**»Wir können nicht ausschließen, dass deutsche Soldaten in wenigen Jahren kämpfen müssen«**
*Hat die Bundeswehr zu viele Sachbearbeiter und zu wenige kampffähige Soldaten? Der Militärhistoriker Sönke Neitzel attestiert den Deutschen einen pazifistischen Selbstbetrug. Und rät der Armee, mehr zu singen.*
*Ein nassgrauer Dezembernachmittag, der Historiker Sönke Neitzel, 55, wartet bereits am Eingang zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin, ein monumentales Denkmal für die im Kampf gegen Nazideutschland gefallenen Soldaten der Roten Armee. Riesenhafte Soldatenstatuen thronen auf Granit, Reliefs zeigen Kriegsszenen. Ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist, einerseits. Andererseits wirkt er in dieser Zeit der Konfrontation mit dem heutigen Russland seltsam aktuell. Er müsse mal mit seinen Studenten herkommen, sagt Neitzel zu Beginn des Spaziergangs.*
SPIEGEL: Herr Neitzel, haben Sie gedient?
Neitzel: Ja, ich war Wehrpflichtiger in den Jahren 1987/88. Im nordhessischen Hofgeismar hatte ich die heldenhafte Aufgabe, als Nachschubsoldat eine Tankstelle zu leiten. Eine recht ereignisarme Zeit, die ich vor allem dazu nutzte, Lateinvokabeln für mein Geschichtsstudium zu lernen.
SPIEGEL: Waren Sie nach Ihrer Zeit beim Bund kriegstüchtig?
Neitzel: Auf gar keinen Fall. In der Grundausbildung hatten sie uns ein bisschen Angst eingejagt, da stellte ich mir durchaus die Frage: Was machst du, wenn ein Krieg ausbricht? Damals ging der Spruch um: Wir können die Russen nur so lange aufhalten, bis eine richtige Armee kommt. Als Kampfunterstützungseinheit hätten wir nicht an vorderster Linie gestanden, daher konnte von Kriegertum bei uns auch nicht im Ansatz die Rede sein.
SPIEGEL: War Krieg damals präsenter als heute?
Neitzel: Krieg war eine abstrakte Gefahr. Zwar haben wir an meiner hessischen Gesamtschule nach dem Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa viel über die atomare Aufrüstung diskutiert. Aber jedem war klar: Wenn ein Krieg ausbricht, liefe er wahrscheinlich auf einen globalen Atomkrieg hinaus. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass die Sowjets das Risiko eingehen würden. Die Sowjetunion war eine Status-quo-Macht. Heute ist die Lage kritischer.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Neitzel: Der russische Präsident Wladimir Putin ist nicht auf den Erhalt des Status quo aus. Das zeigt er uns in der Ukraine. Er will die Nato-Osterweiterung rückgängig machen und das Imperium wiederherstellen. Hinzu kommen die revisionistischen Bestrebungen Chinas und des Iran. Im Kalten Krieg war der Krieg aus deutscher Sicht eine eher theoretische Bedrohung. Das ist er heute nicht mehr. Wir können nicht ausschließen, dass deutsche Soldaten in wenigen Jahren kämpfen müssen, um Nato-Gebiet zu verteidigen.
SPIEGEL: Verteidigungsminister Boris Pistorius fordert, dass nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Gesellschaft kriegstüchtig wird. Hat er recht?
Pistorius: Pistorius ist nicht Familien-, sondern Verteidigungsminister. Er muss so sprechen. Er muss der Bevölkerung klarmachen, dass es an der Nato-Ostflanke zum Krieg kommen kann. Und dass dies dann nicht nur das Problem von ein paar Soldaten wäre. Krieg – das bedeutet auch Angriffe auf die deutsche Infrastruktur und im Cyberbereich. Betroffen wäre die ganze Gesellschaft.
SPIEGEL: Warum die martialische Wortwahl? Reicht es nicht, ein »verteidigungsfähiges« Deutschland zu fordern?
Neitzel: Seit 30 Jahren fahren die Deutschen eine semantische Vermeidungsstrategie. Wann immer es um den Krieg und ums Kämpfen geht, verdrängen sie die Wirklichkeit. Selbst beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr scheuten Politik und Öffentlichkeit lange das K-Wort. Was wäre denn die Verteidigung gegen einen russischen Angriff anderes als ein veritabler Krieg? Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.
*Neitzel zeigt im Treptower Park auf die in Gold gefasste Inschrift eines Sarkophags: »Im Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland wortbrüchig unser Land«, steht da, »in brutaler und niederträchtiger Weise«.*
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das Bedürfnis nach Verdrängung?
Neitzel: An einem Ort wie diesem hier ist das Bedürfnis, Krieg zu verdrängen, sehr nachvollziehbar. Wir können unserer Geschichte nicht entkommen. Welche andere Schlussfolgerung sollten die Deutschen aus zwei verlorenen und verheerenden Weltkriegen ziehen – außer der, dass Krieg unbedingt vermieden werden muss? Die deutsche Lehre lautet: Nie wieder. Das bedeutet auch: Nie wieder Täter sein. Die Haltung sitzt so tief, da kommt vielen schon das Reden über den Krieg verdächtig vor.
SPIEGEL: Ist das nicht Ausdruck einer pazifistischen Grundhaltung in Deutschland?
Neitzel: Die gab es nie. Pazifistisch waren die Kultureliten, aber nicht die Gesamtbevölkerung. Das belegt die niedrige Zahl von Wehrdienstverweigerern. Verlautbarungen wie das »Manifest für Frieden« aus der Feder von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer missverstehen Pazifismus. Sie plädieren dafür, dass die überfallene Ukraine Frieden gegen Freiheit tauscht.
SPIEGEL: Auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit können sich die Deutschen nicht an ihrer Vergangenheit orientieren. Gibt es anderswo Vorbilder?
Neitzel: Die USA, Großbritannien oder Israel werden da gern zum Vergleich herangezogen. Aber das sind schiefe Bezugsgrößen. Diese Staaten haben eine ganz andere Geschichte, und sie sind in einer anderen geopolitischen Lage als wir. Wir sollten uns eher an Ländern wie Italien, den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Das sind Demokratien, die unserem Habitus ähnlicher sind und die teils ebenfalls Brüche in ihrer Geschichte haben. Denken wir an den niederländischen Kolonialismus oder den italienischen Faschismus. Trotzdem stellt dort kaum jemand in Abrede, dass Streitkräfte zur Androhung und Anwendung militärischer Gewalt nötig sind. So viel Realismus sollte auch uns möglich sein.
SPIEGEL: Mal angenommen, die früheren Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen oder Annegret Kramp-Karrenbauer hätten zur Kriegstüchtigkeit aufgerufen. Sie wären ihren Job los gewesen, oder?
Neitzel: Es hätte jedenfalls eine Welle der Entrüstung gegeben. Aber bei Kramp-Karrenbauer deutete sich der Wandel bereits an. In einigen Reden sprach sie vom Kämpfen. Mehr wagten die letzten Ministerinnen und Minister nicht. Auch Pistorius hat sich dem Wort von der Kriegstüchtigkeit allmählich angenähert. Jetzt ist die Zeit reif dafür.
SPIEGEL: Was unterscheidet Pistorius darüber hinaus von seinen Vorgängerinnen?
Neitzel: Er hat keine Berührungsängste gegenüber den Streitkräften. Er fühlt sich wohl unter Soldaten. Er redet klar und traut sich was.
SPIEGEL: Erfüllt er eine Sehnsucht nach dem starken Mann?
Neitzel: Das tut er. In Krisenzeiten wünschen sich viele Führung. Sie wollen wissen, worum es geht. Pistorius ist da klar.
Radikale Idee: gebt jedem Land eigene Atomwaffen und es ist Friede auf der Erde. Entweder weil sich tatsächlich niemand mehr angreift oder genau das Gegenteil davon.
wir haben soldaten?
Ehrliche, aber harte Worte. Oder eher ungewohnt für meine Ohren. Der Soldatenberuf vereint so viele Aspekte, die sich in der konservativen oder gar rechten Ecke finden. In Friedenszeiten denkt man an alte Menschen, die der verweichlichten Jugend einen richtigen Krieg zur Abhärtung gönnen würde oder sowas in die Richtung. Nun haben sich die Zeiten geändert, obwohl der Ukraine Krieg nicht die erste Krise im neuen Jahrtausend ist, die eine gewaltvolle Lösung benötigt..
Klartext, der in der heutigen Zeit nötig ist. Der Frieden in Europa ist grundsätzlich gefährdet und es ist an der Zeit, dass wir wieder der Realität ins Auge sehen und verstehen, dass Frieden durch militärische Stärke gesichert wird.
Dr. Neitzel ist schon sehr genial und direkt, das habe ich immer schon geschätzt.
Wir in Deutschland wurden nun mal seit der Wende im Glauben gelassen, dass eine unbefristete Zeit des Friedens angebrochen ist. Wir glaubten Russland (ich weiss, im Nachhinein absurd, Russen etwas zu glauben), dass sie mit uns im Westen friedlich koexistieren und Handel treiben wollten. Und wir hatten uns auf diese Welt vollkommen eingestellt, unsere Armee abgebaut und nur Russengas gekauft.
Num stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser gescheiterten Politik.
Ich find’s sehr interessant, wie er sich immer wieder gerne die Umstände verharmlosend auf Zitate oder Erlebnisse von Kriegsverbrechern bezieht. Dann noch ein Vergleich vom Vernichtungskriegs der Nazis zum Krieg der Ukrainer für ihre Freiheit. Dann noch ein passendes Framing wie Kriegsgetrommel doch ne feine Sache sei. Und das auf n-tv. Falscher Film?
Der gesellschaftliche Wandel – Herr Neitzel nennt Traditionspflege und die Anerkennung von Soldaten als Beispiel – dürfte der sogar noch größere Berg zu überwinden sein, als die Entbürokratisierung der Bundeswehr.
Wir brauchen einen Mentalitätswandel und zwar rascher als es uns lieb wäre. Die Überwindung unserer Jahrzehnte-langen verantwortungsscheuen extrem-pazifistischen Behäbigkeit zugunsten einer verantwortungsvollen Wehrhaftigkeit muss binnen weniger Jahre vollzogen werden. Hierfür braucht es mutige Politiker, die der Bevölkerung auch unbequeme Mühen abzuverlangen bereit sind.
>Neitzel: Ja, nach schwedischem Modell: Alle werden gemustert, aber nur fünf Prozent eines Jahrgangs werden eingezogen: jene, die wollen und die am fittesten sind. Das würde die Nachwuchsprobleme der Bundeswehr mindern. Und es würde jeden einmal mit der realen Gefahr eines Krieges konfrontieren.
Das beißt sich aber ziemlich mit der Wehrgerechtigkeit.
Egal wie ein deutscher Kampfeinsatz aussehen würde, mangels Munition und Ausrüstung kann man davon ausgehen, dass ein solcher Einsatz nach sehr kurzer Zeit vorbei wäre
Das ergibt keinen Sinn. Ich höre immer wieder das die Russen kurz vorm kollaps stehen und nur noch Müllpanzer und Silvesterböller für die Front haben.
Blödsinnige Panikmache. Wenn die russische Armee schon seit 2 Jahren damit überfordert ist die ukrainische Armee zu besiegen, dann sehen ihre Chancen gegen die komplette NATO extrem düster aus. Und das sollte selbst den verwegensten Militaristen im Kreml klar sein.
>Seit 30 Jahren fahren die Deutschen eine semantische Vermeidungsstrategie. Wann immer es um den Krieg und ums Kämpfen geht, verdrängen sie die Wirklichkeit. Selbst beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr scheuten Politik und Öffentlichkeit lange das K-Wort. Was wäre denn die Verteidigung gegen einen russischen Angriff anderes als ein veritabler Krieg? Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.
Besser kann man es nicht ausdrücken.
Deutschland hat immer noch nicht die Eier seine Vergangenheit zu überwinden.
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Ich erlaube mir mal, [das Interview im SPIEGEL](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-militaerhistoriker-soenke-neitzel-ueber-die-bedrohung-aus-russland-a-c1d8265b-1225-4ca9-b32b-b27424f2660c) in Gänze hier zu posten:
**»Wir können nicht ausschließen, dass deutsche Soldaten in wenigen Jahren kämpfen müssen«**
*Hat die Bundeswehr zu viele Sachbearbeiter und zu wenige kampffähige Soldaten? Der Militärhistoriker Sönke Neitzel attestiert den Deutschen einen pazifistischen Selbstbetrug. Und rät der Armee, mehr zu singen.*
*Ein nassgrauer Dezembernachmittag, der Historiker Sönke Neitzel, 55, wartet bereits am Eingang zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin, ein monumentales Denkmal für die im Kampf gegen Nazideutschland gefallenen Soldaten der Roten Armee. Riesenhafte Soldatenstatuen thronen auf Granit, Reliefs zeigen Kriegsszenen. Ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist, einerseits. Andererseits wirkt er in dieser Zeit der Konfrontation mit dem heutigen Russland seltsam aktuell. Er müsse mal mit seinen Studenten herkommen, sagt Neitzel zu Beginn des Spaziergangs.*
SPIEGEL: Herr Neitzel, haben Sie gedient?
Neitzel: Ja, ich war Wehrpflichtiger in den Jahren 1987/88. Im nordhessischen Hofgeismar hatte ich die heldenhafte Aufgabe, als Nachschubsoldat eine Tankstelle zu leiten. Eine recht ereignisarme Zeit, die ich vor allem dazu nutzte, Lateinvokabeln für mein Geschichtsstudium zu lernen.
SPIEGEL: Waren Sie nach Ihrer Zeit beim Bund kriegstüchtig?
Neitzel: Auf gar keinen Fall. In der Grundausbildung hatten sie uns ein bisschen Angst eingejagt, da stellte ich mir durchaus die Frage: Was machst du, wenn ein Krieg ausbricht? Damals ging der Spruch um: Wir können die Russen nur so lange aufhalten, bis eine richtige Armee kommt. Als Kampfunterstützungseinheit hätten wir nicht an vorderster Linie gestanden, daher konnte von Kriegertum bei uns auch nicht im Ansatz die Rede sein.
SPIEGEL: War Krieg damals präsenter als heute?
Neitzel: Krieg war eine abstrakte Gefahr. Zwar haben wir an meiner hessischen Gesamtschule nach dem Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa viel über die atomare Aufrüstung diskutiert. Aber jedem war klar: Wenn ein Krieg ausbricht, liefe er wahrscheinlich auf einen globalen Atomkrieg hinaus. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass die Sowjets das Risiko eingehen würden. Die Sowjetunion war eine Status-quo-Macht. Heute ist die Lage kritischer.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Neitzel: Der russische Präsident Wladimir Putin ist nicht auf den Erhalt des Status quo aus. Das zeigt er uns in der Ukraine. Er will die Nato-Osterweiterung rückgängig machen und das Imperium wiederherstellen. Hinzu kommen die revisionistischen Bestrebungen Chinas und des Iran. Im Kalten Krieg war der Krieg aus deutscher Sicht eine eher theoretische Bedrohung. Das ist er heute nicht mehr. Wir können nicht ausschließen, dass deutsche Soldaten in wenigen Jahren kämpfen müssen, um Nato-Gebiet zu verteidigen.
SPIEGEL: Verteidigungsminister Boris Pistorius fordert, dass nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Gesellschaft kriegstüchtig wird. Hat er recht?
Pistorius: Pistorius ist nicht Familien-, sondern Verteidigungsminister. Er muss so sprechen. Er muss der Bevölkerung klarmachen, dass es an der Nato-Ostflanke zum Krieg kommen kann. Und dass dies dann nicht nur das Problem von ein paar Soldaten wäre. Krieg – das bedeutet auch Angriffe auf die deutsche Infrastruktur und im Cyberbereich. Betroffen wäre die ganze Gesellschaft.
SPIEGEL: Warum die martialische Wortwahl? Reicht es nicht, ein »verteidigungsfähiges« Deutschland zu fordern?
Neitzel: Seit 30 Jahren fahren die Deutschen eine semantische Vermeidungsstrategie. Wann immer es um den Krieg und ums Kämpfen geht, verdrängen sie die Wirklichkeit. Selbst beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr scheuten Politik und Öffentlichkeit lange das K-Wort. Was wäre denn die Verteidigung gegen einen russischen Angriff anderes als ein veritabler Krieg? Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.
*Neitzel zeigt im Treptower Park auf die in Gold gefasste Inschrift eines Sarkophags: »Im Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland wortbrüchig unser Land«, steht da, »in brutaler und niederträchtiger Weise«.*
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das Bedürfnis nach Verdrängung?
Neitzel: An einem Ort wie diesem hier ist das Bedürfnis, Krieg zu verdrängen, sehr nachvollziehbar. Wir können unserer Geschichte nicht entkommen. Welche andere Schlussfolgerung sollten die Deutschen aus zwei verlorenen und verheerenden Weltkriegen ziehen – außer der, dass Krieg unbedingt vermieden werden muss? Die deutsche Lehre lautet: Nie wieder. Das bedeutet auch: Nie wieder Täter sein. Die Haltung sitzt so tief, da kommt vielen schon das Reden über den Krieg verdächtig vor.
SPIEGEL: Ist das nicht Ausdruck einer pazifistischen Grundhaltung in Deutschland?
Neitzel: Die gab es nie. Pazifistisch waren die Kultureliten, aber nicht die Gesamtbevölkerung. Das belegt die niedrige Zahl von Wehrdienstverweigerern. Verlautbarungen wie das »Manifest für Frieden« aus der Feder von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer missverstehen Pazifismus. Sie plädieren dafür, dass die überfallene Ukraine Frieden gegen Freiheit tauscht.
SPIEGEL: Auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit können sich die Deutschen nicht an ihrer Vergangenheit orientieren. Gibt es anderswo Vorbilder?
Neitzel: Die USA, Großbritannien oder Israel werden da gern zum Vergleich herangezogen. Aber das sind schiefe Bezugsgrößen. Diese Staaten haben eine ganz andere Geschichte, und sie sind in einer anderen geopolitischen Lage als wir. Wir sollten uns eher an Ländern wie Italien, den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Das sind Demokratien, die unserem Habitus ähnlicher sind und die teils ebenfalls Brüche in ihrer Geschichte haben. Denken wir an den niederländischen Kolonialismus oder den italienischen Faschismus. Trotzdem stellt dort kaum jemand in Abrede, dass Streitkräfte zur Androhung und Anwendung militärischer Gewalt nötig sind. So viel Realismus sollte auch uns möglich sein.
SPIEGEL: Mal angenommen, die früheren Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen oder Annegret Kramp-Karrenbauer hätten zur Kriegstüchtigkeit aufgerufen. Sie wären ihren Job los gewesen, oder?
Neitzel: Es hätte jedenfalls eine Welle der Entrüstung gegeben. Aber bei Kramp-Karrenbauer deutete sich der Wandel bereits an. In einigen Reden sprach sie vom Kämpfen. Mehr wagten die letzten Ministerinnen und Minister nicht. Auch Pistorius hat sich dem Wort von der Kriegstüchtigkeit allmählich angenähert. Jetzt ist die Zeit reif dafür.
SPIEGEL: Was unterscheidet Pistorius darüber hinaus von seinen Vorgängerinnen?
Neitzel: Er hat keine Berührungsängste gegenüber den Streitkräften. Er fühlt sich wohl unter Soldaten. Er redet klar und traut sich was.
SPIEGEL: Erfüllt er eine Sehnsucht nach dem starken Mann?
Neitzel: Das tut er. In Krisenzeiten wünschen sich viele Führung. Sie wollen wissen, worum es geht. Pistorius ist da klar.
Radikale Idee: gebt jedem Land eigene Atomwaffen und es ist Friede auf der Erde. Entweder weil sich tatsächlich niemand mehr angreift oder genau das Gegenteil davon.
wir haben soldaten?
Ehrliche, aber harte Worte. Oder eher ungewohnt für meine Ohren. Der Soldatenberuf vereint so viele Aspekte, die sich in der konservativen oder gar rechten Ecke finden. In Friedenszeiten denkt man an alte Menschen, die der verweichlichten Jugend einen richtigen Krieg zur Abhärtung gönnen würde oder sowas in die Richtung. Nun haben sich die Zeiten geändert, obwohl der Ukraine Krieg nicht die erste Krise im neuen Jahrtausend ist, die eine gewaltvolle Lösung benötigt..
Klartext, der in der heutigen Zeit nötig ist. Der Frieden in Europa ist grundsätzlich gefährdet und es ist an der Zeit, dass wir wieder der Realität ins Auge sehen und verstehen, dass Frieden durch militärische Stärke gesichert wird.
Dr. Neitzel ist schon sehr genial und direkt, das habe ich immer schon geschätzt.
Wir in Deutschland wurden nun mal seit der Wende im Glauben gelassen, dass eine unbefristete Zeit des Friedens angebrochen ist. Wir glaubten Russland (ich weiss, im Nachhinein absurd, Russen etwas zu glauben), dass sie mit uns im Westen friedlich koexistieren und Handel treiben wollten. Und wir hatten uns auf diese Welt vollkommen eingestellt, unsere Armee abgebaut und nur Russengas gekauft.
Num stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser gescheiterten Politik.
Ich find’s sehr interessant, wie er sich immer wieder gerne die Umstände verharmlosend auf Zitate oder Erlebnisse von Kriegsverbrechern bezieht. Dann noch ein Vergleich vom Vernichtungskriegs der Nazis zum Krieg der Ukrainer für ihre Freiheit. Dann noch ein passendes Framing wie Kriegsgetrommel doch ne feine Sache sei. Und das auf n-tv. Falscher Film?
Der gesellschaftliche Wandel – Herr Neitzel nennt Traditionspflege und die Anerkennung von Soldaten als Beispiel – dürfte der sogar noch größere Berg zu überwinden sein, als die Entbürokratisierung der Bundeswehr.
Wir brauchen einen Mentalitätswandel und zwar rascher als es uns lieb wäre. Die Überwindung unserer Jahrzehnte-langen verantwortungsscheuen extrem-pazifistischen Behäbigkeit zugunsten einer verantwortungsvollen Wehrhaftigkeit muss binnen weniger Jahre vollzogen werden. Hierfür braucht es mutige Politiker, die der Bevölkerung auch unbequeme Mühen abzuverlangen bereit sind.
>Neitzel: Ja, nach schwedischem Modell: Alle werden gemustert, aber nur fünf Prozent eines Jahrgangs werden eingezogen: jene, die wollen und die am fittesten sind. Das würde die Nachwuchsprobleme der Bundeswehr mindern. Und es würde jeden einmal mit der realen Gefahr eines Krieges konfrontieren.
Das beißt sich aber ziemlich mit der Wehrgerechtigkeit.
Egal wie ein deutscher Kampfeinsatz aussehen würde, mangels Munition und Ausrüstung kann man davon ausgehen, dass ein solcher Einsatz nach sehr kurzer Zeit vorbei wäre
Das ergibt keinen Sinn. Ich höre immer wieder das die Russen kurz vorm kollaps stehen und nur noch Müllpanzer und Silvesterböller für die Front haben.
Blödsinnige Panikmache. Wenn die russische Armee schon seit 2 Jahren damit überfordert ist die ukrainische Armee zu besiegen, dann sehen ihre Chancen gegen die komplette NATO extrem düster aus. Und das sollte selbst den verwegensten Militaristen im Kreml klar sein.
>Seit 30 Jahren fahren die Deutschen eine semantische Vermeidungsstrategie. Wann immer es um den Krieg und ums Kämpfen geht, verdrängen sie die Wirklichkeit. Selbst beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr scheuten Politik und Öffentlichkeit lange das K-Wort. Was wäre denn die Verteidigung gegen einen russischen Angriff anderes als ein veritabler Krieg? Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.
Besser kann man es nicht ausdrücken.
Deutschland hat immer noch nicht die Eier seine Vergangenheit zu überwinden.