Lohnschere in der Schweiz –

Frauen holen bei den Löhnen auf – aber Spitzen­gehälter haben Männer

Krankenschwester in einer Kinderklinik bedient einen Computer zur Patientenverwaltung.

Die Lohnschere zwischen Männern und Frauen hat sich reduziert: Krankenpflegerin im Kinderspital Zürich (Symbolbild).

Adrian Moser

In Kürze:Die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen sank auf 8,4 Prozent im Jahr 2024.Bei jungen Erwachsenen besteht fast Lohngleichheit, doch bei verheirateten Frauen öffnet sich die Schere.Drei Viertel der Spitzenverdiener mit Monatsgehalt über 16’000 Franken sind männlich.

Die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern ist weiter gesunken. Dies ist die positive Nachricht für Frauen, welche fünf Männer bei der Präsentation der neuen Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) für 2024 am Dienstag in Bern mitteilen konnten. 2024 betrug das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen noch 8,4 Prozent, gegenüber 9,5 Prozent im Jahr 2022. 2008 lag die Differenz bei über 16 Prozent.

Ines Hartmann, Direktorin des Competence Center for Diversity, Disability and Inclusion der Universität St. Gallen (HSG), sieht mehrere Gründe für diesen Fortschritt: «Es gibt mehr Frauen in Führungspositionen als vor 10 oder 15 Jahren. Zudem haben Lohnbänder den Spielraum für Verhandlungen verkleinert, was Frauen zugutekommt, die oft zurückhaltender verhandeln.» Dadurch orientierten sich Löhne stärker an Kompetenzen und Qualifikationen statt an Faktoren wie dem Alter.

Bis 30 herrscht Lohngleichheit – dann fallen Frauen mit Familie ab

Bei den 20- bis 29-jährigen Arbeitnehmenden ist die Lohnlücke laut BFS nahezu geschlossen – junge Männer und Frauen verdienen fast gleich viel. Doch danach öffnet sich die Schere deutlich. Ledige Frauen verdienen auch im höheren Alter ähnlich viel wie ihre männlichen Kollegen, während das Gehalt verheirateter Frauen ab 30 sinkt.

Die Statistik liefert dazu keine direkten Erklärungen. Ines Hartmann vermutet, dass vor allem die Familiengründung und damit zusammenhängende Aspekte die Gehaltsunterschiede bei Frauen im späteren Alter vergrössert. Gründe dafür sind Teilzeitarbeit und das Klischee, Frauen mit Kindern strebten keine Karriere an.

Bei genauem Hinsehen zeigt sich wie in den Vorjahren, dass die Verteilung der Frauen und Männer innerhalb der verschiedenen Lohnklassen nach wie vor sehr ungleich ist. Spitzenverdiener sind vor allem Männer: Drei von vier Beschäftigten mit einem Monatsgehalt von 16’000 Franken sind männlich.

Um den Frauenanteil in Spitzenpositionen zu erhöhen, fordert Hartmann bessere Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Teilzeitmodelle oder geteilte Führungsrollen könnten hier helfen, da Frauen oft wegen familiärer Verpflichtungen weniger arbeiteten. Auch sei es wichtig, in Beförderungsprozessen Transparenz zu schaffen und Vorurteile bei Führungskräften abzubauen.

Zudem halten Frauen knapp zwei Drittel der Tieflohnjobs, in denen weniger als 4500 Franken monatlich gezahlt wird. Sie arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Branchen wie Reinigung, Coiffeursalons oder Gastronomie. Hartmann plädiert für höhere Löhne in diesen Bereichen und sagt: «Wir sollten junge Frauen auch für technische Berufe und Studiengänge begeistern, die oft besser bezahlt werden.»

Branche, Bildungsgrad und ihr Einfluss auf Lohnungleichheit

Die Lohnstrukturerhebung bestätigt des Weiteren bekannte Trends. Branchen wie Pharma (10’159 Franken), Banken (10’723 Franken) und Tabakindustrie (14’304 Franken) zahlen deutlich über dem Medianlohn. Am unteren Ende stehen der Detailhandel (5214 Franken), Beherbergung (4715 Franken), Gastronomie (4744 Franken) und persönliche Dienstleistungen (4496 Franken).

Auch die Ausbildung spielt eine zentrale Rolle. Universitätsabsolventen verdienen im Schnitt 10’533 Franken, Fachhochschulabsolventen 9288 Franken, während ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) 6390 Franken einbringt.

Die allgemeine Lohnentwicklung wurde bei der Präsentation der Ergebnisse in Bern unterschiedlich bewertet. Roland A. Müller, der Direktor des Arbeitgeberverbandes, lobt: «Wir kommen aus einer Zeit, bestimmt von Kriegen, Zöllen und Unsicherheiten. Angesichts dessen zeigt die Lohnstatistik ein erfreuliches Bild.» Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, sieht das anders: «Seit 2016 sind die Reallöhne nicht gestiegen. Wegen höherer Krankenkassenprämien bleibt den Leuten sogar weniger Geld.»

Die allgemeine Lohnpyramide hat sich laut BFS seit 2008 kaum verändert. Die unteren 10 Prozent der Lohnhierarchie verdienen weniger als 4635 Franken, die oberen 10 Prozent mehr als 12’526 Franken.

Lohnschere zwischen Mann und Frau

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