Kommentar: Die analoge Verwaltung als tickende Zeitbombe

by PoroBraum

19 comments
  1. > Die völlig vermurkste Digitalisierung der deutschen Verwaltung wird absehbar nicht weniger als die gesamte Republik lahmlegen. Die Verantwortung für die dräuende Katastrophe trifft dabei vor allem die Politik, die das Thema aus Borniertheit, Überheblichkeit und mangelndem Interesse immer wieder auf die lange Bank schiebt und sehenden Auges in ihr eigenes Verderben rennt.

    > Und damit es auf gar keinen Fall besser wird, hat die Ampelkoalition gerade erst ihr Budget für die Digitalisierung zusammengestrichen.

    > Langsam aber sicher verabschieden sich die “Boomer”-Jahrgänge, die bisher einen durchaus relevanten Teil der Mitarbeitenden in Verwaltung und Justiz stellten, in den Ruhestand. Der demografische Wandel und veränderte Berufsvorlieben sorgen dafür, dass die Lücken durch neues Personal nicht zu schließen sein werden.

    > Digitale Infrastruktur des Staates muss in der Politik endlich als das verstanden werden, was sie im Jahre 2023 ist: schiere Notwendigkeit statt “Nice to have”.

  2. Man könnte fast meinen, die Politik dazu wäre lange Zeit praktisch stillgestanden…

  3. Wurde letztens noch aufgefordert der Polizei ein Fax zu schicken

  4. > Und damit es auf gar keinen Fall besser wird, hat die Ampelkoalition gerade erst ihr Budget für die Digitalisierung zusammengestrichen.

    Da ist wohl jemand versehentlich auf die Schuldenbremse getreten…

  5. Ich weiß nicht genau wie das in der öffentlich Verwaltung ist, aber wenn man ein digitales System in der Pharma installieren will hat ein jahrelanges Projekt an der Backe. Man kämpft dan noch gegen den Widerstand von fast allen Mitarbeitern (wieso müssen wir das jetzt so machen?! Das hat doch sonst immer funktioniert!) und ist der Arsch für alle. Die Leute protestieren und verzweifeln am neuen System.

    Ich will mir garnicht im entferntesten vorstellen wir das im ÖD sein muss, wenn man da Mitarbeiter hat die Prozesse 30-40 Jahre nach einem Muster gemacht haben und man plötzlich mit was ganz neuem kommt. Ich bezweifele auch stark, dass der ÖD bereit ist viel für ein gutes System auszugeben und deswegen wohl auch keine guten Anbieter dafür finden.

  6. Erst wenn Manfred seine Rente nicht mehr pünktlich bekommt, weil jemand im Amt vergessen hat den Überweisungsträger pünktlich in die Hauspost zu geben, wird sich in diesem Land digital etwas tun. Will sagen, bevor die Boomer-Generation nicht wortwörtlich ausgestorben ist, brauchen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass sich hier irgendjemand ernsthaft um echte Digitalisierung kümmert.

  7. Viele dieser nicht sichtbaren Probleme sabotieren Deutschland.

    Beispiel: Die langsame Justiz.

    Fall A – Zivilrecht: Eine der Konsequenzen der ewigen Verfahrensdauern ist, dass viele nötige Auseinandersetzungen nicht vor Gericht ausgetragen werden, sondern eine Partei zurückstecken muss, weil das Verfahren zu lange dauern wird. Ich habe gerade zwei so Probleme an der Backe, es geht um WEG-Recht und Mietrecht. Eigentlich müsste ich klagen. Aufgrund der zu erwartenden Verfahrensdauer vor 2-3 Jahren nützt das aber nichts. Bis ich das zu 100% erwartbare Urteil habe, muss ich das Problem anderweitig lösen. Es kommen also Leute mit Rechtsbruch davon, weil sie von einer lahmen Justiz geschützt werden.

    Fall B – Strafrecht: Wie kann es sein, dass Straftäter laufen gelassen werden müssen, weil die Justiz nicht hinterher kommt?

    Der deutsche Staat mit seinen LKW-Ladungen an einzuhaltenden Gesetzen braucht auch eine öffentliche Verwaltung und Justiz, die die Umsetzung dieser Regeln garantiert.

  8. Als Wiedergutmachung für diese analoge Nachlassschuld streichen wir den Boomern einfach die Rente und setzen das Geld sinnvoller ein.
    Danke.

  9. Und dann wird mit dem OZG häufig vordergründig digitalisiert. Dann hast du ein tolles Online-Formular, aber keine Datenbank, in die es einfließt. So muss der Sachbearbeiter weiterhin so arbeiten, als hätte er Papier, nur dann auf dem Bildschirm.

  10. Witzig wie hier einige lieber wieder direkt Wind aus den Segeln nehmen und relativieren.

    *Bürger mitnehmen… Meine Eltern… schön und gut, aber…*

    So wird das nix. Letztens bin ich hier noch runtergewählt worden, weil ich die Digitalisierung in der Verwaltung gefordert habe.

    Man sieht es doch an Dänemark als nur ein Beispiel wie einfach es sein kann. Man will aber in D das Rad wieder neu erfinden anstatt sich einfach mal was abzugucken. Nicht 1:1. Klar. Aber lünkern darf man doch wohl.

  11. Wir müssen einfach mehr machen und weniger fragen. Denkt mal drüber nach es gibt IMMER min. eine Abmahnung bevor man gekündigt wird. Wir müssen anfangen ohne zu fragen bessere Prozesse zu etablieren, heimlich Faxgeräte aus „Inkompetenz“ absichtlich lahmlegen und das alles immer mit einem freundlichen Grinsen im Gesicht und einer digitalen alternative in der Hand.

    Ich bins leid etliche Meetings zu vereinbaren um no brainer durchzudrücken. Irgendwann wird das einfach gemacht und fertig!

  12. Ich habe neulich für einen Klienten eine Mail an eine Behörde verschickt und dummerweise einen Anhang vergessen. Auf die Mail kam aber keine Antwort, stattdessen habe ich eine Woche später eine schriftliche Aufforderung den Anhang nachzureichen und dazu einen **Ausdruck** der Mail als Anhang erhalten.

  13. Rant: Wir leisten uns einen Wasserkopf aus ineffizientem Beamtentum, deren Lobby sich im Deutschen Bundestag gegen jede Art von Reform stemmt. Der ÖD liefert einfach die falschen Anreize als Arbeitgeber. Er zieht Leute an, die quasi unkündbar eine ruhige Kugel schieben wollen. Du bekommst nicht mehr Geld oder eine Beförderung wenn du gut und fleißig bist. Ist egal. Egon im Büro nebenan macht gar nix und bekommt dasselbe. Ich habe in Projekten gearbeitet, die die Digitalisierung der Verwaltung vorantreiben sollten. Du hast da zum Beispiel die Aasgeier Consultants, die absurde Dinge in Rechnung stellen, weil sie es halt können. Jede Privatfirma hat ein ordentliches Controlling. Im ÖD hast du Erbsenzähler, die für jeden Kuli einen Beleg wollen. Aber wenn dann Accenture völlig überdrehte Kosten aufstellt, wird nicht mit der Wimper gezuckt. Der Staat hats ja. In mir ist damals die eiskalte Wut hochgefahren, als ich erleben musste, wie mit Steuergeldern umgegangen wird. Ich bin froh, dass die Gelder für die Digitalisierung gekürzt wurden. Du kannst das Problem nicht lösen, in dem du es mit immer mehr Geld bewirfst. Davon profitieren die falschen. Nicht der Bürger.

  14. Vom Inneren der Verwaltung: ja, bitte!! Bitte! BITTE! Mehr Digitalisierung.

    Dazu gehört aber einiges. Eigene Programme. Mobile Ausrüstung. Plattformen und Cloud zum Austausch zwischen Behörden. Schulungen für die Programme. Anwenderbetreuung personell entsprechend ausstatten. Bürgerfreundliches Interface. Automatisierte Vorauswertung im Hintergrund bevor ein Mensch drauf schauen muss. Digitale Anträge ermöglichen, für alles und Termine nur dann vergeben wenn grünes Licht ist (=alle Unterlagen da, Zuständigkeit geklärt).

  15. Der Artikel streift ein Thema, das ich aber wichtig finde: Wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist bestimmte Aufgaben zu erfüllen, dann sollte er sich Gedanken machen, ob wir diese Aufgaben wirklich benötigen oder ob wir da auch was streichen können. Wenn jetzt die Führerscheinämter untergehen, dann sollten wir überlegen, ob wir das mit dem Umtausch wirklich machen müssen oder ob das auch anders geht. Würde es auch anders gehen, dass man nicht nach einem Umzug sich beim Amt ummelden muss? Oder ginge das mit der Anmeldung eines Autos auch anders und ohne Amt wie bei Mofas oder eScootern?

  16. das lustige ist ja, dass ihr bei gleichzeitigem verschlafen der digitalisierung den datenschutz wirrwarr maximalst hochgezogen habt – so dass selbst bei wille der ämter und der bürger zu digitalisieren, das ganze sowieso mittlerweile viel zu kompliziert und umständlich würde

    da versteh ich auch, dass man lieber bei “proven technologies” wie dem fax und der post bleibt

  17. Ich kann hier tatsächlich so alberne Schen beobachten wie: Beschaffungsantrag elekronisch erstellt und versandt. Der kommt irgenwann zurück und es stellt sich raus er wurde zwischendurch zweimal ausgedruckt, irgenwer hat mit Buntstift drauf rumgekritzelt und dann wurde alles wieder eingescannt. Ein Irrenhaus. Weit entfernt von vernünftigem Dokumentenmanagement. Absurd viele Stationen die sowas durchqueren muss bevor es bei denen ankommt die tatsächlich was bestellen. Keiner von denen trägt was sinnvolles zum Prozess bei. Das Schlimmste wäre wenn dieser Wahnsinn eins zu eins digitalisiert würde.

  18. Aber da fehlt ein ganz großer Punkt der groß zum Versagen beiträgt: Verwaltungssoftware machen nur noch Unternehmen, welche sich darauf spezialisiert haben. Und die sind fast alle spezialisiert darauf, die Scheiße die rauskommt, fürstlich bezahlen zu lassen.

    Da kommt man vermutlich nie wieder raus. Der Digitalisierungszug scheint für mich abgefahren und das Gleis dahinter wurde direkt abgebaut.

  19. Krux, die ältere Generation die jetzt am Ruder und in der Verwaltung sitzt kann, selbst wenn alle aufhören würden Faxe zu schicken, nicht dazu verpflichtet werden z.b. am pc neuere Prozesse zu lernen. Es gibt leider keine Möglichkeit da weiterbildungen durchzusetzen. Das ist jetzt ein riesen Problem da die Bürokratie sich damit intern und Abteilungs sowie Standortübergreifend selbst ein Bein stellt.

    Die Rufe hier nach Gen Z macht das schon. Mit frischen Ideen. Also ganz ehrlich, die deutsche Verwaltung zu reformieren ist sprichwörtlich ein Vollzeitjob. Damit sind die ja auch schon wieder raus.

    Bleibt eigentlich nur den ganzen Bums direkt auf Automatisation und Künstliche Intelligenzen umzustellen.

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