstmache vor Migration… Lokalzeitung kostet 35EUR/Monat hat meine Mutter längst abbestellt.
…Migration – 2015 hatte meine Mutter zum ersten mal AfD gewählt (zum Glück danach nicht wieder) aber ich weiss noch wie emotionalisiert sie war – sie hatte mich angeschrien, ich konnte nich mit ihr darüber sprechen – diese Mechanismen ziehen dort massiv, die Leute lesen Compact, Tichys Einblick, Springer und haben einfach Angst dass ihr hart erarbeiteter Wohlstand flöten geht – Duktus ist dort, dass die Ampel deutschland absichtlich in den Abgrund reitet.
Der mdr ist ne Katastrophe für den öffentlichen Rundfunk und ich mache ihn mitverantwortlich für die Probleme in Sachsen. Dudelfunk, Rentersedation und keine politische Bildung oder Diskussion – rbb mit radioeins, Fritz, aber auch dem rbb Programm war Qualitativ eine andere Welt und viele für mich wertvolle Dinge hatte ich dort gelernt – das hat in Sachsen immer gefehlt und war nie da. Hatte mal ne Woche nur mdr Abendschau geschaut um 2015 herum – dass man sich da verarscht vorkommt wenn man keine anderen Medien konsumiert ist völlig verständlich.
Hahaha Ronny… und generell der Umgang in den Medien mit der Region. Es ist demütigend und herabwürdigend und haha AfD=Dumm verfängt dort nicht – schon lange nicht mehr, viele sind einfach komplett in ihren medialen Paralleluniversum und YouTube, Tiktok und co. helfen da nur umso mehr der AfD – die holt kein Böhmermann mit seinen Witzen zurück, keine heute-show – finde den Umgang mit der Region und der AfD auch völlig hilflos seitens der Medien. Aber Schere Stadt/Land ist eben auch massiv und die Journalisten in Hamburg/Berlin/München leben in einer völlig anderen Welt.
Es gibt keine Aufstiegschancen, Osten ist Werkbank, Forschung/Leitung ist im Westen – zieht sich durch den kompletten Osten, kein Kapital da, Ostdeutsche Professoren im Osten: 15%, Leitungsposition in der Verwaltung: 15-30% – das hilft sicherlich auch nicht. War völlig platt als ich mit der ersten Freundin aus dem Westen im Studium zu ihren Eltern in ihr Heimatdorf in Niedersachsen gefahren bin, da war mehr Wirtschaftsleistung in kleinen Betrieben als hier im Umkreis von 15km zusammen.
Russland/Corona und co. hat mit der Wirklichkeit und Sachdebatten nichts mehr zu tun – diese Stimmung ist das Produkt von künstlich erzeugten Debatten auf Telegram/konservativen Medien bzw. einfach nur Propaganda. Vielen Menschen fehlt die Zeit und das Umfeld das zu reflektieren und zu verstehen. Kenne niemand mehr mit Russland-Kontakten…
That beeing said, die Gegend ist aus meiner Sicht wunderschön, die Mehrheit der Menschen sind immer noch korrekt aber ich sehe nicht wie sich daran irgendwas verbessern wird. Mir persönlich fällt da nichts mehr ein.
Bin vor kurzem von NRW nach Sachsen gezogen und gehe hier auch in eine Berufsschule, bei den jüngeren sieht es nicht besser aus.
Hauptsächlich AFD-Wähler in der Klasse, der Ukraine wird die Schuld an allem gegeben, gendern ist das schlimmste was es gibt und Lehrer die jedesmal erwähnen müssen das Rechtsextreme Ansichten nicht erlaubt sind.
Vielleicht hatte ich bei meinen Mitschülern einfach nur Pech, aber im Westen war ich auf mehreren Schulen und dort habe ich sowas noch nie erlebt.
> Oder auch: “Ich lehne das zwar ab, aber jeder darf sagen, was er will, solange er nicht gegen das Grundgesetz verstößt.” Stattdessen tun Leute wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und andere so, als wäre das die zentrale Debatte in Deutschland. Die AfD treibt die Debatte voran, setzt Themen, und alle springen drauf. Das muss aufhören.
Der Punkt erscheint mir ziemlich absurd, weil AFD setzt nicht die Themen, sondern diese testen Kontroversen und und die Punkte bei denen es entsprechende Reaktion gibt, die nutzen sie weiter.
Und wer glaubt das die CDU irgendwie eine Hoheit über den Diskurs hat, der hat die letzten 10 Jahre verpasst.
Rest vom Interview ist ganz gut, bisschen pessimistisch, aber ich glaub sein Pessimums ist nicht ganz unberechtigt.
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Lesenswert, obwohl es ein paar krasse Ansagen enthält.
Eigentlich ein schönes Interview, da ist sicher auch viel Wahres und Kluges dran, was er sagt. Aber wenn ich an die Stelle mit dem Titel komme, kann ich wieder nur den Kopf schütteln.
>Die meisten Ostdeutschen haben ebenso wenig Ahnung von Russland, auch gar kein Interesse daran, wie die meisten Westdeutschen.
Ist es wirklich nötig, Zitate derart ~~zu verfälschen~~ umzuformulieren, nur um mehr Klicks zu bekommen?
Als Historiker sollte der Mann sich vllt. mit derart gewagten politik- und sozialwissenschaftlichen Aussagen zurückhalten.
Als jemand Mitte 30 der in der Lausitz an der Grenze zu Sachsen aufgewachsen ist (Heimatort hatte knapp 50% AfD bei der letzten Wahl)…
Ich persönlich bin seit einiger Zeit an dem Punkt wo ich es endgültig leid bin Ausreden zu hören wieso Leute dort AfD wählen – man wählt keine Faschisten und die AfD sind Faschisten. Da gibt es nichts zu diskutieren. Der Kanditat dort im Wahlkreis hat sich mit vorbestraften gewaltbereiten Neonazis auf Wahlkampfveranstaltungen gezeigt und ist nur ganz Knapp am Direktmandat vorbei (SPD hatte gewonnen, zum Glück)
Ansonsten ein paar Punkte die vielleicht zum Nachdenken anregen für Menschen die mit der Lausitz oder Sachsen wenig am Hut haben:
Wende war krass und nicht positiv für viele in den 90ern – hier und auch in weiten Teilen Sachsens wurde der Braunkohletagebau komplett stillschwiegend dichtgemacht, inoffizielle Arbeitslosigkeit 70% über Jahre hinweig – nur weniger weil es Auffanggesellschaften gab wo Beschäftungstheraphie gemacht wurde… war unvermeindlich weil Stahl-Embargo war nichtig, Bedarf für Braunkohle-Veredelung war nicht mehr da, es ist dreckig, eine Umweltsauererei aber da gab’s keine grossen Debatten. Das war dann mal einfach Weg und damit Identität und Existenz vieler Menschen dort.
Meine Generation zwischen 30 und 45 ist zu (gefühlt, kenne keine Zahlen) 90% weggezogen – Westen zur Ausbildung, In die Städte zur Uni, Zurück kommen nur wenige – das merkt man – geblieben sind zumindest in meinen Ort die, die schon damals Nazi waren. Fussball, Kegelclub, Kneipe – AfD Positionen waren schon in den 90ern Mainstream. In Sachsen sieht’s im ländlichen Raum ähnlich aus. Teilweise 50% weniger Bevölkerung in einigen Orten – die Kurven werden jetzt erst wieder flach.
Löhne sind beschissen, meine Mutter arbeitet seit über 20 Jahren als Laborantin, 40h/Woche pendelt 60km am Tag. Bekommt seit ein paar Jahren 3000 Brutto, ich arbeite als DevOp in einem Startup hier für 16h/Woche und bekomme 2200 Brutto – Sie hätte im Ort arbeiten können, mit fast 60 Nachtschichten machen Lohndifferenz war so hoch dass es sich nicht gelohnt hätte – irgendwie 2300 Brutto oder so wurde ihr angeboten. Handwerker/Montage etc.pp bringt vielen genug Geld. Leute sind nicht arm, haben Haus und Auto aber keine Rücklagen oft. Wärmepumpe und E-Auto haben wir mehrmals durchkalkuliert, ist einfach nicht machbar. Der 15 Jahre alte Spar-Diesel Polo hat 330.000km und wird runtergeholzt, eine neue Gasheizung wird eingebaut. Alles andere wäre im alten Haus nicht machbar, 100k+ über 15 Jahre Investieren wäre klüger und würde sich nach 10 Jahren rechnen und davon würde der Staat auch 50k bezahlen aber unmöglich das zu finanzieren. So geht’s vielen.
Steve Bannon war mit Meuthen von der AfD in Thüringen vor ein paar Jahren – Flood the Zone with Shit – Unsichtbar, Angstporno-Gruppen, Telegram, WhatsApp-Gruppen – letzte Woche mal auf neuen Telefon YouTube ohne Account genutzt – Fakenews gegenüber der Ampel, Panikmache, Angstmache vor Migration… Lokalzeitung kostet 35EUR/Monat hat meine Mutter längst abbestellt.
…Migration – 2015 hatte meine Mutter zum ersten mal AfD gewählt (zum Glück danach nicht wieder) aber ich weiss noch wie emotionalisiert sie war – sie hatte mich angeschrien, ich konnte nich mit ihr darüber sprechen – diese Mechanismen ziehen dort massiv, die Leute lesen Compact, Tichys Einblick, Springer und haben einfach Angst dass ihr hart erarbeiteter Wohlstand flöten geht – Duktus ist dort, dass die Ampel deutschland absichtlich in den Abgrund reitet.
Der mdr ist ne Katastrophe für den öffentlichen Rundfunk und ich mache ihn mitverantwortlich für die Probleme in Sachsen. Dudelfunk, Rentersedation und keine politische Bildung oder Diskussion – rbb mit radioeins, Fritz, aber auch dem rbb Programm war Qualitativ eine andere Welt und viele für mich wertvolle Dinge hatte ich dort gelernt – das hat in Sachsen immer gefehlt und war nie da. Hatte mal ne Woche nur mdr Abendschau geschaut um 2015 herum – dass man sich da verarscht vorkommt wenn man keine anderen Medien konsumiert ist völlig verständlich.
Hahaha Ronny… und generell der Umgang in den Medien mit der Region. Es ist demütigend und herabwürdigend und haha AfD=Dumm verfängt dort nicht – schon lange nicht mehr, viele sind einfach komplett in ihren medialen Paralleluniversum und YouTube, Tiktok und co. helfen da nur umso mehr der AfD – die holt kein Böhmermann mit seinen Witzen zurück, keine heute-show – finde den Umgang mit der Region und der AfD auch völlig hilflos seitens der Medien. Aber Schere Stadt/Land ist eben auch massiv und die Journalisten in Hamburg/Berlin/München leben in einer völlig anderen Welt.
Es gibt keine Aufstiegschancen, Osten ist Werkbank, Forschung/Leitung ist im Westen – zieht sich durch den kompletten Osten, kein Kapital da, Ostdeutsche Professoren im Osten: 15%, Leitungsposition in der Verwaltung: 15-30% – das hilft sicherlich auch nicht. War völlig platt als ich mit der ersten Freundin aus dem Westen im Studium zu ihren Eltern in ihr Heimatdorf in Niedersachsen gefahren bin, da war mehr Wirtschaftsleistung in kleinen Betrieben als hier im Umkreis von 15km zusammen.
Russland/Corona und co. hat mit der Wirklichkeit und Sachdebatten nichts mehr zu tun – diese Stimmung ist das Produkt von künstlich erzeugten Debatten auf Telegram/konservativen Medien bzw. einfach nur Propaganda. Vielen Menschen fehlt die Zeit und das Umfeld das zu reflektieren und zu verstehen. Kenne niemand mehr mit Russland-Kontakten…
That beeing said, die Gegend ist aus meiner Sicht wunderschön, die Mehrheit der Menschen sind immer noch korrekt aber ich sehe nicht wie sich daran irgendwas verbessern wird. Mir persönlich fällt da nichts mehr ein.
Bin vor kurzem von NRW nach Sachsen gezogen und gehe hier auch in eine Berufsschule, bei den jüngeren sieht es nicht besser aus.
Hauptsächlich AFD-Wähler in der Klasse, der Ukraine wird die Schuld an allem gegeben, gendern ist das schlimmste was es gibt und Lehrer die jedesmal erwähnen müssen das Rechtsextreme Ansichten nicht erlaubt sind.
Vielleicht hatte ich bei meinen Mitschülern einfach nur Pech, aber im Westen war ich auf mehreren Schulen und dort habe ich sowas noch nie erlebt.
> Oder auch: “Ich lehne das zwar ab, aber jeder darf sagen, was er will, solange er nicht gegen das Grundgesetz verstößt.” Stattdessen tun Leute wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und andere so, als wäre das die zentrale Debatte in Deutschland. Die AfD treibt die Debatte voran, setzt Themen, und alle springen drauf. Das muss aufhören.
Der Punkt erscheint mir ziemlich absurd, weil AFD setzt nicht die Themen, sondern diese testen Kontroversen und und die Punkte bei denen es entsprechende Reaktion gibt, die nutzen sie weiter.
Und wer glaubt das die CDU irgendwie eine Hoheit über den Diskurs hat, der hat die letzten 10 Jahre verpasst.
Rest vom Interview ist ganz gut, bisschen pessimistisch, aber ich glaub sein Pessimums ist nicht ganz unberechtigt.